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StartseiteKultur heuteZu viel des Guten08.10.2019

Kirchner-Ausstellung in New YorkZu viel des Guten

Für stolze 30 Millionen Euro wechselte die "Berliner Straßenszene" von Ernst Ludwig Kirchner einst den Besitzer. Jetzt präsentiert der neue Eigentümer das Bild in seinem New Yorker Museum. Die große Kirchner-Schau ist allerdings eine verpasste Chance: Sie zeigt zu viel Kunst auf zu kleinem Raum.

Von Sacha Verna

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Eine Fotografie aus dem Auktionshaus Christie's zeigt den Auktionär Christopher Burge, wie er während der Versteigerung von Ernst Ludwig Kirchners Werk "Berliner Strassenszene" in die Menge blickt. Das Gemälde ist links im Bild zu sehen. (EPA/ Justin Lane/ picture alliance)
Rekordpreis - 2006 ging Kirchners "Berliner Straßenszene" an Ronald S. Lauder, Besitzer und Direktor der Neuen Galerie in New York (EPA/ Justin Lane/ picture alliance)
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Ja, auch die "Berliner Straßenszene" ist zu sehen. Das Bild, das Ernst Ludwig Kirchner in die Schlagzeilen und einem breiteren Kunstpublikum in den Vereinigten Staaten überhaupt erst ins Bewusstsein gebracht hat, hängt zwischen einer weiteren Berliner Szene und einer großformatigen Pastellzeichnung von "Kokotten auf der Straße" in dem Raum, der das Herzstück der Ausstellung in der New Yorker Neuen Galerie bildet. Die Werke darin stammen aus der Zeit, die der Künstler zwischen 1911 und 1914 in der deutschen Hauptstadt verbrachte.

Kirchners Jahren in Dresden davor und jenen nach dem Ersten Weltkrieg in Davos bis zu seinem Tod 1938 sind die beiden angrenzenden Räume gewidmet, während in einem verschlagähnlichen Kabinett Arbeiten aus den Kriegsjahren gezeigt werden. Ein separater Raum im unteren Stockwerk ist Kirchners Druckgrafik vorbehalten.

Lebensumstände beeinflussten Kirchners Kunst

Stilistisch und thematisch seien diese Phasen sehr unterschiedlich, sagt Kuratorin Jill Lloyd, die die Ausstellung zusammen mit Janis Staggs organisiert hat: "In den Dresdner Jahren herrscht eine optimistische Laune mit lebendigen Farben, die in den Berliner Jahren gedämpfteren weichen. Denn so sehr Kirchner die Dynamik der Großstadt genoss, fühlte er sich doch einsam in der Menge. Sein Stil wird schärfer, der Pinselstrich kantiger."

Richtig düster und zugleich wild wirkt "Peter Schlemihls wundersame Geschichte" von 1915. Diese Serie aus Holzschnitten basiert auf dem gleichnamigen Roman von Adalbert von Chamisso, kann aber als Selbstporträt des Künstlers gelesen werden, der nach einem Nervenzusammenbruch im freiwilligen Kriegsdienst nicht nur den Verstand, sondern auch seine Identität zu verlieren fürchtet:

"Schließlich die Übersiedlung in die Schweiz nach dieser Krankheit, wo die Landschaft in den Mittelpunkt von Kirchners Werke rückt, ein Motiv, das in starkem Gegensatz zu den urbanen Themen in Dresden und Berlin steht."

Chronologische Anhäufung von Werken

Insgesamt hat die Neue Galerie beinahe neunzig Werke für diese Ausstellung versammelt. Und genau das ist das Problem. Denn obschon sich darunter bedeutende Leihgaben besonders aus amerikanischen Museen befinden, die bisher nie zusammen präsentiert wurden, droht die Kunst hier an den bunt bemalten Wänden vor lauter Werken unterzugehen. Die Bilder sind so eng gehängt, die Drucke zum Teil sogar einer über dem anderen, dass die Klasse in der Masse schwer zu erkennen ist.

Wie sich zum Beispiel Kirchners grafische und malerische Arbeiten gegenseitig beeinflussten, lässt sich nur erahnen. Dabei verstand dieser Künstler es hervorragend, Eigenschaften der einen Technik in die andere zu übertragen. Er bearbeite einen Druckstock wie ein Maler mit dem Pinsel die Leinwand, und auf die Leinwand übernahm er die rohe Linienführung der Drucke. Für Kirchner habe keine Hierarchie zwischen verschiedenen Kunstformen existiert, so Kuratorin Janis Staggs, und ebenso wenig zwischen künstlerischen Techniken.

Derlei Erkenntnisse sind im schieren Wust der New Yorker Ausstellung freilich nicht möglich. Es ist eine chronologische Anhäufung von Werken mit dem Anspruch einer definitiven Werkschau - und damit eine verpasste Chance.

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