Donnerstag, 13.12.2018
 
Seit 10:10 Uhr Marktplatz
StartseiteDlf-MagazinWie Berlin gegen den Erziehermangel vorgehen will05.07.2018

KinderbetreuungWie Berlin gegen den Erziehermangel vorgehen will

Kitaplätze werden überall dringend gesucht, besonders aber in Berlin. Doch es fehlt vor allem an Betreuungspersonal. Der rot-rot-grüne Senat will jetzt, dass Erzieherinnen besser bezahlt werden, dass die Ausbildung kostenlos wird und mehr Quereinsteiger in die Kitas kommen.

Von Anja Nehls

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
"Wir lieben unsere Erzieher" steht auf dem Plakat einer Demonstrantin vor dem Brandenburger Tor in Berlin (Imago)
Bis 2020 müssen in Berlin laut Senatsverwaltung gut 5.000 Erzieherinnen und Erzieher neu eingestellt werden, um den Bedarf decken zu können (Imago)
  • E-Mail
  • Teilen
  • Tweet
  • Drucken
  • Podcast
Mehr zum Thema

Ausbildung Wie man Erzieher wird

Initiative "Kitakrise Berlin": Situation für Eltern und Kitas ist der absolute Horror

Mangel an Kitaplätzen Kita-Demo in Berlin

Kitaplatzmangel in Berlin "1.000 Euro Prämie, wenn jemand einen Kitaplatz findet"

Die Kinder der Kita ZAK im Berliner Südwesten feiern in bester Laune die bevorstehenden Sommerferien. Kitaleiterin Evelin Giese guckt etwas sorgenvoller, denn für das nächste Kita-Jahr fehlen ihr Erzieherinnen. Noch in dieser Woche will sie deshalb ein knallrotes Bobbycar am nahegelegenen S-Bahnhof anschließen – das hat schon einmal geholfen:

"Ein Kollege kam auf die Idee, unsere ausrangierten Bobbycars, die eigentlich auf die Entsorgung gewartet haben, zu beschriften mit 'Wir suchen Erzieherinnen'. Dann stand eins lange, lange am S-Bahnhof. Und daraufhin haben wir allen Ernstes eine unserer Quereinsteigerinnen bekommen."

Glück gehabt. Denn wer in Berlin Erzieherinnen einstellen will, womöglich sogar voll ausgebildete, sucht nach der Nadel im Heuhaufen, sagt Claudia Mühlmann vom Träger Tandem BTL, der außer der Kita ZAK noch zwei weitere Berliner Kitas betreibt:

"Es beginnt ein Buhlen um jede Fachkraft, das löst ja aber nicht unser Berliner Problem."

Giffey: "Erster Schritt ist die Befreiung von Schulgeldern"

Denn das ist riesig. Allein in der Hauptstadt können circa. 3.000 Kinder nicht mit einem Kitaplatz versorgt werden. Das liegt zum großen Teil daran, dass viele theoretisch vorhandene Plätze gar nicht belegt werden können, weil das Personal fehlt:

"Also zum Beispiel in unserer größten Kita ist es so, dass wir derzeit ungefähr 50 Plätze nicht belegt haben."

Bis 2020 müssen in Berlin gut 5.000 Erzieherinnen und Erzieher neu eingestellt werden, um den Bedarf decken zu können, sagt die Senatsbildungsverwaltung. Aber auch bundesweit fehlen Kitaplätze - und bis zum Jahr 2025 mehr als 300.000 Erzieherinnen und Erzieher, heißt es im jüngsten Nationalen Bildungsbericht. Mit 3,5 Milliarden Euro aus dem Gute-Kita-Gesetz will die Bundesfamilienministerin und ehemalige Berliner Bezirksbürgermeisterin Franziska Giffey (SPD) jetzt die Länder unterstützen. Zusätzlich soll es eine Fachkräfteoffensive geben:

"Und das bedeutet, wir müssen in Ausbildung investieren. Es geht nicht, dass an einigen Stellen in Deutschland sich Erzieherinnen und Erzieher fragen, kann ich es mir leisten, diesen Beruf zu ergreifen - junge Leute, die noch Geld mitbringen müssen. Das heißt, ein erster Schritt ist die Befreiung von den Schulgeldern und eine anständige Ausbildungsvergütung. Es geht um das Anwerben von Erzieherinnen und Erziehern, und es geht um eine bessere Bezahlung."

Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) während der Haushaltsdebatte im Bundestag  (dpa-Bildfunk / Ralf Hirschberger)Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) (dpa-Bildfunk / Ralf Hirschberger)

In Berlin wird nicht nach TVÖD bezahlt

2.600 Euro brutto verdient eine Erzieherin oder ein Erzieher als Einstiegsgehalt im Bundesdurchschnitt. In Berlin wird noch dazu nach dem niedrigeren Tarifvertrag für Beschäftige der Länder und nicht nach dem besseren Tarifvertrag des öffentlichen Dienstes bezahlt. Das soll sich ändern, verspricht die Berliner Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD):

"Es geht darum, die Lücke zwischen TVÖD und TdL zu schließen. Und das ist auch der Wunsch der Koalition, das steht im Koalitionsvertrag. Ich finde, wir müssen auch auf Bundesebene darüber reden, dass es auch um eine andere tarifliche Eingruppierung geht. Und da wird sich das Land Berlin stark machen."

Berlin will seinen Anteil vom 3,5-Milliarden-Paket des Bundes außerdem auch für Ausbildungsstipendien verwenden. Zwar erheben die staatlichen Erzieherschulen in der Regel kein Schulgeld – die meisten privaten und freien Schulträger dagegen schon. Plätze für eine berufsbegleitende Ausbildung, bei der nebenbei Geld verdient werden kann, sind selten. Berlins Bildungssenatorin Sandra Scheeres will jetzt noch mehr als bisher auf die Ausbildung von Quereinsteigern setzen und bereits Schulabgänger mit mittlerem Schulabschluss für eine Ausbildung zulassen. Bisher waren mindestens Fachabitur oder Berufserfahrung nötig.

Kaufmännische Mitarbeiter in die Kitas?

Bis all dies eventuell greift, vergehen allerdings Jahre. Die Opposition hat eine schnellere Lösung, sagt der Bildungsexperte Paul Fresdorf von der FDP:

"Wir sagen, wir möchten gerne kaufmännische Mitarbeiter in die Kindertagesstätten bringen, die die freigestellten Leitungskräfte entlasten und damit die Freistellung etwas reduzieren. Das heißt die freigestellten pädagogischen Leitungen können dann zu 75 Prozent wieder mit den Kindern arbeiten, und dadurch generieren wir über 3.100 Kitaplätze, die die Stadt zusätzlich versorgen können."

Immerhin, auch darüber denkt die rot-rot-grüne Landesregierung in Berlin nach. Eine schnelle Lösung für den Erziehermangel ist wichtig - denn immer mehr Berliner Eltern klagen auf Grundlage ihres seit 2013 gültigen Rechtsanspruchs auf einen Kitaplatz. Wer sich erfolgreich einklagt, sorgt dafür, dass dann noch mehr Kinder von einer Erzieherin betreut werden müssen. Das belastet die vorhandenen Erzieher zusätzlich und auch die die Betreuungsqualität in den Kitas ist längst ein Diskussionsthema.

"Anstrengend, aber es macht Spaß"

Der Job muss aufgewertet werden, sagt die angehende Erzieherin Lisa Weineck. Sie macht zurzeit eine berufsbegleitende Ausbildung an einer Erzieherfachschule und arbeitet nebenbei in einem Hort am westlichen Berliner Stadtrand. Auf die Praxistage bei ihren Kindern will die 20-Jährige dabei nicht verzichten:

"Na, das Schönste ist die Dankbarkeit der Kinder, das kriegt man schon zu spüren, wenn man zum Beispiel durch den Flur läuft und die Kinder kommen auf Dich zu gerannt - das macht Spaß, ist schön. Aber es ist natürlich auch anstrengend mit 20 schreienden Kindern, das ist herausfordernd, jeden Tag neu, aber es macht Spaß."

Nach Abschluss ihrer Ausbildung kann sie sich ihren Arbeitgeber jedenfalls aussuchen. An der Stellenanzeige auf dem roten Bobbycar der Kita ZAK ist sie bislang allerdings noch nicht vorbeigekommen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk