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StartseiteAus Religion und GesellschaftIst die Menschheit noch zu rechtfertigen? 02.12.2020

Kinder, Klima, KatastrophenIst die Menschheit noch zu rechtfertigen?

Der Mensch ruiniert den Planeten. Deshalb wäre es besser, weniger oder gar keine Kinder zu bekommen. Das fordern derzeit manche in der Klimadebatte. Doch die Idee, menschliche Geburten erzeugten generell Leid und seien deshalb abzulehnen, ist nicht neu. Ist ein Kompromiss möglich?

Von Christian Röther

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Hanover, Germany - May 24: On the occasion of the Global Strike for Future/Climate, the local movement "Hannover for Future" Organized a march through the city center against the climate change and the inaction of the government on May 24, 2019 in Hanover. The event brought together nearly 12,000 people including many young people. (Photo by Peter Niedung/NurPhoto) | Keine Weitergabe an Wiederverkäufer. (picture alliance / NurPhoto / Peter Niedung)
Wäre der Planet ohne seine menschlichen Bewohner besser dran? Eine Fridays-for-Future-Demonstration in Hannover (picture alliance / NurPhoto / Peter Niedung)
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Verena Brunschweiger vs. Nina Pauer Sind Kinder Klimakiller?

"Unser Planet bricht gerade um uns herum zusammen", sagt die britische Musikerin Blythe Pepino in der BBC. "Ich bin so enttäuscht darüber, wie die Politik auf diese Krise reagiert. Deshalb habe ich entschieden, dass ich kein Kind in diese Welt setzen kann. Und viele andere entscheiden sich genauso. Sie haben solche Angst. Deshalb ist es ihnen unmöglich, eine Familie zu gründen."

Blythe Pepino ist Gründerin der Aktion "Birthstrike", "Geburtenstreik".

"Endlich spricht es mal jemand aus: Dass der wichtigste Beitrag, den wir zum Schutz des Klimas leisten können, der Verzicht auf Kinder ist" - so der Literaturkritiker Denis Scheck in der ARD – und im ZDF der Kabarettist Sebastian Pufpaff: "Kinder: laut, nervig und kacke fürs Klima. Weniger fliegen, weniger Auto fahren – kann man machen, wenn man doof ist. Wer den Planeten wirklich liebt, stellt sofort das Knattern ein."

Wir hören einfach auf, uns fortzupflanzen, meint Les U. Knight, Gründer des "Voluntary Human Extinction Movement" – also der "Bewegung für das freiwillige Aussterben der Menschheit". Denn wenn die Menschheit ausgestorben sei, habe die Erde eine Chance sich zu erholen.

Sind Kinder schlecht fürs Klima? 

Kinderkriegen ist schlecht fürs Klima. Man sollte es besser lassen, um den Planeten zu retten. Was vor ein paar Jahren wohl noch unsagbar war, wird inzwischen recht offen diskutiert. Es sind Stimmen einer Minderheit, aber sie sind in vielen Ländern zu hören.

"Your parents are two people who just wanted a good night together. You don‘t have to respect them for that.": Dieser Inder nennt sich Raphael Samuel und hat angekündigt, seine Eltern zu verklagen, weil sie ihn ohne sein Einverständnis ins Leben gezwungen hätten. Diese Extremposition nennt sich Antinatalismus: die absolute Ablehnung menschlicher Geburt. Mal spielt die Klimafrage dabei eine Rolle, oft aber auch nicht, denn der Antinatalismus lehnt menschliche Reproduktion generell ab.

Stars der Szene sind der Belgier Théophile de Giraud, der sich laut eigenen Worten einsetzt für ein "langsames und friedfertiges Aussterben der Menschheit". Oder der Südafrikaner David Benatar, Autor des antinatalistischen Standardwerks "Better Never To Have Been" - "Besser niemals gewesen sein."

"Eine der größten Umweltsünden"

In Deutschland machte zuletzt die Lehrerin Verena Brunschweiger Schlagzeilen – mit ihrem Buch "Kinderfrei statt kinderlos". Sie sagte im Deutschlandfunk: "Zu diesem Thema, was wir heute besprechen - Sind Kinder Klimakiller? - muss ich als Öko-Feministin natürlich schon einfach sagen, dass Reproduktion - als deren unschuldige Resultate ja die Kinder dann zur Welt kommen - durchaus eine der größten Umweltsünden darstellt. Bekanntlich bringt der Verzicht auf ein Kind weit mehr als alle anderen individuell möglichen Beiträge zum Klimaschutz. So etwas wie Flugreisen oder Fleischkonsum wird wenigstens diskutiert, aber die Kinderfreiheit als wertvollste Aktion wird vor allem bei uns in Deutschland halt immer noch zu stark tabuisiert."

Ein Porträt-Foto zeigt die Lehrerin Verena Brunschweiger     (Juliane Zitzlsperger)Verena Brunschweiger ist Lehrerin, Publizistin und überzeugte Nicht-Mutter (Juliane Zitzlsperger)

Leben = Leiden?

Antinatalismus gab es schon lange vor der Klimadebatte. Ausgangspunkt der Ablehnung menschlicher Geburt war und ist oft das menschengemachte Leid. Denn Leben bedeutet auch Leiden. Der Lebende selbst leidet im Laufe seines Daseins, und er fügt mit großer Wahrscheinlichkeit auch anderen Leid zu – Menschen und Tieren. So eine Grundannahme des Antinatalismus.

Dem zugrunde liegt die sogenannte Anthropodizee-Frage. Anders als die Theodizee-Frage, die nach einer Rechtfertigung Gottes angesichts des Leides in der Welt sucht, fragt die Anthropodizee-Frage: Wie ist das menschliche Leben zu rechtfertigen, wenn es doch immer auch zu Leid führt? Eine Frage, die jetzt neu diskutiert wird – anhand der Klimakrise.

"Das finde ich interessant, wie quasi diese ganzen Debatten um die Anthropodizee-Frage kreisen, ohne sie aber wirklich beim Namen zu nennen", beobachtet der Religionswissenschaftler Michael Blume: 

"Die Anthropodizee ist ein echter Leckerbissen für Philosophen und Theologinnen, aber leider noch kaum bekannt. Obwohl sie älter ist als ihre größere Schwester, die Theodizee. Also die Theodizee-Frage: die Frage nach der Rechtfertigung von Gott. Wenn es denn Leid auf der Welt gibt, warum gibt es denn dann Gott? Und die Anthropodizee, die fragt: Wenn es doch Leid auf der Welt gibt, mit welchem Recht soll es dann weitere Menschen geben? Also: Hast Du das Recht, überhaupt noch Menschen auf die Welt zu bringen?"

Los komm, wir sterben endlich aus
Denn das ist besser für die Welt
Der letzte Drink, der geht aufs Haus
Unsere Stunden sind gezählt
Alles ist besser, als ein weiterer Tag
An dem wir den Planeten ruinieren
Los komm, wir sterben endlich aus
Was Besseres kann der Erde nicht passieren
(Die Ärzte – Abschied)

"Eine maßlose und gewalttätige Forderung"

Menschliche Reproduktion ist falsch, weil sie Leid verursacht und "den Planeten ruiniert" - wie "Die Ärzte" singen. Positionen wie diese beobachtet auch die Philosophin Olivia Mitscherlich-Schönherr. Sie lehnt einen generellen Geburtenverzicht als Mittel zur Klimarettung ab:

"Erstmal kann man natürlich sagen, es ist unrealistisch. Aber das ist wahrscheinlich der uninteressanteste Punkt. Was mir wichtig daran scheint zu betonen, dass es eine maßlose Forderung ist. Also es ist ja so eine Alles-oder-nichts-Forderung. Und in dieser Maßlosigkeit halte ich es für sehr gewalttätig."

Olivia Mitscherlich-Schönherr ist Dozentin für philosophische Anthropologie an der Hochschule für Philosophie in München - eine katholische Hochschule, die vom Jesuitenorden betrieben wird.

"Die andere Schwierigkeit sehe ich eigentlich darin, dass in dieser Haltung, nun Schluss zu machen mit unserem Menschsein, eigentlich die Haltung weitergeführt wird, dass wir Natur planen wollen, verfügbar machen wollen, beherrschen wollen, und damit eigentlich die gleichen Haltungen fortsetzen, die wir jetzt über Jahrzehnte, Jahrhunderte vielleicht ausgeübt haben und die uns in unser aktuelles krisenhaftes Naturverhältnis hineingeführt haben."

Dr. Olivia Mitscherlich-Schönherr (Hochschule für Philosophie München)Dr. Olivia Mitscherlich-Schönherr, Dozentin für philosophische Anthropologie an der Hochschule für Philosophie in München (Hochschule für Philosophie München)

Das menschliche Leben planen zu wollen, in die Natur eingreifen zu wollen, das ist für die Philosophin also Teil des Problems - und nicht die Lösung. Doch zugleich stimmt Olivia Mitscherlich-Schönherr der Position zu, dass die Menschheit nicht unbegrenzt wachsen kann und sollte. Die Philosophin gibt demnächst einen Sammelband heraus zur "gelingenden Geburt" und ist davon überzeugt:

"Dass zu einem guten Gebären auch die Sorge um die Welt gehört. Also die Sorge um die Welt, in die wir die Kinder oder die nächste Generation hineinbringen wollen. Da glaube ich, gibt es tatsächlich eine besondere Herausforderung in der Gegenwart, dass es tatsächlich auch um eine Sorge um die Erde geht - also um die Natur geht, um unsere Mitgeschöpfe geht, um die Pflanzen, um die Tiere."

Die Menschheit wächst um 1,5 Millionen Menschen pro Woche

Derzeit leben laut den Vereinten Nationen fast acht Milliarden Menschen. Innerhalb der vergangenen 50 Jahre hat sich die Weltbevölkerung mehr als verdoppelt.

Und sie wächst weiter, derzeit um rund 1,5 Millionen Menschen pro Woche. Die Vereinten Nationen schätzen, dass es im Jahr 2050 fast zehn Milliarden Menschen geben wird. Und im Jahr 2100 fast elf Milliarden Menschen.

Erstes Buch Mose, Kapitel 1, Vers 28: "Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über alles Getier, das auf Erden kriecht."

Ein Mensch verbraucht durchschnittlich auch immer mehr Ressourcen, und verursacht einen immer größeren Ausstoß von Treibhausgasen. Der ökologische Fußabdruck der Menschheit wächst und wächst.

Dass dieses Wachstum zu gravierenden Problemen führen wird und bereits führt – ökologischen, politischen und sozialen Problemen – da sind sich viele einig. Deshalb betont die Philosophin Olivia Mitscherlich-Schönherr mit Blick auf ein "gutes Gebären":

"Es geht auch um ein maßvolles biologisches Vermehren. Und damit meine ich ein biologisches Vermehren mit Maß, also das einen inneren Maßstab hat. Und dieser innere Maßstab wiederum, würde ich sagen, ist der Maßstab, dass die künftigen Generationen werden gut leben können."

"Umso mehr, umso besser"

Als ein Problem beim "maßvollen Gebären" gelten manchen die Religionen – zumindest viele Religionsgemeinschaften in ihren traditionellen Auslegungen.

"Ich finde es außerordentlich spannend, dass wir eigentlich in den früheren theologischen Positionen von Religionsgemeinschaften oft die Aufforderung haben: Umso mehr, umso besser. Seid fruchtbar und mehret Euch! Da werden Kinder einfach positiv gesehen, und es gibt kein Limit nach oben", so der Religionswissenschaftler Michael Blume. Religionen vertreten oft die Gegenposition zu Geburtenkontrolle oder zum Geburtenverzicht. Sie sind pronatalistisch, also für die menschliche Fortpflanzung.

Michael Blum, der Antisemitismusbeauftragte des Landes Baden-Württemberg, sitzt in einem weißen Hemd vor weißem Hintergrund und gestikuliert mit der rechten Hand. ( Bernd Weissbrod/dpa)Dr. Michael Blume, Religionswissenschaftler und Antisemitismusbeauftragter des Landes Baden-Württemberg ( Bernd Weissbrod/dpa)

Blume: "Im Grundsatz kann man sogar sagen, haben Religionen ganz stark die Funktion gehabt, die Anthropodizee-Frage positiv zu beantworten. Also in der Bibel ist das allererste Gotteswort an die Menschen: 'Seid fruchtbar und mehret Euch!' Also die Aufforderung, das Leben weiterzugeben. Und es gibt schon im Talmud eine ganz spannende Debatte darüber, wo Rabbiner darüber streiten, ob es eigentlich gut ist, geboren zu werden. Und interessanterweise kommen sie zu dem Ergebnis: Nein, es ist nicht gut, weil es gibt Leid auf der Welt. Aber Gott hat es uns eben geboten. Also wir sollen das. Es ist Teil unserer Aufgabe, das Leben eben zu durchleben und dabei zu bleiben. Gott möchte Leben, sagt ja zum Leben."

"Positiver Zusammenhang zwischen Religiosität und Geburtenraten"

Und es scheint, als habe dieses Gebot Auswirkungen auf die Geburtenraten: Religiöse Menschen haben durchschnittlich mehr Kinder als Nicht-Religiöse.

Zwar gab und gibt es auch immer mal wieder kleine Religionsgemeinschaften, die sich generell gegen Geburten ausgesprochen haben – etwa in der Gnosis oder bei den Katharern. Doch diese Nachwuchs-skeptischen Gemeinschaften sind dann eben auch recht schnell wieder verschwunden. Oder sind gerade dabei, wie die christlichen Shaker. Von ihnen sollen nur noch zwei alte Männer leben.

Zwei Zisterzienserinnen stehen im Kloster Lichtenthal in Baden-Baden bei der Messe mit dem Rücken zur Kamera. Sie tragen ein weißes Gewand und einen schwarzen Nonnenschleier.  (imago images / epd)Kinderlosigkeit bei Nonnen und Mönchen, Priestern und Asketen (imago images / epd)

Zumeist gilt jedoch: Je religiöser eine Familie, desto mehr Kinder hat sie im Durchschnitt – und zwar unabhängig von der Religionszugehörigkeit.

Blume: "Es gibt keine islamische Demographie - oder keine christliche oder jüdische. Sondern dieser Zusammenhang - dieser positive Zusammenhang zwischen Religiosität und Geburtenraten, der zieht sich quer durch die Weltreligionen. Also religiöse Juden, religiöse Christinnen, religiöse Muslime haben im Durchschnitt mehr Kinder - religiöse Hindus - als Säkulare. Weil: Man wird ja gar keine Weltreligion, wenn man sie nicht an ausreichend viele Kinder weitergibt."

Eine "demographische Bombe"?

Vor allem das Christentum und der Islam, die beiden größten Religionen der Welt, wachsen zahlenmäßig immer weiter. Mit der indischen Bevölkerung wächst auch der Hinduismus, und auch die Buddhisten werden immer mehr – nicht durch Missionierung und Konversionen, sondern durch den eigenen Nachwuchs. Doch was so manche Gläubige freuen mag, wird in der Klimadebatte eben oft als Problem benannt.

  (dpa/Stefanie Järkel) (dpa/Stefanie Järkel)Religion und Demografie - "Lasst uns wegkommen von Angst und Mythen"
Mit einer Islamisierung Europas oder Deutschlands sei aus religionsdemografischer Sicht nicht zu rechnen, sagte der Religionswissenschaftler Michael Blume im Dlf. 

Religiöse Überzeugungen als Triebkräfte des Bevölkerungswachstums – manche nennen es eine "demographische Bombe".

"Gott segnete sie, Gott sprach zu ihnen: Fruchtet und mehrt euch und füllet die Erde und bemächtigt euch ihrer!"

"Und dann kann man natürlich denken: Ach herrje, was haben diese Forderungen in der Bibel zu suchen?! Und es gibt ja dann auch viele Stimmen, die genau hier die Quellen all unserer Form der Naturausbeutung, des Verfügbarmachens der Natur finden."

Doch Olivia Mitscherlich-Schönherr, Dozentin an der philosophischen Hochschule der Jesuiten in München, interpretiert diese berühmt-berüchtigte Bibelstelle anders:

"Wir sind eigentlich hier aufgefordert, Gottes Schöpfung zu vollziehen. Und das heißt dann aber, Zeugen und Gebären so auszuüben, dass die künftigen Generationen gut leben können. Und das heißt natürlich auch, uns um die Welt zu sorgen, in die hinein sie geboren sind."

"Keine Kinder zu haben bedeutet nicht, unfruchtbar zu sein"

"Fruchtbar sein" bedeute daher nicht zwangsläufig, Kinder in die Welt zu setzen, meint die Philosophin. Vorbilder dafür gebe es auch in der Bibel: "Jesus, der selbst keine leiblichen Kinder hatte, aber der natürlich das Ideal war einer Weise, ein gutes Leben hervorzubringen, zu erzeugen, zu vermehren."

Jesus wiederum ist bis heute Vorbild für Mönche, Nonnen und Priester, die sich einem ehelosen und damit auch einem kinderlosen Leben verschrieben haben.

  (Hochschule für Philosophie München) (Hochschule für Philosophie München)Philosophie und Coronakrise" - Gottvertrauen wird unter den Tisch gekehrt"
Die Philosophin Olivia Mitscherlich-Schönherr kritisiert eine "spirituelle Hilflosigkeit" der Kirchen in der Coronakrise. Der Versuch einer christlichen Deutung werde nicht unternommen, sagte sie im Dlf.

Und das gibt es nicht nur im Christentum. Auch andere Religionen kennen Geistliche, Asketinnen und Asketen, die aus ihren religiösen Überzeugungen heraus auf Nachwuchs verzichten – etwa in Hinduismus und Buddhismus.

Ein und dieselbe Religion kann also beides hervorbringen: Die "normalen" Gläubigen sollen möglichst viele Kinder bekommen, während die religiöse Elite keine Kinder zeugt.

"Was man daran auf jeden Fall sieht, ist, dass keine Kinder zu haben nicht bedeutet, unfruchtbar zu sein. Fruchtbarkeit, Zeugen, Gebären dürfen wir nicht nur biologistisch verstehen, nicht nur als biologischen Akt verstehen", sagt die Philosophin Olivia Mitscherlich-Schönherr, Mutter von zwei Kindern.

"Solche Debatten erlebe ich noch leider kaum"

Und auch der Religionswissenschaftler Michael Blume, Vater von drei Kindern, plädiert für einen differenzierten Blick auf die menschliche Fortpflanzung:

"Bisher erlebe ich, dass die einen sagen: Maximal viele Kinder, es wird schon irgendwie reichen. Oder der Messias kommt vorher. Wir brauchen auf die Umwelt keine Rücksicht nehmen. Und die andere sagen: Wir machen jetzt Geburtenstreik, und es sollten möglichst wenig Kinder geboren werden. Und so durchdachte mittlere Positionen - also man könnte ja zum Beispiel fragen: Vielleicht ist es so, dass wir schon noch Kinder haben sollten in unserer Gesellschaft, aber darauf achten, dass sie ein gutes Leben haben, dass sie gewaltfrei aufwachsen, dass sie Bildung erleben dürfen. Vielleicht ist das ja das Kriterium. Aber solche Debatten erlebe ich noch leider kaum."

Wir fragten den Computer nach der Lösung
Für unser ökologisches Problem
K.I. empfahl uns schleunigste Verwesung
Damit wenigstens die Tiere überleben
Die Elefanten werden uns danken
Und bald wächst über unsere Städte Gras
Und all das schöne Geld in all den Banken
Das nehmen sich die Ratten dann zum Fraß
Los komm, wir sterben endlich aus …
(Die Ärzte – Abschied)

Die Band "Die Ärzte" (links Gitarrist Farin Urlaub, rechts Schlagzeuger Bela B.) steht am 26.08.2016 in Jamel (Mecklenburg-Vorpommern) mit den Song "Schrei nach Liebe" auf der Bühne des Open-Air-Musikfestivals "Jamel rockt den Förster" - Rock gegen Rechts. (picture alliance / dpa / Axel Heimken)"Los komm, wir sterben endlich aus", singt die Band "Die Ärzte" (picture alliance / dpa / Axel Heimken)

"Geburtenstreik ist Akt der Hoffnung"

Blume: "Vielleicht finden wir ja gesellschaftlich einen Konsens, wo wir sagen: Ja, es wäre sicher gut, dass die Weltbevölkerung nicht unbedingt weiter wächst - oder nicht schnell weiterwächst. Aber umso mehr müssen wir uns darum kümmern, dass alle Kinder, die geboren werden, dann aber auch ein gutes, menschenwürdiges Leben führen können. Das wäre doch vielleicht ein ganz toller Konsens, auf den man kommen könnte. Wenn man drüber redet."

Darüber reden – wie die "Birthstrike"-Gründerin Blythe Pepino, hier bei Fox News: "Unser Geburtenstreik ist traurig, aber auch ein Akt der Hoffnung. Was wir sagen wollen: Wir haben als Menschheit jetzt zwei Optionen. Entweder wir stemmen uns gegen den ökologischen Kollaps – und zwar sofort und alle gemeinsam – oder wir sterben sowieso aus."

Die globale geburtenkritische Bewegung wächst offenbar – oder zumindest wird sie wahrnehmbarer, von England bis nach Indien, von den USA bis nach Südafrika. Sie gibt eine radikale Antwort und wirft eine ebenso radikale Frage auf:

Ist die Menschheit noch zu rechtfertigen?

"Ich glaube, dass es nicht an uns ist, diese Frage zu beantworten", so die Philosophin Olivia Mitscherlich-Schönherr: 

"Also ich wüsste gar nicht, von welchem Standpunkt aus wir Wissen darüber erreichen können, ob ein individuelles Leben lebenswert ist oder ob das Leben aller lebenswert ist. Das scheint mir eine Selbstvergottung derjenigen zu sein, die solche Äußerungen fällen wollen."

Nochmal: Ist die Menschheit noch zu rechtfertigen?

"Wenn es tatsächlich so ist, dass die ganze Welt - das ganze Universum ohnehin nur ein Zufall ist und im Zufall enden wird, und alles Leid, das wir ja nicht nur einander, sondern auch anderen Lebewesen zufügen, keinerlei höheren Zweck erfüllt, dann finde ich es tatsächlich sehr schwierig zu begründen, warum man dann nicht auch einfach aufhören sollte", sagt der Religionswissenschaftler Michael Blume: 

"Überzeugen tun mich natürlich dann wiederum religiöse Begründungen, die sagen: Es gibt einen höheren Sinn. Und dann hat das Leben dann auch tatsächlich einen Sinn. Da wäre ich sehr dicht bei Thomas Mann, der einmal gesagt hat: 'Der Mythos ist die Rechtfertigung des Lebens.' Also das heißt, dass wir unserem Leben Sinn geben."

Dem Leben durch Religion Sinn geben – das vermutet der Fox-News-Moderator Tucker Carlson als Motiv auch bei der Geburtenstreikerin Blythe Pepino. Ob sie eine Konvertitin sei, ob sie im religiösen Sinn eine Art Klosterleben führe?

"Ein klösterliches Leben? Nein, das führe ich bestimmt nicht. Sondern ich kämpfe für die Kinder, die es schon gibt."

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