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StartseiteEuropa heuteDas Problem ist größer als gedacht15.06.2016

Kinderbräute-Verbot in den NiederlandenDas Problem ist größer als gedacht

Juristisch haben die Niederlande den sogenannten Ehen mit Kinderbräuten einen Riegel vorgeschoben. Seit einem halben Jahr ist ein Gesetz in Kraft, dass Heiraten unter 18 Jahren generell verbietet und solche Ehen grundsätzlich nicht mehr anerkennt. Damit ist das Problem aber noch lange nicht gelöst.

Von Kerstin Schweighöfer

Muslime bei einem Gebet in der Mevlana-Moschee in Rotterdam in den Niederlanden. (picture alliance / ANP)
Muslime bei einem Gebet in der Mevlana-Moschee in Rotterdam. (picture alliance / ANP)
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"Hast du Angst, zwangsverheiratet zu werden? Hören deine Eltern auf einmal auf zu reden, wenn du ins Zimmer kommst?”

"Zieh’ einen Lehrer oder den Hausarzt ins Vertrauen. Rufe gratis 0800-2000 an. Du kannst auch anonym chatten."

"Hast du Angst, dass deine Eltern dich im Heimaturlaub zurücklassen? Hinterlasse vor der Abreise deine Handynummer und die genaue Ferienadresse. Mach’ eine Kopie von all deinen Papieren. Auf einem USB-Stick. Nimm diesen Stick mit in die Ferien."

Mit ganz konkreten Hilfe-Anweisungen dieser Art versucht die niederländische Regierung auf einer neuen Webseite Migranten- oder Flüchtlingsmädchen vor der Zwangsehe zu schützen. Sie ist eine von einer ganzen Reihe von Maßnahmen, die Den Haag ergriffen hat, nachdem die Ergebnisse einer Untersuchung bekannt wurden, mit der sich das Sozialministerium erstmals einen Überblick über den Umfang des Problems verschaffen wollte. Es ist größer als erwartet, die Untersuchung löste einen Schock aus.

In den Niederlanden werden jedes Jahr schätzungsweise 250 Mädchen zu Kinderbräuten. Bei über einem Drittel handelt es sich um Flüchtlingsmädchen, die weitaus meisten kommen aus Syrien, andere aus Afghanistan, Eritrea, dem Iran und dem Irak. Ihr Durchschnittsalter: 16 oder 17 Jahre. Die Kinderbräute wurden entweder in den Niederlanden selbst verheiratet oder bereits vor ihrer Einreise in den Flüchtlingslagern. Oft zu ihrem eigenen Schutz, erklärt Anthropologin Marja Buitelaar von der Universität Groningen: "In den Lagern ist das Leben gefährlich und das Risiko einer Vergewaltigung hoch. Damit stünden das Ansehen des Mädchens und die Familienehre auf dem Spiel: Ein vergewaltigtes Mädchen hat keine Zukunft mehr."

Bei den weitaus meisten Kinderehen geht es nicht um Flüchtlinge, sondern um Migranten, die bereits seit langem in den Niederlanden leben – Türken, Marokkaner, Surinamer. Die meisten dieser Ehen werden während eines Heimaturlaubes geschlossen. Experten fürchten, die wirklichen Zahlen könnten sehr viel höher liegen, denn die Untersuchung wurde vor dem Einsetzen des Flüchtlingsstromes 2015 durchgeführt. "Bei gut der Hälfte aller Flüchtlinge handelt es sich um Minderjährige”, sagt Vorsitzender Marc Dullaert von der Task Force "children on the move”, der sich 33 Länder angeschlossen haben. "Wir beobachten”, so Dullaert, "dass die Zahl der Kinder, die zwangsverheiratet einreisen, enorm zunimmt. Nicht nur bei uns, auch in den anderen europäischen Ländern. Es ist sehr schwierig, sie zu registrieren, das ist das Problem. Deshalb werden wir dauernd mit Zahlen konfrontiert, die in Wirklichkeit viel höher sind.”

Eine weitere Untersuchung hat diese Befürchtung bestätigt: Inzwischen könnte sich die Zahl der Kinderbräute, die in die Niederlande einreisen, fast verdoppelt haben. Zwar können diese Kinder sofort von ihren Ehemännern getrennt und unter die Obhut einer Jugendschutzorganisation gestellt werden – dank eines neuen Gesetzes, das Ende letzten Jahres im Eilverfahren durch das Parlament geschleust wurde: Es macht Heiraten unter 18 Jahren generell unmöglich und erkennt diese Ehen nicht mehr an.

Aber das Schließen von Kinderehen im Verborgenen in den Niederlanden, verhindere das neue Gesetz nicht, warnt Corinne Dettmeijer, die nationale Menschenhandels-Berichterstatterin der Regierung: "Immerhin haben wir das Problem erkannt und Möglichkeiten geschaffen, durchzugreifen”, so Dettmeijer. "Zum Beispiel dafür zu sorgen, dass die Schulpflicht eingehalten wird. Auch das kann verhindern, dass diese Mädchen unsichtbar werden.” Den Haag hat beschlossen, zur Bekämpfung der Kinderehen jedes Jahr eine Million Euro zur Verfügung zu stellen. Mit dem Geld wird nicht nur die neue Webseite finanziert, sondern auch ein spezielles Training für Lehrer, damit sie bestimmte Signale erkennen. Außerdem sollen ehrenamtliche Helfer als sogenannte "Schlüsselfiguren” in den ethnischen Gemeinschaften eingesetzt werden. Um Aufklärungsarbeit zu leisten und das Tabu rund um die Kinderehen zu brechen.

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