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StartseiteInformationen am MorgenDie letzte Rettung vor dem Holocaust27.01.2017

Kindertransporte nach EnglandDie letzte Rettung vor dem Holocaust

Milena Grenfell-Baines gehörte zu den Tausenden Mädchen und Jungen, die 1938 und 1939 mithilfe von "Kindertransporten" die Tschechoslowakei in Richtung Großbritannien verlassen haben. Für sie bedeutete es Sicherheit vor den Nationalsozialisten. Ihre Eltern sahen die meisten aber nie wieder.

Von Friedbert Meurer

Milena Grenfell-Baines, die mit einem "Kindertransport" von Prag nach Großbritannien geschickt wurde und so dem Holocaust entkam. (AFP / MICHAL CIZEK)
Milena Grenfell-Baines, die mit einem "Kindertransport" von Prag nach Großbritannien geschickt wurde und so dem Holocaust entkam. (AFP / MICHAL CIZEK)
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Milena Grenfell-Baines liest zuhause in ihrem Wohnzimmer die Widmung, die ihr Großvater in ein jetzt vergilbtes Buch geschrieben hatte. Am 31. Juli 1939, dem Tag, an dem sie mit neun Jahren mit einem Kindertransport Prag verließ.

"Liebe Milenka, denk daran, eine gewissenhafte Tochter für das Land zu sein, in dem du jetzt leben wirst. Deine Eltern und dein Großvater lieben dich sehr."

Ihre Mutter ist es, die sie am gleichen Tag zusammen mit ihrer dreieinhalb Jahre alten kleinen Schwester Eva an den Bahnhof in Prag bringt. "Ich kann mich an nichts mehr erinnern. Aber in unserem Abteil war ein Mädchen, etwas älter als ich. Sie hat mir später als Erwachsene erzählt, dass ich und Eva uns die Hände hielten und uns schworen: Wir weinen nicht."

Drei Tage lang dauert die Zugfahrt bis London. Die kleine Eva vergießt keine einzige Träne. Sie habe wie versteinert ausgesehen, als sie ankam. Für Milena, die Neunjährige, war es dagegen eher ein Ausflug.

"Den Teenagern wurde von ihren Eltern erzählt, dass das ein Abenteuer sei. Sie würden sie bald Wiedersehen. Sie würden Englisch lernen. Niemand hat ihnen die Wahrheit gesagt. Die älteren 14 und 15 Jährigen, die wussten, was los war. Ich selbst aber hatte keine Ahnung."

Milena Grenfell-Baines, die mit einem "Kindertransport" von Prag nach Großbritannien geschickt wurde und so dem Holocaust entkam. (Imago / CTK Photo)Milena Grenfell-Baines ist ihren Eltern dankbar für die Rettung. (Imago / CTK Photo)

200 Kinder waren an Bord des letzten Kindertransport-Zuges aus Prag, die allermeisten sehen ihre Eltern nie wieder. Die Kinder überleben, die Eltern sterben in Auschwitz oder anderen Vernichtungslagern. Milena Grenfell-Baines hat selbst Kinder und Enkel. Wie könnten Eltern einfach ihre Kinder von sich geben, das würde er nie übers Herz bringen, sage ihr Sohn heute.

"Ihr würdet es auch tun"

"Jeder, der sagt, ich könnte das nicht tun, meine Kinder in den Zug zu setzen, der hat keine Ahnung. Ihr wisst es nicht, ihr könnt euch das nicht vorstellen, wie das war. Du kannst das sagen, aber wenn du es musst, dann würdet ihr es auch tun."

In London wurden Milena und ihre Schwester Eva am Bahnhof Liverpool Street von ihrem englischen Gastvater abgeholt. Die neue Familie lebte in einem bescheidenen Reihenhaus in der Nähe von Manchester.

"Wir hatten großes Glück. Eva fing sehr schnell an, die Frau zu mögen. Wir nannten sie Mummy und Daddy Radcliffe. Es war ein sehr kleines Haus, zwei Zimmer oben, zwei Zimmer unten. Das Badezimmer war in der Küche. Sie haben ihre eigene Tochter Mary, die 16 Jahre alt war, zu ihrer Oma geschickt, damit wir mit ihnen leben konnten."

Lady Milena weiß nicht, warum die Familie Radcliffe das alles für sie und ihre Schwester getan hat. Organisiert hatte die Zugfahrten von Prag nach London Sir Nicholas Winton, der "britische Schindler". Letztes Jahr starb er im Alter von 105 Jahren. 40 Jahre lang wusste niemand davon, bis die BBC es erfuhr und Nicholas Winton ins Studio einlud.

Freundschaft mit Nicholas Winton, dem "englischen Schindler"

1988 lief die Sendung, die Moderatorin zeigte die Listen mit den Namen der geretteten Kinder. Wer davon hier sei, möge bitte aufstehen. Alle im Studiopublikum standen auf, auch Milena Grenfell-Baines, ein unvergesslicher Moment für sie und den ahnungslosen Nicholas Winton, der völlig überwältigt war. Sie wurden gute Freunde.

Ehrung am Prager Hauptbahnhof für Sir Nicholas Winton (1909-2015), der die Rettung von 669 jüdischen Kinder aus der Tschechoslowaki organisierte. (imago / CTK Photo / Roman Vondrous )Ehrung am Prager Hauptbahnhof für Sir Nicholas Winton (1909-2015), der die Rettung von 669 jüdischen Kinder aus der Tschechoslowaki organisierte. (imago / CTK Photo / Roman Vondrous )

Die englische Wochenschau 1939 berichtete über die Kindertransporte. Tausende, meist jüdische Kinder wurden vor dem Holocaust gerettet, auch Milena Grenfell-Baines und ihre Schwester. Geschätzt 15.000 andere tschechoslowakische Kinder wurden dagegen ermordet. Die beiden Fleischmann-Kinder haben sogar noch ein zweites Mal Glück: Ihrem Vater und ihrer Mutter gelingt ein gutes Jahr später ebenfalls die Flucht nach England.

"Wir waren sehr glücklich, als wir sie nach mehr als einem Jahr wiedersahen. Wir liebten aber auch unsere Gastfamilie, die sehr bescheiden lebte und uns so geholfen hatte. Wir mussten uns erst wieder daran gewöhnen, mit unseren Eltern zu leben. Uns war ja nicht klar, vor was sie geflohen waren."

Fast alle anderen 200 Kinder aus dem Zug sahen ihre Eltern dagegen nicht wieder. Einige erhielten noch eine Zeit lang Briefe von ihnen.

"Die Eltern einiger Schulfreundinnen von mir konnten über das Rote Kreuz Briefe an ihre Kinder schreiben. Auf einmal kamen aber keine Briefe mehr an. Es war vorbei."

Ein Denkmal für die Eltern

Milena heiratete einen später sehr erfolgreichen Architekten, sie erhielt sogar den Titel "Lady Milena". Ihre Schwester Eva lebt heute in den USA. Milena Grenfell-Baines hält Vorträge vor Schulklassen und engagiert sich auch mit ihren heute 87 Jahren noch zum Beispiel dafür, dass den ermordeten Eltern, die 1939 schweren Herzens ihre Kinder nach England geschickt hatten, am Prager Hauptbahnhof ein Denkmal errichtet wird.

Sie zeigt den Entwurf, ein stilisiertes Zugfenster. Man sieht nur hochgestreckte Hände. Die kleinen Kinderhände berühren auf der einen Seite die Fensterscheibe, die Hände der verzweifelten Eltern die andere Seite. Ein letzter Gruß am Zugfenster, ein letzter Abschied zwischen Kindern und ihren Eltern.

"Die Eltern waren die Helden. An sie sollten wir uns erinnern. So ist es zu dieser Idee mit dem Denkmal gekommen. Für die Eltern, die, um sie zu retten, ihre eigenen Kinder weggeschickt haben."

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