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StartseiteMusikszeneZwischen Mission und Mangel08.05.2018

Kirchenmusik heuteZwischen Mission und Mangel

Mit den Mitgliederzahlen schrumpft auch die gesellschaftliche Bedeutung: Die Probleme der Kirchen in Deutschland betreffen auch Kirchenmusikerinnen und -musiker. Weil Musik aber mit einfachen Mitteln Kontakt zu Menschen herstellt, fällt ihr in den Gotteshäusern eine Schlüsselfunktion zu.

Von Dagmar Penzlin

Ein Kirchen-Chor singt am 29.11.2015 in der Domkirche St. Eberhard in Stuttgart (Baden-Württemberg) während des Gottesdienstes zur Eröffnung des Lateinamerika-Hilfswerks Adveniat. Die Weihnachtsaktion des Lateinamerika-Hilfswerks Adveniat findet Bundesweit statt. Foto: Christoph Schmidt/dpa | Verwendung weltweit (dpa / Christoph Schmidt)
Manche Kirchenchöre schaffen es jünge Sängerinnen und Sänger zu gewinnen. (dpa / Christoph Schmidt)
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Kirchenmusik besitzt heute in vielen Gemeinden eine geradezu existenzielle Schlüsselfunktion. Sie verleiht der Verkündigung zusätzliche emotionale Kraft und künstlerisches Profil, sie bindet durch Chöre und Ensembles Laienmusiker ein. Gleichzeitig erlauben offene Angebote zur Musikvermittlung und Konzerte in Zeiten des Mitgliederschwunds einen niedrigschwelligen Kontakt zum Gemeindeleben, auch ohne gleich Kirchenmitglied sein zu müssen.

(Dagmar Penzlin)Die Profis von Capella de la Torre proben zusammen mit dem Laien-Kammerchor der Gemeinde Lilienthal. (Dagmar Penzlin)

"In einer Zeit, in der die Bedeutung von Kirchen doch rapide nachlässt. Da kommt man einfach gar nicht drumherum - da wächst der Kirchenmusik eine ganz neue Aufgabe zu, nämlich noch stärker Aushängeschild von Kirchen zu sein und gegenzusteuern gegen so einen Trend. Und etwas zu vermitteln von dem, was ein verbaler Vortrag wie eine Predigt eben nicht kann", bringt es Bernd Stegemann auf den Punkt. Er ist Kirchenmusikdirektor und Rektor der Hochschule für Kirchenmusik in Heidelberg.

Fachkräftemangel steht bevor

Heutige Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusiker spüren vielerorts, welche gewichtige Rolle ihrer Arbeit zukommt. Das Interesse an neuen Konzepten der Vermittlung von Kirchenmusik ist groß. Ein Angebot wie "Vision Kirchenmusik" schult und bietet ganz praktikable Leitfäden für neue Wege. Zugleich treibt die Kirchenmusikszene ein drohender Nachwuchsmangel um: In den Jahren 2020 bis 2025 gehen nach Angaben des Verbandes der Evangelischen Kirchenmusikerinnen und Kirchenmusiker jährlich um die 100 Fachkräfte in den Ruhestand, ohne dass bei dieser ohnehin kleinen Berufsgruppe genügend Kirchenmusiker nachrücken. Im orgelreichen Bundesland Mecklenburg-Vorpommern versucht man darum stärker Kinder für die Orgel zu interessieren. Lust auf Orgelspiel ist die einzige Voraussetzung. Und beim Schweriner Domkantor Jan Ernst kostet der Unterricht auch nichts.

Projekt "Orgel spielend lernen"

"Ich habe das zu meiner Sache gemacht und integriere das in meine Arbeit. Ich finde das ist ein wichtiger Bestandteil. Hier am Dom bezahlen sie nichts, und ich hoffe, sie können das irgendwann im Gottesdienst mal zurückgeben", erklärt er.

Einer seiner Schüler ist der 18-jährige Johannes Meyer. Er spielt seit drei Jahren Orgel und mittlerweile tourt er auch durch die Dorfkirchen im Schweriner Umland - zur Freude der Menschen dort.

Der 13-jährige Carl Rinke und sein Orgellehrer, Domkantor Jan Ernst sitzen vor dem Spieltisch der Orgel im Schweriner Dom. (Dagmar Penzlin)Der 13-jährige Carl Rinke und sein Orgellehrer, Domkantor Jan Ernst sitzen vor dem Spieltisch der Orgel im Schweriner Dom. (Dagmar Penzlin)

"Heiligabend in Banzkow in der Kirche – da hat mich die Orgel sehr beeindruckt, die kannte ich noch nicht. Das hat sehr viel Spaß gemacht, das war wirklich cool, auch weil die Leute erzählt haben, dass sie so selten gespielt wird. Die haben sich so gefreut, die da mit oben bei der Orgel saßen", erzählt Johannes Meyer.

Kirchenmusik an veränderten Stadtteil anpassen

In Hamburg experimentiert ein interreligiöser Stadtteilkantor mit neuen Formen der Kirchenmusik, er veranstaltet beispielsweise ein Offenes Singen. Eine der Teilnehmerinnen sieht in diesem Projekt gleichzeitig die Chance, ihren Stadtteil, die Hochhaussiedlung Mümmelmannsberg in Billstedt, von einer anderen Seite zu zeigen.

"Mümmelmannsberg hat ja insgesamt von Hamburg keinen guten Ruf. Deshalb ist es besonders wichtig, dass wir so was machen und nicht immer Negativschlagzeilen haben."

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