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StartseiteDlf-MagazinKinderbetreuung in der Kaserne21.01.2010

Kinderbetreuung in der Kaserne

Die Bundeswehr will familienfreundlicher werden

Wohin mit den Kindern, wenn der Vater Soldat im Auslandseinsatz ist und die Mutter arbeiten möchte? Das Problem ist erkannt in der Bundeswehr. Denn konzentrieren sich Vater oder Mutter nicht auf ihren Einsatz, weil sie an die Familie zuhause denken, sind Probleme vorprogrammiert.

Von Brigitte Lehnhoff

Ein Bundeswehrsoldat der KFOR-Truppe spricht im Kosovo mit einem Jungen. (AP Archiv)
Ein Bundeswehrsoldat der KFOR-Truppe spricht im Kosovo mit einem Jungen. (AP Archiv)
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Anne Malucha ist Oberleutnant zur See und nach der Geburt ihrer zweiten Tochter noch in der Elternzeit. Danach will die junge Mutter wieder zurück in ihren Beruf. Doch ihr Mann ist ebenfalls Soldat und wird wieder im Auslandseinsatz sein, wenn Anne Maluchas Elternzeit im Juni endet.

"Ich möchte ab Juli wieder arbeiten und brauche aber erstmal noch eine Ausbildung. Und weiß aber nicht, wie ich auf Lehrgänge gehen soll und meine Kinder gleichzeitig betreut werden sollen, wenn mein Mann im Einsatz ist und nicht zuhause ist. Ich bin allein, habe keine Familie hier am Standort, ja, und wie das organisiert werden soll, kann ich Ihnen jetzt noch nicht sagen."

Wenn die Soldatin Glück hat, wird sich das Problem noch rechtzeitig lösen. Denn sie engagiert sich gemeinsam mit anderen Eltern dafür, dass an ihrem Standort in Kiel eine Krippe eingerichtet wird. Volle Unterstützung bekommt sie vom Standortältesten, Kapitän zur See Jörg Besch.

"Wir haben im Alter von null bis drei 54 Anmeldungen und 22 Schwangerschaften. Der Bedarf ist riesig, er kann, wie gesagt, nicht gedeckt werden durch die Kommune oder karitative Einrichtungen hier in der Gegend. Und vor allen Dingen möchte ich, dass es uns gelingt, für den Standort etwas zu schaffen, sowohl für Soldaten als auch für zivile Mitarbeiter, in Öffnungszeiten von Sechs Uhr 30 bis 17 Uhr 30, und auch in Zeiten, wo die Soldaten oder zivilen Mitarbeiter nicht am Ort sind, eine Möglichkeit bekommen, ihre Kinder dort ad hoc, im Notfall, unterbringen zu können."

Familienfreundlichkeit soll eine größere Rolle spielen, damit die Bundeswehr als Arbeitgeber attraktiv bleibt. Denn die demografische Entwicklung sorgt für schärferen Wettbewerb um geeigneten Nachwuchs. Und der ist nicht mehr ohne Weiteres bereit, Beruf und Karriere über familiäre Interessen zu stellen. Das zu berücksichtigen, zahlt sich aus, meint der ehemalige Berufssoldat Achim Wohlgethan.

"Die Moral der Truppe stärken sie damit, wenn sie dem Soldaten das Gefühl geben, dass er sich keine Gedanken machen muss, was zuhause passiert. Wenn er weiß, meiner Familie geht's gut, meinen Kindern geht's gut, dann kann er seinen Dienst ganz anders versehen, als wenn beispielsweise sie im Einsatzland sind, von ihrer Frau eine E-Mail oder einen Telefonanruf bekommen 'Das hat wieder nicht geklappt, ich konnte das Kind wieder nicht in den Kindergarten geben, also es klappt hier gerade alles nicht, wo du nicht da bist, du fehlst hier'. Und wenn das ein Soldat mitbekommt im Auslandseinsatz, dann ist er mit Gedanken nicht dort, wo er sein sollte."

Um die Arbeitsbedingungen familiengerechter zu gestalten, testet die Bundeswehr beispielsweise Eltern-Kind-Arbeitszimmer. Gibt es zuhause einen Engpass bei der Betreuung, kann das Kind mitgebracht werden zum Dienst. Telearbeit ist ebenso möglich wie Teilzeitarbeit. Aber gerade der Nachfrage nach Teilzeitarbeit sind enge Grenzen gesetzt. Und zwar nicht nur, weil manche Dienstgrade und Einsatzbereiche grundsätzlich davon ausgenommen sind. Reinhold Robbe, Wehrbeauftragten des Deutschen Bundestages:

"Viele Personaltableaus sind zu eng gestrickt. Ich behaupte auch, dass das Personalplanungssystem der Bundeswehr heute nicht mehr geeignet ist, den modernen Anforderungen unserer Gesellschaft gerecht zu werden. In den Personalrahmen der Bundeswehr werden oftmals Dinge nicht abgebildet, die aber dazugehören. Zum Beispiel dass viele Stellen mit Frauen besetzt sind und wenn die Frauen Kinder bekommen, diese ganzen Fehlzeiten, die dadurch entstehen, sind nicht berücksichtigt bei diesen Personalplanungen und dadurch werden andere Kollegen überbelastet und das ist ein Problem."

Und daran wird sich so schnell auch nichts ändern, meint Oberst Peter Gerhard, im Bundesverteidigungsministerium Leiter des Referats Innere und soziale Lage der Streitkräfte.

"Diese Möglichkeit werde ich nicht sehen, dass man sogenannte Springerstellen nun realisiert. Man wird aber sicherlich im Sinne eines, wir sagen dazu Vakanzenmanagements, nun Aufgaben so verteilen, dass nicht einer zu sehr belastet wird, sondern dass die Aufgaben, die übrig bleiben, von allen wahrgenommen werden. Es bleibt bei einer Umverteilung."

Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht, dass es bei Vorgesetzten und Kollegen auch unausgesprochenen Widerstand gibt gegen familienfreundlichere Arbeitszeitmodelle. Bei Ärzten beispielsweise sei die Personaldecke so knapp, dass Anträge auf Teilzeitarbeit keine Aussicht auf Erfolg hätten, kritisiert Wolfgang Petersen, Vorsitzender des Forums Sanitätsoffiziere. Ärzte müssten vielmehr damit rechnen, mehrmals jährlich und sehr kurzfristig in Auslandseinsätze berufen zu werden.

"Das passiert immer wieder, weil halt Kollegen ausfallen, weil wir letztendlich von der Hand in den Mund leben. Wir können gar nicht mehr planen in gewissen Fachdisziplinen, weil wir viel zu wenig Ärzte haben. Deswegen muss man einfach mal sozusagen innerhalb einer Woche seine Koffer packen und dann ins Ausland. Und das ist eine ständige angespannte Situation in der Familie."

Mehr Geld für mehr Personal: Solange diese Voraussetzungen nicht gegeben sind, hält Petersen Verlautbarungen zu familienfreundlicheren Arbeitsbedingungen für Lippenbekenntnisse. Dass es bei der Bundeswehr Grenzen der Vereinbarkeit von Familie und Dienst gibt, ist für den Arzt keine Frage.

"Es ist eben nicht immer vereinbar. Aber es ist verbesserungsfähig. Und wenn es so weitergeht und die Bundeswehr weiterhin so fahrlässig mit ihrem Personal umgeht, dann wird die Bundeswehr in Zukunft große Schwierigkeiten haben, und das hat sie ja jetzt schon, qualifiziertes Personal zu bekommen."


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