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StartseiteForschung aktuellTrotz Konflikt Chance auf eine Ausrottung des Polio-Virus06.08.2021

Kinderlähmung in Afghanistan und PakistanTrotz Konflikt Chance auf eine Ausrottung des Polio-Virus

Trotz politischer Krisen und der Coronapandemie gebe es in den besonders von Polio betroffenen Ländern Afghanistan und Pakistan einen Niedrigstand der Fälle, sagte Oliver Rosenbauer von der WHO im Dlf. Wenn man es jetzt schaffe, so viele Kinder wie möglich zu impfen, könne das Virus, das die Kinderlähmung auslöst, ausgerottet werden.

Oliver Rosenbauer im Gespräch mit Sophie Stigler

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Ein Kind erhält eine Polio-Impfung in Kabul, Afghanistan (picture alliance / ASSOCIATED PRESS / Rahmat Gul)
Polio-Impfung in Afghanistan: Trotz schwieriger Lage hofft WHO-Sprecher Oliver Rosenbauer auf einen Erfolg der Impfkampagne dort (picture alliance / ASSOCIATED PRESS / Rahmat Gul)
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Der internationale Militäreinsatz in Afghanistan endet, während die radikalislamischen Taliban im Land weiter vorrücken. Die Sicherheitslage verschlechtert sich, worunter auch die Gesundheitsversorgung leidet: Wie soll man in so einer politischen Situation medizinische Unterstützung planen und die Menschen erreichen? Das gilt insbesondere auch für die Bekämpfung von Polio. Denn während das Virus, dass die Kinderlähmung auslöst, weltweit als weitgehend besiegt gilt, kommt es in Afghanistan und Pakistan noch gehäuft vor. 

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Bislang habe die instabile politische Situation die Polio-Fälle jedoch nicht in die in die Höhe getrieben, sagte Oliver Rosenbauer, Sprecher der weltweiten Initiative zur Ausrottung des Polio-Virus' bei der Weltgesundheitsorganisation (WHO), im Dlf. Es gebe sogar einen "Niedrigstand der Poliofälle" in Afghanistan und Pakistan, der auch mit den Covid-Hygienemaßnahmen zusammenhängen könne. Wegen der Coronapandemie seien 2020 viele Impfkampagnen nicht durchgeführt worden, eine befürchtete Explosion neuer Poliofälle sei jedoch nicht eigetreten.

Nun sei der Moment, um eine wirklich große Impfkampagne durchzuführen und "so viele Kinder wie möglich zu impfen, dass der Poliovirus keinen Aufenthaltsort mehr findet und dann eben ausstirbt." Man müsse in Afghanistan von Gemeinde zu Gemeinde herausfinden, wer hat das Sagen habe, um die Impfung voranzutreiben, so Rosenbauer. Die generelle Impfbereitschaft in der Bevölkerung sei jedenfalls sehr hoch.

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Das Interview im Wortlaut:

:Sophie Stigler: Hat die instabile politische Situation in Afghanistan die Polio-Fälle in die Höhe getrieben?

Oliver Rosenbauer: Was wir dieses Jahr sehen, ist im Grunde, dass wir einen Niedrigstand der Poliofälle sehen in Afghanistan und Pakistan.

Stigler: Also genau das Gegenteil sozusagen.

Rosenbauer: Genau, das Gegenteil. Und wir betrachten die beiden Länder im Grunde als einen epidemiologischen Block, weil es so viele Bevölkerungsbewegungen zwischen den beiden Ländern gibt. Der Virus wird mitgebracht über die Grenze. Und was wir eben sehen, letztes Jahr, wie Sie sagen, konnten viele Impfkampagnen nicht durchgeführt werden wegen der Coronapandemie. Und wir befürchteten im Grunde, dass wir eine Explosion von neuen Poliofällen in dieser Region sehen würden.

Das Gegenteil ist der Fall. Sie sehen praktisch kaum noch wilden Poliovirus in Afghanistan und Pakistan. Wir sehen wirklich einen Tiefstand. Womit das jetzt zusammenhängt, das wissen wir nicht so ganz genau, vielleicht wegen Covid sind weniger Bevölkerungsbewegungen unterwegs, der Virus kann nicht so leicht verbreitet werden. Hygienemaßnahmen sind bestimmt besser, aber es ist sehr, sehr früh, um darüber etwas Konkretes zu sagen.

Krankheitsüberwachung ist prinzipiell gewährleistet

Stigler: Und dass die Zahlen derzeit so niedrig sind, das liegt nicht vielleicht daran, dass gerade einfach weniger Erkrankungen auffallen und gemeldet werden?

Rosenbauer: Das ist eine sehr gute Frage. Ich glaube, man kann sagen, dass Krankheitsüberwachungen relativ stabil sind, obwohl vielleicht nicht ganz flächendeckend in allen Regionen von beiden Ländern. Das ist sicherlich eine Frage. Aber ich würde sagen, die Krankheitsüberwachung ist stärker jetzt, als sie letztes Jahr um diese Zeit war, während wir in der größten Krise der Pandemie waren. Und letztes Jahr haben wir die Fälle entdeckt.

Stigler: Angenommen, die niedrigen Zahlen stimmen. Würde das dann nicht bedeuten, jetzt wäre der beste Moment, Polio, also Kinderlähmung, in Afghanistan wirklich auszurotten?

Rosenbauer: Das ist richtig, wenn der Virus so schwach ist, jetzt ist der Moment, um wirklich hohe Impfkampagnen durchzuführen, so viele Kinder wie möglich zu impfen, dass der Poliovirus keinen Aufenthaltsort mehr findet und dann eben ausstirbt.

Konflikte erschweren die Impfkampagne

Stigler: Sehen Sie denn den Vormarsch der Taliban in Afghanistan mit Sorge, was die Impfkampagne angeht? Die Taliban haben ja in der Vergangenheit in manchen von ihnen kontrollierten Gebieten auch einfach verboten.

Rosenbauer: Genau, jedes Mal, wenn irgendwo aktiver Konflikt ist oder Militärinterventionen und die damit assoziierten Bevölkerungsbewegungen, dann macht es das natürlich schwerer, eine Impfkampagne durchzuführen. In manchen Regionen können wir die nicht durchführen, weil es aktiven Konflikt gibt, in anderen Regionen finden wir die Kinder ganz einfach nicht regelmäßig, weil so viele Leute unterwegs sind, um dem Konflikt zu entkommen. Das ist natürlich eine Sorge für uns. Was wir versuchen, zu machen mit der Polio, ist die Ausrottung der Polio.

Die meisten Krankheiten können aus verschiedenen biologischen und technischen Gründen nicht ausgerottet werden. Polio ist eine der wenigen Krankheiten, die ausgerottet werden kann. Das ist die Zielsetzung, aber um das zu schaffen, müssen wir die Transmissionskette des Virus zerbrechen. Wenn wir nicht genügend Kinder erreichen, dann macht es das sehr, sehr schwer. Die Situation ist also sicher nicht einfach.

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Vorbehalte gegen eine Impfung sind gering

Stigler: Vorbehalte in Afghanistan gegen Impfkampagnen, die klingen ja in unseren Ohren vielleicht erst mal seltsam, sind aber nicht ganz ohne Grund. Können Sie mal erklären, was dahintersteckt?

Rosenbauer: Überall sehen wir Vorbehalte, in allen Regionen der Welt. Ich würde sagen, in Pakistan und Afghanistan sind diese Vorbehalte relativ niedrig, weniger als zwei Prozent der Eltern wollen ihre Kinder nicht impfen lassen. Einer der Gründe ist dafür, dass wenn Sie in Kabul oder Islamabad auf den Straßen laufen, dann sehen Sie noch die Effekte der Polio. Hier in Deutschland ist das ja nicht mehr der Fall, Gott sei Dank. Das heißt nicht, dass wir 98 Prozent der Kinder dann impfen, aber es heißt, dass der Grund, warum ein Kind nicht geimpft wird, hängt nicht primär mit den Eltern zusammen oder dass sie ihre Kinder nicht impfen lassen wollen.

Taliban sind nicht gegen eine Polioimpfung

Stigler: Wenn die Taliban jetzt immer mehr Gebiete in Afghanistan kontrollieren, werden Sie sich auch in immer mehr Gebieten mit den Taliban absprechen müssen, wie denn so eine Impfkampagne ablaufen kann. Wie sind denn da bisher diese Absprachen, wie ist die Zusammenarbeit gelaufen?

Rosenbauer: Die Taliban haben über die Jahre hin immer wieder bestätigt, dass sie nicht gegen Polioimpfungen sind und dass sie ganz hinter dem Ziel der Ausrottung von Polio auch stehen. Wo es manchmal Probleme gegeben hat, okay, können wir eine Impfkampagne durchführen, auf einer Haus-zu-Haus-Basis, das heißt, dass die Impfmannschaften oder Impfhelfer von Tür zu Tür jedes Haus erreichen und das Kind vor Ort impfen. Einige Gruppen sagen, das könnte potentiell eine Sicherheitslücke darstellen, dann muss man eben schauen, gibt es andere operationelle Möglichkeiten, den Impfstoff zu überbringen. Zum Beispiel in Schulen oder in Moscheen Impfzentren etablieren, wo Familien ihre Kinder hinbringen können und die Impfung dort durchzuführen. In so einer Situation wie in Afghanistan muss man eben schauen von Gemeinde zu Gemeinde, wer hat hier das Sagen, mit wem können wir einen Dialog anfangen und wie sieht das dann aus. Und das Problem im Moment ist natürlich, die Situation ist so fluide und es ändert sich jeden Tag etwas, das kann das Ganze noch weiter erschweren.

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Stigler: Wenn Sie von Sicherheitslücke sprechen, die die Taliban befürchten, dann war das konkret der Verdacht, dass Impfhelfer, die eben von Tür zu Tür gehen, möglicherweise spionieren könnten?

Rosenbauer: Genau, das ist der Verdacht, den einige haben, das ist eine Theorie davon, das macht es wieder ein bisschen komplizierter, das macht alles langsamer, aber wenn das der Approach ist, dann arbeitet man in diesem Kontext. In vielen Medien wurde es immer wieder gesagt, Taliban erlaubt keine Polioimpfungen. Das Problem ist nicht die Impfung, es ist, wie sie durchgeführt wird.

Zielsetzung: 2023 könnte eine Ausrottung des Polio-Virus gelingen

Stigler: Der Zielsetzung der Impfkampagne ist, dass es bis 2023 keine Polioübertragungen mehr geben soll in Afghanistan und in Pakistan und damit auch weltweit. Wie optimistisch sind Sie, dass das klappt?

Rosenbauer: Von einem technischen Standpunkt kann das ganz klar klappen. Es ist auf der einen Seite, relativ einfach, Polio auszurotten. Polio, der Virus, überlebt nur in Menschen. Wenn Sie genügend Kinder in einer Region impfen, kann der Poliovirus sich nirgendwo verstecken und er stirbt aus, die Sache ist damit gelaufen. Wenn wir alle Kinder in Afghanistan erreichen würden dieses Jahr bis Ende des Jahres, ist das Poliovirus ausgerottet. Aber es liegt an uns. Wenn wir eben diese Krankheit nicht ausrotten, dann können wir nicht sagen, okay, wir hatten keinen Impfstoff oder wir wussten nicht, wie man Krankheitsüberwachung macht, es ist dann nur, dass wir den politischen Willen nicht mobilisiert haben.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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