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StartseiteKalenderblattGerechtigkeit für einen gefallenen Staatsdiener01.02.2014

Kiessling-AffäreGerechtigkeit für einen gefallenen Staatsdiener

Der Vier-Sterne-General Günter Kießling musste seinen Posten wegen angeblicher Homosexualität räumen. Das Gerücht stellte sich bald als falsch heraus. Am 1. Februar 1984 wurde er wieder in Amt und Würden gesetzt.

Von Monika Köpcke

Bundeswehrgeneral Günter Kießling (AP Archiv)
Der frühere Bundeswehrgeneral Günter Kießling (AP Archiv)
Weiterführende Information

Vom Morast in den abgrundtiefen Sumpf (Deutschlandfunk, Hintergrund, 03.01.2009)

Ehemaliger General wirft Bundeswehrführung Verdrängung vor (Deutschlandradio Kultur, Thema, 15.09.2008)

"General Kießling hat bittere Wochen durchmachen müssen, aber auch für Manfred Wörner war dies eine Zeit, an die er sicherlich noch lange in seinem Leben zurückdenken wird."

Was die Journalisten in der Bundespressekonferenz an diesem 1. Februar 1984 so bitter lachen ließ, war die Kaltschnäuzigkeit, mit der Bundeskanzler Helmut Kohl Opfer und Täter in einer schmierigen Affäre in einen Topf warf.

"Ich kann nur sagen, ich habe pflichtgemäß gehandelt. Und auch General Kießling muss verstehen, dass in einem solchen Fall bei begründeten Verdachtsmomenten gehandelt wird. Das geschieht mit jedem Hauptmann so, und das muss auch bei einem General so geschehen."

Im Sommer 1983 war Verteidigungsminister Manfred Wörner das Gerücht zu Ohren gekommen, Günter Kießling, Vier-Sterne-General der Bundeswehr und stellvertretender Oberbefehlshaber der NATO, sei homosexuell. Kießling galt als eigenbrötlerisch und war unverheiratet. Zwar war Homosexualität nicht mehr strafbar, aber die Bundeswehr war noch weit davon entfernt, sie in ihren Reihen zu akzeptieren. Nach ihren Richtlinien wurde sie als "abnormes Verhalten auf sexuellem Gebiet" eingestuft und galt damit als Sicherheitsrisiko, weil sie die Betroffenen erpressbar mache. Dass sein unter vier Augen gegebenes Ehrenwort, das Gerücht sei falsch, dem Verteidigungsminister nichts galt, kränkte Günter Kießling noch 25 Jahre später. 2008, ein Jahr vor seinem Tod, sagte er:

"Er kommt ja in einem nicht umhin, dass er, was er als Disziplinarvorgesetzter, der er war, dass er nach bestem Wissen und Gewissen die beiden Standpunkte abzuwägen hat. Und er hat sich verleiten lassen nur danach zu suchen, was den Betreffenden, der ich hier war, belastete."

Wörner ließ den Militärischen Abschirmdienst recherchieren. Mit einem Foto von Kießling zogen die Fahnder durch die Kölner Szenekneipen. Und tatsächlich: Jemand wollte auf ihm einen "Günter oder Jürgen von der Bundeswehr- irgendetwas mit ü" wiedererkannt haben. Und auch andere Zeugen wussten von ausschweifenden Abenden zu berichten. Wörner reichte das als Beweis und er entließ den General in den vorzeitigen Ruhestand. Alles sollte still und heimlich über die Bühne gehen. Doch Anfang Januar bekam die Presse Wind von der Sache. Nun ging Kießling in die Offensive. Im Deutschlandfunk sagte er am 21. Januar 1984:

"Ich bin zu keinem Zeitpunkt erpressbar gewesen. Und ich bin vor allen Dingen auch nicht erpressbar gewesen, weil es bei mir niemals im Leben irgendwelche homosexuellen Neigungen oder gar Beziehungen gegeben hat."

Reporter hefteten sich an die Fersen des MAD und zogen ebenfalls durch die Kölner Schwulen-Szene. Und schon bald fanden sie tatsächlich einen "Jürgen von der Bundeswehr" - einen Wachmann, der eine gewisse Ähnlichkeit mit General Kießling hatte. Die Öffentlichkeit war empört. Nicht über einen möglicherweise homosexuellen General, sondern über den würdelosen Umgang mit dem Verleumdeten. Nun erst mischte sich der Bundeskanzler ein: Helmut Kohl ließ alle weiteren Ermittlungen einstellen und ordnete die Rehabilitation von Günter Kießling an. Am 1. Februar 1984 überreichte Manfred Wörner dem vormals von ihm geschassten General seine Wiederernennungsurkunde.

"General, wir beide haben uns verständigt, die Ereignisse der letzten Monate hier nicht anzusprechen. Sie haben schwere Kränkungen hinnehmen müssen. Ich bedaure das zutiefst. Ich hoffe, dass wir eines Tages wieder das menschliche Einvernehmen haben werden, das unsere Bekanntschaft so lange geprägt hat."

Wörners Karriere schadete die Kießling-Affäre nicht. 1988 ging er als NATO-Generalsekretär nach Brüssel. Lediglich einer seiner Staatssekretäre und der Chef des MAD mussten ihre Posten räumen.

War alles nur eine Verwechslung oder eine riesengroße Schlamperei? War es eine Intrige, oder steckte gar die Stasi hinter allem? Bis heute sind die Umstände der Kießling-Affäre nicht eindeutig geklärt. Die Bundeswehr brauchte noch 16 Jahre, um endlich ihre Richtlinien zu ändern: Seit dem Jahr 2000 stellt Homosexualität offiziell kein Karrierehindernis mehr dar. 

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