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StartseiteSport am WochenendeKicken für ein neues Leben28.07.2013

Kicken für ein neues Leben

Wie Sport die Resozialisierung im Jugendstrafvollzug bereichern kann

Fast 5500 Gefangene befinden sich in Deutschland im Jugendstrafvollzug: Die 27 Gefängnisse sind oft überlastet und haben wenig Personal. Viele Insassen leiden an Bewegungsarmut und fühlen sich isoliert. Der Sport wurde dabei lange nur als Freizeitangebot betrachtet, als Belohnung in einer entbehrungsreichen Zeit. Das will die Sepp-Herberger-Stiftung ändern. Für sie ist Fußball ein Erziehungselement der Resozialisierung.

Von Ronny Blaschke

Die Hände eines Gefangenen ragen in der Jugendstrafanstalt Berlin aus dem Zellenfenster. (AP)
Die Hände eines Gefangenen ragen in der Jugendstrafanstalt Berlin aus dem Zellenfenster. (AP)

Kaum jemand kennt die Fußballplätze in der Hauptstadt so gut wie Gerd Liesegang, doch an diesen kann er sich nur schwer gewöhnen: Der Rasen der Jugendstrafanstalt Berlin ist gut gepflegt und umgeben von grauen Betonmauern. 120 Frauen und Männer spielen an diesem sommerlichen Nachmittag um den Sepp-Herberger-Pokal, sie sind zwischen 16 und 24 Jahre alt. Die zehn Teams stammen aus sieben Bundesländern, die meisten Spieler sind zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt worden. Gerd Liesegang steht am Rand und diskutiert mit Sozialarbeitern. Er ist Vizepräsident des Berliner Fußball-Verbandes, hat dutzende soziale Initiativen angestoßen. Auch im Gefängnis ist er als Ratgeber oft zu Gast:

"Hier kann Fußball eine ganze Menge bewirken, gerade für Menschen mit einem schwachen sozialen Umfeld. Wie in vielen Lebenslagen: Da können sie was beweisen, dann sind sie wer, sie haben eine Anerkennung, sie können Leistung bringen."

Wissenschaftler beschreiben Sport als wichtiges Medium im Strafvollzug, für Resozialisierung, Erziehung, Integration. Auf diesem Feld ist die 1977 gegründete Sepp-Herberger-Stiftung aktiv. Zu Lebzeiten hatte der deutsche Nationaltrainer Gefängnisse in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg besucht. Oft wurde er von seinem Kapitän Fritz Walter begleitet. Als Botschafter besuchte Walter mehr als 200 Strafanstalten. Noch heute lädt die Herberger-Stiftung Botschafter zu ihren Turnieren ein, zum Beispiel den ehemaligen Nationaltorhüter Oliver Kahn oder wie nun in Berlin den einstigen Hertha-Spieler Andreas Neuendorf.

"Das ist vielleicht ein kleiner Anstoß, dass man ihnen vielleicht helfen kann, dass sie vielleicht sagen: Ich will hier raus. Oder die haben etwas zum Erzählen und vom Alltag abzulenken und positive Energien zu schöpfen. Dann ist das etwas, das man sich von anderen abschauen kann – oder in dem Fall jetzt von mir."

In 15 Vollzugseinrichtungen stellt die Herberger-Stiftung Bälle und Trikots zur Verfügung. Sie stützt ein Netzwerk mit der Bundesagentur für Arbeit, den Justizministerien der Länder und den Fußballverbänden. So sollen die Teilnehmer nicht nur in Berlin auf die Zeit nach ihrer Haft vorbereitet werden.

"Einmal in der Woche trainieren wir auf jeden Fall. Das ist wieder was ganz Neues für uns, um Aggressionen und Wut rauszulassen, man kann sich so richtig auspowern. Man wird wie eine Familie. Umso mehr Spiele wir haben, umso mehr Zusammenhalt finden wir auch. Sie geben uns Gefangenen damit eine Perspektive, zu sagen: Ok, wir wollen das durchziehen mit Fußball, wir können was damit erreichen. Wir haben gesehen, heute mit diesem Turnier, wir wurden wieder zu Menschen, und so soll es auch weiter gehen."

Vor den Finalspielen nehmen die Teams im Veranstaltungssaal der Strafanstalt Platz. Zwei Mitglieder der Musikgruppe Söhne Mannheims sprechen über Motivation und Erfolg. Anschließend stellen Mitarbeiter ihre Projekte vor. Die Insassen können eine Schiedsrichter- oder Trainerausbildung absolvieren oder ein Bewerber- und Anti-Gewalt-Training belegen. Im Zentrum steht die Wiedereingliederung ins Arbeitsleben.

Auch Gerd Liesegang vom Berliner Fußball-Verband sitzt im Beirat der Jugendstrafanstalt. Dort spricht er mit Pädagogen, Rechtsanwälten und Arbeitsvermittlern. Liesegang ist in Kreuzberg aufgewachsen, er hat Spieler aus schwierigen Verhältnissen betreut und sie später im Gefängnis wieder getroffen. Er hat Vereine gewonnen, die Insassen nach der Haft als Mitglieder aufnehmen. Und er hat Mannschaften gebeten, für Freundschaftsspiele in die Strafanstalt fahren.

"Jetzt gerade in der Sommerzeit ist es sehr oft so, dass einmal pro Woche ein Verein reinkommt für ein Freundschaftsspiel. Union mit den Fans war schon hier. Hertha kommt regelmäßig einmal im Jahr mit der B-Jugend her. Die machen ein Training zusammen, die mischen die Teams. Die Jungs trainieren dann wieder die Strafgefangenen. Nach den Trainingsstunden gehen sie in die Häuser, dann lernen die Hertha-Spieler die Zellen kennen. Weil gerade auch junge Menschen, die anfangen, Profi zu werden, vielleicht auch manchmal in einer Scheinwelt leben. Und das richtige Leben sieht anders aus: Man muss sich durchbeißen, man muss mit Niederlagen leben, man muss sich was erkämpfen. Und dass sehen sie ja dann an Menschen, die hier drin sind. Dadurch können sie in Kontakt kommen, und manch einer geht nachdenklich nach Hause."

Für Sport ist die Jugendstrafanstalt Berlin passabel ausgestattet, mit einem großen Fußballfeld, einem Hartplatz und Fitnessräumen. Und doch ist das Potenzial wie überall in Deutschland nicht ausgeschöpft. Es fehlen Pädagogen, Bewegungstherapeuten und Trainer für innovative Sportarten. Ihre Aufgabe wäre es nicht, den Gefängnisalltag der Insassen möglichst angenehm zu gestalten, sondern eine Basis zu bereiten: für ein verantwortungsbewusstes Leben nach der Haft.

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