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StartseiteKommentare und Themen der WocheKatholische Frauen brechen mit der Demut12.05.2019

KirchenstreikKatholische Frauen brechen mit der Demut

Von Münster aus haben katholische Frauen den Kirchenstreik ausgerufen und demonstrieren für Gleichberechtigung. Sie erstaunen, weil sie nach Jahrzehnten fruchtloser Diskussionsversuche noch nicht weggelaufen sind, kommentiert Gerald Beyrodt. Die Konservativen würden sich hingegen machtbewusst und denkfaul zeigen.

Von Gerald Beyrodt

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Ein Transparent zeigt Maria, die Mutter Gottes, mit einem Pflaster auf dem Mund anlässlich eines Gottesdienstes unter freiem Himmel. Katholische Frauen und verschiedene Frauen-Initiativen aus mehreren deutschen Bistümern beteiligen sich am Kirchenstreik "Maria 2.0". (dpa / Friso Gentsch)
Katholische Frauen beim Kirchenstreik "Maria 2.0" (dpa / Friso Gentsch)
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Die Frauen von "Maria 2.0" erstaunen. Genauso sehr erstaunt die Kirche, mit der die Frauen und wenigen Männer in Münster und anderswo ringen. Über hundert Jahre nach Einführung des Frauenwahlrechtes ist Gleichberechtigung von Männern und Frauen in der katholischen Kirche noch keine Realität. Stattdessen ist Gleichberechtigung in der Kirche eine Frage, über die man ernsthaft diskutieren muss und die viele Hierarchen lieber gar nicht anfassen wollen.

Die Frauen erstaunen, weil sie nach Jahrzehnten fruchtloser Diskussionsversuche noch nicht weggelaufen sind. Stattdessen haben sie immer noch die Energie, einen Kirchenstreik anzustoßen. In der Regel sind Frauen die Mehrheit derer, die Sonntag für Sonntag in die katholischen Gotteshäuser kommen. Frauen tragen die Männerkirche. Erstaunlich, dass sie das so lange mitgemacht und geduldet haben.

Keine überraschenden Forderungen

Kommen wir zu dem, was wenig bis gar nicht erstaunt. Das sind die Forderungen von "Maria 2.0": Frauen am Altar, auf der Kanzel und als Entscheiderinnen bei den Bischofskonferenzen– das kann keinen Menschen in Deutschland im 21. Jahrhundert wirklich verwundern.

Dass man über sexuellen Missbrauch in der Kirche nicht nur jammern muss, sondern etwas Konkretes unternehmen muss: etwa Verdächtige an weltliche Gerichte zu überstellen, statt Missbrauchsfälle unter den Teppich zu kehren - auch hier muss man sich bestenfalls die Augen reiben, dass es überhaupt noch nötig ist, das zu fordern.

Anpassung der kirchlichen Sexualmoral an die Realität: Die Mehrzahl der Katholikinnen und Katholiken in Deutschland hat Sex vor der Ehe. Da verwundert es wenig, dass die Frauen und Männer aus Münster vorehelichen Geschlechtsverkehr nicht mehr als Sünde betrachten wollen. Die Forderungen der Frauen spiegeln weitgehend die FAQs wider: die frequently asked questions. Die Fragen, die die Gesellschaft an die katholische Kirche hat.

Die streikenden Frauen in Münster und anderswo setzen aber keine Fragezeichen mehr hinter ihre Forderungen, sondern Ausrufezeichen. Sie brechen mit der Demut. Die hat ihnen ihre Kirche lange genug eingebläut.

Das Argument der Konservativen trägt nur in der Theorie

Die Konservativen in der katholischen Kirche argumentieren immer wieder, man dürfe sich eben nicht an das anpassen, was die Gesellschaft denkt, sondern müsse sich an die reine katholische Lehre halten. Man kann so mit einem gewissen Recht argumentieren.

Richtig an der Argumentation der Konservativen ist: Sakrale Räume unterscheiden sich von gesellschaftlichen Räumen. Wenn Gleichberechtigung von Mann und Frau ein gesellschaftlicher Grundsatz ist, muss sie es in den Kirchen, Moscheen, Tempeln und Synagogen nicht zwangsläufig sein.

Wenn eine Religion beschlösse, dass nur Frauen sakrale Aufgaben ausführen dürfen und Männer im Gottesdienst nichts zu sagen haben, dann müsste die Gesellschaft das dulden. Wenn eine andere Religion beschlösse, dass nur Transmänner über 1,90 Meter predigen dürfen, oder eine Kirche entschiede, Blonde und Dunkelhaarige auf getrennten Bänken sitzen zu lassen, dann müsste die Gesellschaft das dulden. Und ja, wenn es der Kern einer Religion wäre, dass Frauen auf keinen Fall etwas im Gottesdienst zu sagen haben, dann müsste die Gesellschaft das theoretisch dulden.

Doch das Argument der Konservativen trägt nur in der Theorie. Denn natürlich hat auch der Umstand, dass Frauen nicht Priesterin oder Diakonin werden können, etwas mit gesellschaftlichen Realitäten zu tun: mit gesellschaftlichen Realitäten vergangener Zeiten nämlich. Und dass die katholische Kirche gelebte Homosexualität weiterhin ablehnt, hat auch mit der Haltung von Kirchen etwa in Afrika zu tun. Und diese Haltung wiederum spiegelt dortige gesellschaftliche Realitäten wider.

Die Konservativen: machtbewusst und denkfaul

Sind es die streikenden Frauen oder die konservativen Männer, die die Botschaft des Jesus Christus richtig verstehen? Besteht das Evangelium der Nächstenliebe heute wirklich überwiegend darin, die Hälfte der Gemeinde zu benachteiligen und Sex vor der Ehe zu verbieten? Diese Fragen sind nicht ganz einfach zu beantworten, weil sie vom Verständnis biblischer Texte und späterer Texte abhängen.

Die Konservativen in der katholischen Kirche müssen sich aber die Frage gefallen lassen, ob heute wirklich der Kern ihrer Religion darin bestehen soll, Frauen draußen zu halten und sexuellen Missbrauch unter den Teppich zu kehren. Bis zu einer wirklich durchdachten Antwort liegt der Verdacht nahe: Die Konservativen sind nicht in erster Linie fromm, sondern machtbewusst und denkfaul.

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