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StartseiteWirtschaft und Gesellschaft"Der Markt wird immer noch gebraucht"18.10.2019

Kinder- und Jugendliteratur"Der Markt wird immer noch gebraucht"

Fernseher, Handy, Tablet - und jede Menge Hobbys. Haben Kinder heute noch Zeit, auch mal ein Buch in die Hand zu nehmen? Ja, glauben die Buchhändlerin Birgit Schollmeyer und der Verleger Markus Weber. Der Markt für Kinder- und Jugendliteratur entwickle sich stabil.

Birgit Schollmeyer und Markus Weber im Gespräch mit Jessica Sturmberg

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Ein Kind liegt zwischen vielen Büchern und schaut sich ein Buch an. (picture alliance / dpa / Thomas Eisenhuth)
Auch heute noch lesen Kinder und Jugendliche Bücher aus Papier (picture alliance / dpa / Thomas Eisenhuth)
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Jessica Sturmberg: Auf der Frankfurter Buchmesse werden eine Reihe Bücher ausgezeichnet, heute Abend die besten Kinder- und Jugendbücher, da gibt es verschiedene Kategorien. Dieser Markt ist ein ganz spezieller, hat er doch andere Anforderungen als der Buchmarkt für erwachsene Leser. Er ist stabil, etwa ein Sechstel des Buchmarkts macht er aus, 9.000 Titel kommen im Jahr auf den Markt. Aber der Trend geht zu Serien, weil sie vor allem bei den großen Internethändlern auffindbar sind. Für Einzeltitel ist es schwer, sich durchzusetzen. Darüber habe ich gesprochen mit Birgit Schollmeyer, Geschäftsführerin und Mitgründerin des Braunschweiger Kinder- und Jugendbuchladens "Bücherwurm" sowie Referentin für Kinder- und Jugendliteratur beim Börsenverein des Deutschen Buchhandels, und mit Markus Weber, Moritz Verlag, Verlagsleiter. Frau Schollmeyer, wie finden Sie - Sie sind ja Buchhändlerin -, wie finden Sie denn den guten Titel?

Schollmeyer: Ich finde die guten Titel, indem ich sie lese, und wenn ich sie mag und wenn ich entdecke in diesem Buch, da steckt viel drin und es macht mir Freude, das zu lesen, dann kann ich das mit Begeisterung und Freude weiterreichen. Und das ist dann völlig egal, für welches Alter - ob das ein Bilderbuch für Kleine ist, ob das für Erstleser ist oder ob das für jemanden ist, der selber gerne liest. Wir haben übrigens auch eine fantastische Jugendliteratur, die ich auch sehr, sehr gerne weiterreiche, aber ich muss es kennen. Wenn ich es nicht kenne, kann ich es nicht authentisch rüberbringen.

Sturmberg: Jetzt werden jedes Jahr fast 9.000 Titel neu aufgelegt. Das ist ja eine enorme Menge, Sie lesen doch im Leben keine 9.000 Titel im Jahr.

Schollmeyer: Nein, auf gar keinen Fall, das schaffe ich nicht. Ich habe aber auch einen Leseklub, der Bücher kriegt. Das sind Kinder, die lesen können; im Alter bis 18, bis sie ihr Abi machen, kommen die, lesen und erzählen mir, ob sie es gut finden oder nicht. Und darauf verlasse ich mich, weil ich die Kinder dann auch über die Jahre schon kennengelernt habe. Und das ein oder andere Buch wird mir auch abhandenkommen. Ich werde nicht alle Bücher verkaufen können, die gedruckt werden. Das ist einfach so.

Buchhändlerin Birgit Schollmeyer und Verleger Andreas Weber (Moritz-Verlag) im Gespräch mit Jessica Sturmberg auf der Deutschlandradio-Bühne der Frankfurter Buchmesse (Deutschlandradio / David Kohlruss)Buchhändlerin Birgit Schollmeyer und Verleger Andreas Weber (Moritz-Verlag) im Gespräch mit Jessica Sturmberg auf der Deutschlandradio-Bühne der Frankfurter Buchmesse (Deutschlandradio / David Kohlruss)

Mit Gespür und Erfahrung erfolgreiche Bücher finden

Sturmberg: Wollen wir mal die andere Perspektive sehen. Herr Weber, Sie sind Verlagsleiter vom Moritz-Verlag. Wie viele Titel bringen Sie im Jahr raus?

Weber: Knapp 20.

Sturmberg: Wenn Sie 20 Titel rausbringen, wie viel Entscheidungsprozess steckt dahinter, wie viel Diskussion steckt dahinter, und wie schwierig ist das für Sie zu entscheiden?

Weber: Es steckt nicht viel Entscheidungsprozess dahinter, weil wir ein sehr kleiner Verlag sind. Und wir müssen uns nicht auf irgendwelche Marketingabteilungen ein D’accord finden, sondern ich entscheide es mehr oder weniger, was wir machen. Für unsere Erzählreihe gibt es dann noch Franziska Neuhaus, die diese Reihe begleitet und in Absprache mit mir dann über die Bücher entscheidet. Und alles hat so bisschen was mit Gespür zu tun in dieser Branche und mit Erfahrung. Ich weiß natürlich von vielen Büchern - nicht natürlich, ich weiß von vielen Büchern schon im Vorhinein, dass sie kein großer Erfolg werden. Aber wenn sie mir wichtig sind, dann möchte ich sie machen - und wenn ich einen gewissen Markt für sie sehe, natürlich. Und bei anderen Büchern glaube ich zu wissen, dass sie ein Erfolg werden. Und ich hab nicht immer Recht damit, aber ich habe hin und wieder Recht damit.

Sturmberg: Und wenn Sie dann hin und wieder Recht damit haben - Sie haben ja einige Titel, die auch zum Beispiel nominiert sind für den Deutschen Jugendliteraturpreis -, wie wichtig ist das, dass dann so ein Buch so eine Aufmerksamkeit bekommt und auch dann nach oben gespült wird?

Weber: Der Preis selber spült nur ein bisschen nach oben. Der Preis hat in manchen Jahren sogar eine kontraproduktive Wirkung gehabt, muss ich leider sagen, weil die Entscheidungen der Jurys vom Handel nicht nachvollzogen wurden. Es wurde gesagt, das sind nicht die richtigen Bücher, die können wir nicht verkaufen. Das hat sich ein bisschen geändert in der letzten Zeit; und in dem Moment hat ein Preis eine große Wirkung, wenn er auch unterstützt wird aus dem Buchhandel.

Preise bringen nur etwas, wenn der Buchhandel dahinter steht

Sturmberg: Also wenn das Marketing dann aufgegriffen wird und das Siegel dann auch hervorgehoben wird?

Weber: Wenn der Buchhandel sagt, diese Entscheidung ist eine richtige Entscheidung, die können wir mittragen, dann unterstützen wir den Preis. Wenn der Buchhandel aber sagt, das ist vorbei an der Zielgruppe, das ist viel zu elitär oder zu was auch immer, dann nutzt der Preis nur ein bisschen.

Sturmberg: Es geht ja um Aufmerksamkeit…

Schollmeyer: Genau.

Sturmberg: …und die Aufmerksamkeit müssen Sie ja erst mal bekommen. Was unternehmen Sie denn, um die Aufmerksamkeit des Handels zu bekommen?

Weber: Wir sind im Verbund mit einem größeren Verlag, und dieser Verlag hat Vertreter, die er in der Republik hat, und diese Vertreter werden empfangen. Das ist schon mal die Basis, dass unsere Bücher eine Chance bekommen, im Buchhandel wahrgenommen zu werden. Der Beltz-Verlag ist dieser Verlag. Und das ist der Anfang. Und das Zweite ist, dass wir mit bescheidenen Mitteln versuchen, ein paar Dinge anzuregen, also Schaufenster anzuregen, indem wir gutes Material liefern, indem wir Plakate liefern, die schön aussehen, die man gerne dekorieren möchte und die nicht nur eine platte Botschaft haben, sondern die so ein bisschen subtilere Botschaften haben und die man dann im Schaufenster wiederfindet. Und dann findet man wiederum Bücher aus unserem Verlag daneben, wir versuchen, so kleinere Werbemittel vielleicht zu machen, die hübsch sind, die nett sind, die auch nicht so viel kosten dürfen, und meistens funktioniert dieses auf einer Sympathieebene auch.

Schollmeyer: Darf ich dazu noch sagen, deswegen schätze ich sehr Leseexemplare, und gerade im Bilderbuchbereich einmal mehr, weil ein Bilderbuch habe ich schnell intus, ich kann mich schnell auf ein Bilderbuch einlassen. Bücher mit viel Text, Romane dauern länger, und da hab ich manchmal eben auch gar nicht die Zeit, die alle im Vorfeld zu lesen. Aber bei Bilderbüchern ist es für mich eine ganz leichte Entscheidung, wenn ich ein Leseexemplar hab und das im Vorfeld gesehen und goutiert hab, sag ich mal so.

"Die Reihen verkaufen sich von allein"

Sturmberg: Frau Schollmeyer, wenn ich in einen Buchhandel gehe und nach einem guten Kinderbuch frage, dann werde ich sehr häufig geleitet zu den Serien.

Schollmeyer: Das unterscheidet uns aber wahrscheinlich schon von den anderen Buchläden oder von vielen Buchhandlungen - ich kann nur für uns sprechen. Ich würde Sie nie zu den Reihen führen. Die Reihen verkaufen sich von allein, die muss ich Ihnen nicht anbieten. Ich würde immer auf Einzeltitel gehen.

Sturmberg: Die Kinder haben heute ein sehr begrenztes Zeitbudget. Sie sind in der Schule, in der OGS, sie haben vielleicht noch ein, zwei Hobbys, und dann haben Sie natürlich auch sehr viel Konkurrenz durch Social Media. Also selbst jüngere Kinder nutzen ein Handy sehr stark, auch wenn es noch das Handy möglicherweise der Eltern ist mit Kinder-Apps. Welche Stellung hat das Buch in dieser Konkurrenz?

Schollmeyer: Da der Markt sich da relativ stabil entwickelt, kann man davon ablesen, dass der Markt immer noch gebraucht wird und dass das auch von den Menschen so gewollt wird - von den Erziehungsberechtigten, von den Kindern, von den Schülern, von den Lehrern, wie auch immer. Sonst würde es den Markt ja gar nicht mehr geben. Also ich denke, dass die Technik das noch nicht abgelöst hat, und ich hoffe einfach, dass das dabei bleibt. Kleine Kinder lernen durchs Begreifen, mit allen Sinnen. Und das kann ich nicht, wenn ich etwas flach, eindimensional hab, ich brauch die Dreidimensionalität. Ich glaube schon, dass die Vielfalt der Bücher und die Farbigkeit und die Unterschiedlichkeit dieser Bücher diesen Markt eben einfach wunderbar bedient und unterstützt.

"Wir müssen gut sein"

Sturmberg: Herr Weber, Sie sind jetzt 25 Jahre am Markt mit Ihrem kleinen Verlag, wie blicken Sie in die Zukunft?

Weber: Na ja, wir müssen wachsam sein, wir müssen gut sein - es ist ja ganz banal, wir müssen einfach gut sein. Die Bücher dürfen nicht langweilen, die Bücher müssen überraschen, die Bücher müssen bestehen gegen all diese Reize, die Sie eben benannt haben, und das können sie auch. Ich glaube an die Kraft des Buches, und wir Verlagsleute sind einfach gefordert, diese Bücher zu finden und mit den Autoren zu arbeiten, dass sie mit uns gemeinsam in eine Richtung gehen. Es hört sich so banal an, aber ich glaube, es ist so: Wir müssen gut sein. Fertig.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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