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StartseiteKommentare und Themen der WocheGünstige Preise und ihre wahren Kosten29.11.2018

Kik-ProzessGünstige Preise und ihre wahren Kosten

Beim Zivilverfahren gegen den Discounter Kik gehe es um die globale Haftung von Unternehmen für die Umstände ihrer Produktion. Aus dieser Verantwortung könnten sich Unternehmen künftig nicht mehr stehlen, kommentiert Moritz Küpper. Doch auch wir Verbraucher sollten uns nicht mehr bequem zurücklehnen.

Von Moritz Küpper

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FRauen und Männer arbeiten unter schweren Bedingungen in der Textilfabrik 'One Composite Mills' in Gazipur an Nähmaschinen. (picture alliance / Doreen Fiedler)
Unternehmen sollten global haften - auch und gerade wenn sie in Niedriglohnländern mit Zulieferern arbeiten (picture alliance / Doreen Fiedler)
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Es war eine Premiere: Zum ersten Mal gab es eine Zivil-Klage in Deutschland gegen eine deutsche Muttergesellschaft für ein Schadensereignis bei einer im Ausland angesiedelten Zulieferer-Firma, so die recht formale, juristische Beschreibung. Dahinter steht schlicht die Frage nach Verantwortung.

Gefälle von Reichtum und Macht

"Outgesourct", das ist die Vokabel, die das globale Geschäftsprinzip wohl am besten beschreibt: Für wenig Geld und ohne eben Verantwortung, werden anderorts, also in Bangladesch, Indien, China oder eben Pakistan, in diesem Fall Klamotten hergestellt, um sie - durch diesen Kostenvorteil - günstig in Deutschland zu verkaufen.

Plastischer als hier, lässt sich das Reichtums- und damit Machtgefälle weltweit, wohl nicht darstellen. Zumal es heute zwar um die Textil-Branche ging, es aber nicht viel Phantasie benötig, diesen Mechanismus auf andere Branche, andere Unternehmen, zu übertragen.

Zweieinhalb Jahre ist es her, dass der heutige Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble, im Zuge der weltweiten Flüchtlingsbewegung davon sprach, dass diese - Zitat - "unser Rendezvous mit der Globalisierung" sei - ob es uns gefalle, oder nicht. Und ähnliches erlebt heute das Unternehmen "KiK", aber mit ihm eigentlich alle im Ausland produzierenden Firmen, ergo fast die ganze deutsche Wirtschaft - und somit auch, die ganze Gesellschaft.

Jahrzehnte wurde tatenlos zugeschaut

Jahrzehnte, wurde zugeschaut, wie sich dieser Mechanismus, dieses Machtgefälle, etablierte und - auch das stimmt - ursächlich war und ist für einen westlichen Lebensstandard, der einer ehrlichen, moralischen, aber auch ressourcen-technischen und nachhaltigen Überprüfungen wohl nicht standhalten würde.

Die Unternehmen, die politischen Akteure in Deutschland, aber auch international, haben dies hingenommen und laufen gelassen. Vielleicht auch, weil sich die wirtschaftliche Globalisierung schneller etabliert hat, als der politische, rechtliche und erst recht moralische Rahmen dafür.

Doch diese Sorglosigkeit schlägt jetzt zurück. Das Vakuum, das gelassen wurde, wird nun von Organisationen und Anwälten gefüllt. Ein Mechanismus, den wir mittlerweile kennen, beispielsweise bei den gerichtlich erstrittenen Fahrverboten für Diesel-Autos in Großstädten. Da ist die Systematik ähnlich.

Auf dem Weg zur globalen Unternehmenshaftung

Aber: Davonstehlen, das ist die Botschaft des heutigen Tages, funktioniert künftig nicht mehr. Wenn ein Brand irgendwo auf der Welt, in der Firma irgendeines Zulieferers, zu einem möglichen Geschäftsrisiko werden kann, denken auch Unternehmen um.

Mancherorts, wie beispielsweise in Frankreich, ist man schon weiter, auf dem Weg zu einer globalen Unternehmenshaftung. Hierzulande, jedenfalls, wird es juristisch weitergehen. Denn den Klägern heute geht es nicht nur um ihr Schmerzensgeld, sondern vor allem, um eine Veränderung der Umstände.

Doch bevor wir alle uns bequem zurücklehnen und eben auf Gerichte, Unternehmen und die Politik zeigen, liegt es vor allem auch an uns Kunden und unserer Bereitschaft, einmal über günstige Preise und echte Kosten nachzudenken.

Vielleicht sogar im anstehenden Weihnachtsgeschäft.

Moritz Küpper (©Deutschlandradio / Bettina Straub)Moritz Küpper (©Deutschlandradio / Bettina Straub)Moritz Küpper, Jahrgang 1980, studierte Politik- und Kommunikationswissenschaften und Volkswirtschaftslehre in München und Washington, D.C. und besuchte die Deutsche Journalistenschule. Er promovierte an der Universität Bonn und arbeitete als Redakteur bei Capital, in der Online-Redaktion des Deutschlandradios sowie der Deutschlandfunk-Sportredaktion. Seit 2015 ist er als Deutschlandradio-Landeskorrespondent in Nordrhein-Westfalen tätig.

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