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StartseiteCampus & KarriereNicht ohne meine Eltern18.04.2014

KindererziehungNicht ohne meine Eltern

Auch Überbehütung kann für Kinder zur Belastung werden. Sei es bei der Frage, welche Sportart gewählt oder wann gelernt wird: Viele Eltern meinen, besser als ihr Kind oder die Lehrer zu wissen, was gut für ihren Nachwuchs ist.

Von Afanasia Zwick

Ein Schild weist auf einen Eltern-Kind Parkplatz hin, aufgenommen am 12.04.2014 in Walsrode (Niedersachsen). (dpa/picture-alliance/Daniel Reinhardt)
Helikopter-Eltern lassen ihre Kinder nur sehr ungern allein (dpa/picture-alliance/Daniel Reinhardt)
Weiterführende Information

Helikopter-Eltern: Zwischen Förderwahn und Handlungszwang (Deutschlandfunk, Campus & Karriere, 18.04.2014) 

Eltern, entspannt euch! (Deutschlandradio Kultur, Politisches Feuilleton,  25.10.2013)

"Vom Kreißsaal in den Hörsaal" (Deutschlandfunk, Campus & Karriere, 02.09.2013) 

Wie Überbehütung den Kindern schadet (Deutschlandradio Kultur, Kritik, 27.08.2013)

Bitte landen! (Deutschlandradio Kultur, Zeitfragen, 03.09.2012)

Nackte Babyhaut, warm geriebene Hände, und eine Raumtemperatur von etwa 28 Grad. Die Babymassage beginnt. Für die acht Monate alte Melissa ist das der erste Tagesprogrammpunkt, und zwar an zwei Tagen in der Woche.

"Dann umgreift ihr beide Ärmchen und streckt sie richtig weg, um den Brustkorb zu dehnen. Durch diesen Griff wird das Baby mental geöffnet."

Ziel solcher Kurse ist es, das Körpergefühl der Kleinen zu fördern. Zum Beispiel lernen sie so schneller Krabbeln als andere Kinder, sagt Babett Thakur, die Leiterin des Massagekurses.

"Ansonsten wird das Immunsystem angeregt. Der ganze Energiefluss. Also die Muskeln werden gestärkt. Die Kinder sind gesund. Und in der Regel entwickeln die sich auch besser. Und hier im Kurs lernen die Mütter, ganz achtsam auf ihre Kinder einzugehen."

Das richtige Maß an Fürsorge zu finden, sei zunehmend schwieriger für viele Eltern, meint Miriam Pech. Sie ist Erzieherin in der Kita "Kellergeister", im zentralen und gut situierten Stadtteil Nordend in Frankfurt. Viele Eltern, die ihre Kinder zu ihr bringen, hätten sogar oft ein schlechtes Gewissen, ihr Kind für ein paar Stunden aus den Augen lassen. Ein absolutes No-Go für Helikopter-Eltern sind jedoch Aktivtäten, bei denen das Kind woanders übernachten muss, sagt die Erzieherin:

"Wir fahren einmal im Jahr auf den Bauernhof. Das sind vier Tage. Das Kind sagt: Ach, ich könnte es mir überlegen. Und die Eltern grätschen dann dazwischen. Weil dann ist das Kind ja vier Tage nicht da. Das geht natürlich nicht. Und das sind so typisch allgemein dann die Helikopter-Eltern."

Zwei Gründe nennt die Erzieherin für die übermäßige Sorge um das Kind: Erstens führe dazu meisten eine problematische Schwangerschaft oder eine Frühgeburt. Zweitens würden viele Eltern, das, was sie in ihrer Kindheit vermisst haben, jetzt in doppelter Menge ihrem Kind schenken wollen. Voraussetzung dafür: Zeit und Geld.

Beides hat die 40-jährige Apothekerin Wiebke Hilsmann. Auch sie massiert ihren kleinen Jan-Linus. Im Vergleich zu vielen anderen Helikopter-Mamas hat sie aber noch ein zweites Kind: Das ist gerade bei der Seepferdchen-Prüfung, ganz alleine, ohne sie. Je mehr Kinder, desto geringer die Kontrollsucht, sagt sie. Früher sei sie ihrem Sohn oft mit ausgestreckten Armen nachgerannt. Heute schmunzelt sie über andere übervorsichtige Mamas. Und trotzdem, gibt sie ungeniert zu, stecke auch in ihr immer noch ein Helikopter-Blick:

"Da kommt der Gluckentrieb durch (lacht). Aber da bremse ich mich ganz bewusst. Ich gebe ihm schon auch die Möglichkeit, auch mal Dinge alleine zu machen. Aber ich weiß immer, wo er ist, ich hab manchmal auch ein Auge auf ihn, aber er bekommt es gar nicht mit."

Der Wettkampf unter Müttern, wer das schönste, klügste und wohlerzogenste Kind hat, sei riesig. Und damit steigen auch die Erwartungen an die Pädagogen, sagt die Erzieherin Miriam Pech. Ihr Kita-Programm zielt jetzt schon auf vorschulische Bildung ab:

"Und dennoch haben wir hier Eltern stehen: Warum macht ihr nicht mal, könnt ihr nicht mal dieses, warum geht ihr nicht mal wieder schwimmen? Warum dieses, jenes. Das wird dann oft nicht gesehen, was gemacht wird."

Vollzeitprogramm ist also ein Muss für Helikopter-Eltern: Besonders beliebt: Sportarten, bei denen viel Disziplin verlangt wird. So zum Beispiel beim Fechten. Die Erziehung ihrer acht und elf Jahre alten Kinder nimmt Christine D.(*) am liebsten selbst in die Hand:

"Wenn dann Unterricht ausfällt, wie im Moment bei meinem Sohn der Englischunterricht, dann versuchen wir, das nachmittags privat nachzuholen. Bei uns im Freundeskreis sind die Eltern allesamt bedacht darauf, die Kinder zu fördern, wenn es die Schule alleine nicht tut."

Die 43-jährige Frau in Highheels ist mehr Managerin als Mutter. Wie ihr Sohn sie beschreibt:

"Als eine nette Mama, die darauf achtet, dass ihre Kinder nicht zu viel Fernsehen schauen, also nur manchmal am Wochenende Fernsehen schauen dürfen. Und IPad-Spielen immer nur am Wochenende."

So viel Kontrolle könne nicht nur die Zukunft der Kinder, sondern auch die der Helikopter-Eltern gefährden, meint Alexander Bevc, Auszubildender zum Erzieher:

"Wenn das Kind in die Pubertät kommt, wird der Abnabelungsprozess sowieso stattfinden. Und ich glaube, dass dann aber eher die Helikopter-Eltern damit ein Problem haben, wenn dann Mama vielleicht nicht mehr die Nr. 1 ist."

 


(*) Name v. d. Red. geändert.

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