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StartseiteInterview"Lernpläne entschlacken und Druck aus dem Kessel nehmen"26.05.2021

Kinderpsychologin gegen Lernstandserhebungen"Lernpläne entschlacken und Druck aus dem Kessel nehmen"

Lernstandserhebungen in den Schulen und mögliche Lernlücken in den Sommerferien nacharbeiten – das plant Bundesbildungsministerin Anja Karliczek. Die Kinder- und Jugendpsychologin Elisabeth Raffauf hält die Vorschläge nicht für sinnvoll. Im Dlf plädierte sie für einfühlsamere Alternativen.

Elisabeth Raffauf im Gespräch mit Philipp May

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Schüler mit Mund- und Nasenschutz arbeiten in einer siebten Klasse einer Gemeinschaftsschule.  (picture alliance/dpa | Sebastian Gollnow)
Sollen Schülerinnen und Schüler Lernstoff, den sie wegen Corona verpasst haben, in den Ferien nachholen? (picture alliance/dpa | Sebastian Gollnow)
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Seit Weihnachten sind die Schulen in vielen Bundesländern geschlossen. Schülerinnen und Schüler pendeln zwischen Distanz- und Wechselunterricht – und einige bleiben dabei auf der Strecke. Bundesbildungsministerium Anja Karliczek (CDU) hat deshalb Lernstandserhebungen bis zum Ende des Schuljahrs angekündigt. Die Lehrer sollen danach eine Empfehlung geben, welche Schüler welchen Unterrichtsstoff nachholen müssen - in den Ferien.

Ermutigung statt Druck

Die Kinder- und Jugendpsychologin Elisabeth Raffauf hält das nicht für sinnvoll – stattdessen solle man Lernpläne entschlacken und sich ansehen, was Kinder und Jugendliche in der Pandemie erlebt und vielleicht auch gelernt haben - zum Beispiel, schwierige Situationen zu meistern und kreativ zu sein. Vielleicht sei gerade nicht der Lehrplan das Wichtigste. Kinder würden eben nicht wie Maschinen funktionieren, bei denen man das Wissen einfach nachfüllen könne, so Raffauf. Sie wirft der Politik vor, Kinder in der Coronakrise aus dem Blick verloren zu haben. Ihnen fehle die Lobby.

Studien würden zeigen, dass inzwischen jedes dritte Kind Auffälligkeiten wie Schlafstörungen oder Bauchschmerzen zeige. Vor der Pandemie, sei das bei jedem fünften Kind so gewesen, sagte Raffauf. Sie schlägt vor, die Kinder selbst zu fragen, was sie brauchen und wie es ihnene gehe.  Das Wort "Aufholpaket" klingt für die Psychologin nach Druck, das was viele Kinder jetzt aber bräuchten, sei Ermutigung.

Schüler und Schülerinnen der Städtischen Integrierten Gesamtschule Paffrath gehen durch den Eingang der Schule, an dessen Scheiben Hinweiszettel kleben, die auf die Maskenpflicht und die Abstandsregeln hinweisen. Trotz steigender Infektionszahlen sollen wieder alle Schüler in Nordrhein-Westfalen zumindest tageweise in die Klassenräume zurückkehren. In Bergisch-Gladbach beginnt einen Tag vor anderen Schulen bereits die Verteilung von Spucktests an Schüler. (picture alliance/dpa | Federico Gambarini) (picture alliance/dpa | Federico Gambarini)Wie sich coronabedingte Lernlücken auffangen lassen
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Das Interview in voller Länge:

Philipp May: Hat die Politik die Kinder aus dem Blick verloren?

Elisabeth Raffauf: Na ja, an Stellen vielleicht schon. Wenn man sich überlegt: Für die Kinder ist es ja auch am schwersten, sich selber sichtbar zu machen, und sie haben in vielen Bereichen erlebt, ich bin eigentlich irgendwie ohnmächtig, ich kann gar nichts machen.
Gleichzeitig muss man wissen: 83 Prozent der Kinder und Jugendlichen halten sich an die Corona-Regeln. Das heißt ja, sie wollen kooperieren und sie wollen was machen, und das müssten wir auch würdigen.

May: Also es fehlt die Lobby?

Raffauf: Ja, genau.

May: Wie groß ist die Not, die Sie beobachten beispielsweise in Ihrer Arbeit?

Raffauf: Na ja. Es gibt ja auch Studien, zum Beispiel die Copsy-Studie aus Hamburg-Eppendorf, wo ganz klar ist, dass jedes dritte Kind einfach Auffälligkeiten zeigt wie Schlafstörungen, Konzentrationsstörungen, Ängste, große Traurigkeit, Bauchschmerzen und Kopfschmerzen. Das war vor Corona jedes fünfte Kind.

"Viele fühlen sich einsam"

May: Was sind die Sorgen, mit denen Kinder und Jugendliche vermehrt zu Ihnen kommen? Sind das genau diese Sorgen?

Raffauf: Ich sage mal so: Die sagen hauptsächlich, sie vermissen ihre Freunde. Sie haben vielleicht manche zarte Freundschaftsbande vor Corona geknüpft und jetzt wissen sie nicht, wenn ich in die Schule zurückkomme, gibt es die Freunde noch, oder haben die sich vielleicht irgendwie schon anders formiert. Viele fühlen sich einsam und vor allem haben sie das Gefühl, ich kann nur wenig tun. Und es gibt natürlich auch viele, die sich große Sorgen um ihre Eltern machen.

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May: Hat sich das im Laufe der Pandemie verändert, dieses Gefühl, auch die Ängste und Sorgen der Kinder? Oder ist das immer gleich geblieben?

Raffauf: Na ja. Der Spaß an den verlängerten Ferien ist, glaube ich, zu Ende. Die allermeisten wünschen sich Normalität und auch Schule. Und diese Dauer macht natürlich auch was. Diese Dauer macht mehr Einsamkeit und auch mehr das Gefühl, wird das überhaupt noch mal aufhören, kann ich überhaupt noch mal wieder normal etwas tun und rausgehen aus der Familie, was ja die Jugendlichen auch müssen. Die werden ja zurückgeschleudert in die Familie und eigentlich müssten sie das Gegenteil tun.

"Es gibt mehr Stress zuhause"

May: Wie drückt sich denn beispielsweise die Sorge um die Eltern, die Sie gerade beschrieben haben, aus? Eigentlich soll es ja umgekehrt sein.

Raffauf: Ja, absolut! – Sie erleben ja Eltern, die vielleicht bislang eine große Säule waren und eigentlich immer wussten, was zu tun ist, die jetzt sich selber Sorgen um die Arbeit machen, oder die so viel Arbeit haben, dass sie sich kaum noch um die Kinder kümmern können. Es gibt mehr Streits zuhause und manche Jugendliche und Kinder haben dann den Wunsch, jetzt muss ich da einspringen, jetzt muss ich die Verantwortung für Geschwister haben oder auch dafür, dass es meinen Eltern gut geht, und das ist natürlich eine große Überforderung.

May: Das wird denen aufgebürdet, obwohl es ihnen eigentlich nicht aufgebürdet werden sollte?

Raffauf: Ja, genau.

"Die Kinder brauchen dringend Ermutigung"

May: Nun ist ja auch viel beschrieben worden, dass Corona sehr wohl doch auch eine soziale Frage ist. Am Anfang der Pandemie hieß es ja noch, Corona macht keinen Unterschied beim Geldbeutel. Wir sehen es aber zum Beispiel gerade hier in Köln auch an den Inzidenzen in den unterschiedlichen Stadtteilen, aber natürlich auch, was das Helfen bei der Schule angeht, im Homeoffice die technische Ausstattung etc. pp. Kommen auch Kinder aus diesen Milieus zu Ihnen, oder erreichen Sie die nicht?

Raffauf: Ja, und ich erlebe das ja auch, dass die technische Ausstattung fehlt. Das ist das eine, oder dass viele Kinder zuhause gar keine ruhigen Orte haben zum Lernen, weil es einfach so beengt ist, und dass sie vielleicht auch nicht ermutigt werden, dass sie es schaffen können, und sie brauchen ja dringend im Moment Ermutigung und auch Menschen, die sagen, das ist jetzt schwierig und Dein Gefühl ist richtig, dass das schwierig ist, aber wir werden das schaffen.

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"Erstmal fragen, wie es den Kindern geht"

May: Das war die Bestandsaufnahme. Jetzt soll es aber immerhin ab nächster Woche beispielsweise in den großen Flächenbundesländern, in Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen oder auch Bayern und Baden-Württemberg, bei entsprechender Inzidenz wieder losgehen mit dem Präsenzunterricht. Was kann, was sollte die Schule dann zuvorderst leisten?

Raffauf: Vielleicht sollte sie erst mal fragen, wie es den Kindern geht und was sie brauchen, mit ihnen sprechen und auch hören, nicht nur reden, sondern auch sie anhören und hören, was braucht ihr gerade, und vielleicht können wir auch über eure Gefühle und die Situation sprechen und vielleicht ist nicht der Lernstoff, der im Lernplan steht, gerade das Wichtigste, sondern vielleicht ist gerade wichtig, wir haben gelernt, man kommt auch durch eine Krise und wie werde ich kreativ, wenn alte gewohnte Mechanismen nicht so funktionieren, wie ich das kenne.

"So funktionieren unsere Kinder nicht"

May: Die Bildungsministerin Anja Karliczek, hat sie bei uns im Deutschlandfunk gesagt, die möchte eine flächendeckende Lernstandserhebung durchführen lassen. Ist das sinnvoll? Man muss ja irgendwann trotz allem auch eine realistische Bestandsaufnahme auf der Seite machen.

Raffauf: Was sie möchte ist, sie möchte schulische Lücken füllen. Sie möchte gucken, wo sind die Lücken, und möchte die füllen, und das ist ja ein bisschen eine Hoffnung, dass man mit den Kindern ein bisschen wie mit Maschinen umgehen kann. Wir gucken jetzt, was fehlt, und dann kommt das wieder da rein. So funktionieren wir aber nicht und so funktionieren auch unsere Kinder nicht. Es ist vielleicht sinnvoller zu gucken, wo können wir die Lernpläne auch entschlacken und ein bisschen Druck aus dem Kessel nehmen.

"Aufholpaket - das klingt nach Druck"

May: Würden Sie raten, Sommerferienkurse zu buchen beispielsweise, um den Stoff nachzuholen, sind eher kontraproduktiv, höre ich jetzt aus Ihren Worten, oder nicht unbedingt?

Raffauf: Das kommt darauf an, ob das ein Angebot ist oder ein Muss. Wenn die Kinder hinterher in die Schule gehen und die Lehrer sagen, Du hättest das ja dort nachholen können und hast Du nicht, dann wird es problematisch. Das Ding heißt ja auch Aufholpaket. Das klingt auch nach Druck. Aber wenn es ein Angebot ist, wo Kinder sagen, endlich kann ich da wieder was für mich kriegen, dann ist es okay. Es ist nur die Frage, es muss ganz klar sein, wird das hinterher abgefragt, müssen das alle machen oder nicht. Wenn das unklar ist, dann geht die Schere ja noch weiter auseinander.

May: Markus Söder sagt, man dürfe den Schülern jetzt nicht einreden, sie seien eine verlorene Corona-Generation. Hat er recht damit?

Raffauf: Absolut! Es ist die Frage, woher kommt das überhaupt. Das ist ja eine Erzählung der Erwachsenen, dieses verlorene Corona-Generation. Wie kommt das überhaupt, frage ich mich.

"Nicht auf die Defizite gucken"

May: Und woher kommt das? Möglicherweise daher, dass man die Sorge hat, jetzt ist da eine Generation, die ist, ganz salopp formuliert, wegen Corona ein bisschen dümmer.

Raffauf: Ja, und das wird überhaupt nicht so sein, sondern wir können sicher sein, die Kinder haben was anderes gelernt und darauf sollten wir gucken, nicht auf die Defizite, sondern auf das, was ist denn stattdessen da, was ist denn gelaufen, wo haben sie denn geguckt, wie kann ich irgendwie kreativ Lösungen finden, und wo haben sie vielleicht Verantwortung übernommen und wo haben sie was geleistet, und da wird man auch was finden.

"Es bleibt das hängen, was sie erlebt haben"

May: Das ist das, was hängen bleiben wird bei den Kindern?

Raffauf: Ja! Es bleibt das hängen, was sie erlebt haben. Wenn sie große Angst erlebt haben und große Streits und möglicherweise auch Gewalt, wird das hängen bleiben. Wenn sie aber ermutigt wurden und erlebt haben, man kann auch eine schwierige Situation meistern, dann werden sie gestärkt aus der Krise hervorgehen.

May: Eine Debatte möchte ich noch ganz kurz ansprechen in meiner letzten Frage, die jetzt groß diskutiert wird. Sollten Schulkinder schnell und auch bevorzugt geimpft werden, um ihnen möglicherweise auch diese Sorgen vor der Krankheit zu nehmen, obwohl sie jetzt nicht unbedingt zur Risikogruppe gehören?

Raffauf: Das müssten Sie eigentlich einen Mediziner fragen. Das kann ich schwer beurteilen. Aber auf jeden Fall sollten wir darauf gucken und sollten sie sehr im Blick haben und gucken, was brauchen sie denn. Natürlich ist das in den Schulen ein wichtiger Punkt. Sie werden ja sonst auch von den Lehrern als Gefährder vielleicht wahrgenommen und die Last sollten wir ihnen so schnell wie möglich nehmen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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