Kommentare und Themen der Woche 13.01.2021

Kinderheime in IrlandDie Schande der irischen NationEin Kommentar von Martin Alioth

Beitrag hören Blick auf die Gedenkstätte an Heim für ledige Mütter und ihre Kinder des katholischen Bon-Secours-Orden im westirischen Tuam (picture alliance / dpa | Aidan Crawley)In Mutter-Kind-Heimen für unverheiratete Frauen sind laut einem aktuellen Untersuchungsbericht im 20. Jahrhundert rund 9.000 Babys und Kinder gestorben. Im Bild: Gedenkstätte St. Mary in Tuam, Irland (picture alliance / dpa | Aidan Crawley)

Tausende Kinder kamen im 20. Jahrhundert in irischen Heimen zu Tode, so das Ergebnis eines Untersuchungsberichts. Staat und Kirche haben durch ihre Vertreter ihre Schuld anerkannt - aber Irland ist jetzt mit einer Schande konfrontiert, die die ganze Nation betrifft, kommentiert Martin Alioth.

Nicht zum ersten Mal ist die irische Gesellschaft gezwungen, in einen düsteren Spiegel zu blicken. Der über 3.000 Seiten starke Bericht der Untersuchungskommission über die Behandlung von ledigen Müttern und ihren Kindern im letzten Jahrhundert ist in der Tat schwer verdaulich.

56.000 junge Frauen wurden in Großteils von der Katholischen Kirche geführten Heimen eingekerkert und menschenverachtend behandelt. Ihre Kinder wurden ihnen weggenommen, sei es zur damals illegalen Adoption, sei es zur Übergabe an Pflegeeltern, die das Elend dieser Kinder oftmals verlängerten. Die Mütter selbst endeten häufig in den Wäschereien katholischer Institutionen, wo sie ohne Bezahlungen ausgenützt wurden.

Staat als Erfüllungsgehilfe der Kirche

Dieses Bild der irischen Gesellschaft ist in den letzten Jahren schon mehrfach gezeichnet worden, am grellsten im Bericht über die Arbeitsheime, Waisenhäuser und dergleichen, der 2009 veröffentlicht wurde und Missbrauch im industriellen Ausmaß beschrieb. Dabei entpuppte sich der irische Staat als willfähriger Erfüllungsgehilfe der Kirche.  Staat und Kirche hatten sich verbündet, um absolute Konformität mit den verkrusteten und unbarmherzigen Moralvorstellungen des katholischen Dogmas zu erzwingen. 

Eine handgeschriebene Notiz auf einem Massengrab bei einem Heim für ledige Mütter und ihre Kinder des katholischen Bon-Secours-Orden im westirischen Tuam. (dpa / picture alliance / Aidan Crawley) (dpa / picture alliance / Aidan Crawley)Irland - Die Kinder, die nicht sein durften
Uneheliche Kinder waren eine Schande in dem katholischen Land. Sie kamen in Heimen für "gefallene Mädchen" zur Welt, wo sie unter elenden Bedingungen lebten und starben, wie die Funde von Massengräbern zeigen. Die Regierung hat die Geschichte der Heime untersuchen lassen, doch die Aufarbeitung steht erst am Anfang.

Etwas verkürzt darf man behaupten, dass die irische Gesellschaft in den mittleren Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts all jene einsperrte, die ihren strengen und kalten Normen nicht genügten.

Der Untersuchungsbericht selbst bündelt seine Kritik auf die Väter dieser unehelichen Kinder, die bis heute schweigen, und auf die Familien der schwangeren Mädchen, die sie verstießen. Irlands Premierminister, Micheál Martin, beschuldigte die damalige irische Gesellschaft als Ganzes und entschuldigte sich heute förmlich für die Rolle des Staates.

Verstorbene Kleinkinder in Sickergruben "entsorgt"

Der Primas der Katholischen Kirche Irlands hat sich schon gestern entschuldigt, einige religiöse Orden, denen die Leitung dieser Heime oblag, haben inzwischen ebenfalls ihr Fehlverhalten und ihr Schuldbewusstsein zugegeben.

Thomas Walde, ein Überlebender des Mutter-Kind-Heims in Tuam in Irland. (Deutschlandradio / Thomas Kruchem) (Deutschlandradio / Thomas Kruchem)Umgang mit unerwünschten Kindern in Irland
Im streng katholischen Irland wurden Frauen, die vor der Heirat schwanger wurden, oft in Heimen der katholischen Kirche untergebracht. In einem solchen Heim in der Grafschaft Galway wurde jetzt der Fund von nahezu 800 Leichen von geborenen und ungeborenen Kindern bestätigt – in einer ungenutzten Sickergrube.

Alle haben recht. Die Schuld lässt sich nicht sauber oder gar exklusiv verteilen; es war ein hermetisches System, das die Schwachen, die Armen und die Abweichler gnadenlos und herzlos behandelte.

Der Untersuchungsbericht wurde durch die hartnäckigen Nachforschungen einer Lokalhistorikerin in Tuam in der Grafschaft Galway ausgelöst. Sie wies nach, wie viele Kleinkinder in diesen Heimen starben und wie sie ruchlos in einer Sickergrube entsorgt worden waren.  Die Sterblichkeit der unschuldigen Kinder lag überall weit über dem damaligen Durchschnitt; ein Beweis für die Geringschätzung und die Vernachlässigung, die diesen Kindern zuteil wurde. Sie haben im Bericht endlich eine Stimme erhalten.

Martin Alioth berichtet als Korrespondent für den Deutschlandfunk aus Irland.

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