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StartseiteKommentare und Themen der WocheGezieltes Negieren schädigt die Opfer bis heute06.03.2019

Kindesmissbrauch in der DDR Gezieltes Negieren schädigt die Opfer bis heute

Missbrauch und dessen Tabuisierung seien keine Besonderheit der DDR, kommentiert Gudula Geuther. Doch durch das staatliche Nicht-Wahrhaben-Wollen seien die Opfer den Tätern noch stärker ausgeliefert gewesen - und Hilfesysteme bis heute noch schwerer aufzubauen.

Von Gudula Geuther

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Ein Kind streckt die Hand zur Abwehr nach oben.  (imago)
Fälle sexueller Gewalt sind in der DDR viel seltener dokumentiert (imago)
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Das Tabu reicht weit – bis heute. Wie weit, machte eine der Autorinnen der Studie zu sexualisierter Gewalt in der DDR heute selbst deutlich: Sie – selbst ostdeutsch sozialisiert – habe sich nicht vorstellen können, dass in der DDR möglich war, was sie im Lauf ihrer Recherchen erfuhr.

Gezieltes staatliches Negieren

Es ist das Selbstbild des sozialistischen Staates, das bis heute fortwirkt, das Bild der besseren Gesellschaft, der allgemein Kriminalität, besonders aber Kindesmissbrauch, Misshandlung, gar Kindestötung als Auswuchs kapitalistischer Perversion verstehen wollte.

Missbrauch war wahrlich keine Besonderheit der DDR, er kam und kommt in allen Gesellschaften, in allen sozialen Schichten vor. Auch anderswo wird Missbrauch tabuisiert. Aber das staatliche Nicht-Wahrhaben-Wollen, das gezielte Negieren schädigt die Opfer bis heute, das ergibt sich aus der Sache selbst. Wer damals nach außen die heile Fassade aufrechterhalten musste, weil er fürchten musste, sonst selbst sanktioniert zu werden, war den Tätern in der Familie noch mehr ausgeliefert.

Menschen fallen durch die Maschen des Hilfesystems

Heute ist das nicht in erster Linie wichtig, um die Systeme zu vergleichen. Dass auch die alte Bundesrepublik lange im Umgang vor allem mit geschlossenen Systemen versagte, zeigen die spät bekannt gewordenen Skandale in Kirchen, Schulen und Verbänden. Worum es heute geht, ist der Blick auf die Betroffenen. Und da ist die Haltung der DDR ein Faktor, der nachwirkt. Wo die alte Bundesrepublik – wenn auch spät - ein Hilfesystem aufbaute, wirkte das Tabu in der DDR bis zu ihrem Ende weiter. Heute heißt das, dass Übergriffe viel seltener dokumentiert sind, dass Betroffene ihre Situation schwerer belegen können, dass ohnehin vielfach das Vertrauen in staatliche Institutionen fehlt.

Aber es ist nicht nur das Erbe des alten Staates, das im Osten heute fortwirkt. Auch der neue Staat hat die Menschen vielfach allein gelassen – mit der Folge, dass sie weit öfter durch die Maschen des Hilfensystems fallen als Menschen in den alten Bundesländern. Das beginnt beim Umgang mit den früheren Heimkindern, die oft sexualisierte Gewalt erfahren haben. Verantwortlich für ihre Leiden war ein Staat, für den sich dann niemand mehr verantwortlich fühlen wollte. Manche der ostdeutschen Bundesländer haben sich hier geradezu schäbig aus der Affäre und aus der Verantwortung für den entsprechenden Fonds gezogen. Wer vor 1990 Gewalt erfahren hat, fällt außerdem aus dem Opferentschädigungsgesetz heraus. Wer Opfer in Familien war, bräuchte häufig passgenaue Therapieangebote, die fehlen. Gerade für die, die sich nie wieder staatlichen Institutionen anvertrauen wollen, müssten Selbsthilfegruppen viel besser unterstützt werden.

Zäher Prozess der Aufarbeitung - mageres Ergebnis

Das alles ist eigentlich bekannt. Die heutige Studie hat nur noch einmal weitere Belege geliefert. Aber so sehr in den vergangenen Jahren gerungen wurde, so beschämend zäh ist der Prozess, so mager das Ergebnis. Das mag auch daran liegen, dass Betroffene lange nicht über das Erlebte sprechen konnten. Auch deshalb ist diese Aufarbeitung selbst 30 Jahre nach dem Ende der DDR noch lange nicht Geschichte.

(Deutschlandradio / Bettina Straub)Gudula Geuther (Deutschlandradio / Bettina Straub)Gudula Geuther, Jahrgang 1970, studierte Rechtswissenschaften in München und Madrid. Nach Abschluss des Referendariats berichtete sie vom Rechtsstandort Karlsruhe erst unter anderem für Reuters und die taz, dann für das Deutschlandradio. Nach kurzer Zeit als Deutschlandradio-Landeskorrespondentin in Hessen arbeitet sie heute als Korrespondentin für Rechts- und Innenpolitik im Deutschlandradio-Hauptstadtstudio.

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