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StartseiteCampus & KarriereStudieren an der Mini-Uni12.10.2015

Kirchenmusik in HerfordStudieren an der Mini-Uni

Orgel und Klavier, am besten noch Posaune, Kenntnisse in Tonsatz, in Gehörbildung und Dirigieren: Wer Kirchenmusiker werden will, dem wird schon bei der Aufnahmeprüfung zum Studium einiges abverlangt. Dafür erwarten die Studierenden geradezu paradiesische Lernbedingungen an den Hochschulen.

Von Silke Schmidt

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Die exklusive Schar der Herforder Studierenden wurde am Morgen mit einem Gottesdienst im neuen Semester begrüßt. Obwohl an der Hochschule für evangelische Kirchenmusik derzeit nur 43 junge Frauen und Männer eingeschrieben sind, gehört sie zu den größten drei bundesweit.

Für Masterstudent Tim Gärtner ging es schon vergangene Woche wieder los – mit Einzelunterricht an seinem Pflichtinstrument, der Orgel.

"Wie gehen Sie aus der Taste raus? Haben Sie das wahrgenommen? Ist der Abschluss eher weich oder härter?"

Einen Lehrer ganz für sich allein – diesen Luxus hat Tim Gärtner mehrmals in der Woche. Der 23-Jährige muss mehrere Instrumente beherrschen. Neben der Orgel noch Klavier, Posaune und Schlagzeug. Und klar - gut singen können - das muss er für seinen späteren Beruf auch.

"So wie es sich aus dem Studiengang ergibt, möchte ich Kantor in einer Gemeinde werden, also hauptamtlicher Kirchenmusiker und ganz vielfältige Arbeit machen. Sowohl Gottesdienste gestalten, auch die Gemeindearbeit liegt mir sehr am Herzen. Chorarbeit, Gospelchorarbeit, Kinderchorarbeit."

Tim Gärtner hat sein Bachelor-Studium in Herford schon abgeschlossen. Spielt nicht nur vier verschiedene Instrumente, sondern kennt sich aus mit Liturgie und Hymnologie, mit Chorleitung, Musikgeschichte und Orgelbau. Jetzt noch den Master – dann soll er fit sein für seinen späteren Beruf: musikalisch professionell, vielseitig, aber auch ein guter Manager.

"Wir vereinen als Kantoren viele Funktionen, die man an städtischen Bühnen getrennt hätte. Wir sind sowohl die ausführenden Musiker, als auch die Intendanten, die das Programm festlegen, was soll kirchenmusikalisch laufen."

Intensive Betreuung

Bei nur 43 Studierenden ist die Betreuung an der Herforder Hochschule für Kirchenmusik sehr intensiv. In manchen Wochen hat Tim Gärter sechs Einzelstunden. Von solchen Zuständen können Studenten an Massenunis nur träumen. Trotz des Elite-Charakters ist das Studium in Herford für die Studierenden quasi umsonst. Nur symbolische zehn Euro beträgt die Semestergebühr für den Studiengang Evangelische Kirchenmusik. Trotzdem sorgt sich Rektor Helmut Fleinghaus jedes Jahr, ob er genügend geeignete Bewerber findet. In diesem Jahr waren es nur sechs.

"Es genügt nicht, zu sagen, man will Kirchenmusiker werden und spielt Orgel. Sondern man muss in der Aufnahmeprüfung auch Klavier vorspielen, man muss Kenntnisse in Tonsatz haben, in Gehörbildung. Man muss singen. Man muss schon einen Chor dirigieren, schon in der Aufnahmeprüfung. Alle diese Dinge erfordern sehr viel Vorbildung, schon vor dem Studium."

Viel Können für wenig Geld

Die Krux des Berufs ist auch: Es wird viel verlangt - bei mäßigen Verdienstaussichten. Mit 3.500 Euro netto im Monat gehört man in der Branche schon zu den absoluten Topverdienern. Nachwuchssorgen gibt es an allen 25 Ausbildungsstätten für evangelische Kirchenmusik – zum Beispiel in Dresden, Bayreuth oder Heidelberg. Bundesweit haben sich gerade mal 340 Studierende dafür entschieden. Dabei sind die Aussichten auf eine feste Stelle so gut wie lange nicht mehr.

"Es war ja oft auch von der Finanznot die Rede, wo es immer hieß, werdet lieber nicht Kirchenmusiker, man kann nicht davon leben.
Inzwischen hat sich das sehr gewandelt. Kirchenmusiker werden gesucht. Und es werden immer mehr gesucht werden, denn wir gehen auf eine Pensionswelle zu, die ihren Höhepunkt 2020 erreichen wird.

Das wir zu wenig zu wenig Bewerber auf frei werdende Stellen haben, das merken wir jetzt schon ganz deutlich und das wird in fünf Jahren für die Kirche ziemlich dramatisch werden."

Für Tim Gärtner ist das eine komfortable Situation. Der 23-Jährige kann sich ganz seiner musikalischen Entwicklung widmen - ohne große Zukunftssorgen. Ein ziemlicher Luxus für einen Musiker.

"Die Achtel etwas bogiger und dichter. Wollen Sie das noch mal probieren? Vielleicht nehmen Sie die linke Hand auch dazu."

 

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