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StartseiteKultur heuteMozarts "Cosi"-Inszenierung aus dem Hausarrest05.11.2018

Kirill Serebrennikow Mozarts "Cosi"-Inszenierung aus dem Hausarrest

Seit über einem Jahr steht der russische Regisseur Kirill Serebrennikow unter Hausarrest. Er ist wegen angeblicher Unterschlagung angeklagt. Viele werten das als Versuch Moskaus, den Kritiker mundtot zu machen. Serebrennikow hat nun trotzdem in Zürich Mozarts "Così fan tutte" inszeniert - von zuhause aus.

Von Elisabeth Richter

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Porträt von Kirill Serebrennikow. (picture alliance / dpa / RIA Nowosti / Vladimir Astapkovich)
Der russische Regisseur Kirill Serebrennikow inszeniert trotz Hausarrest weiter. (picture alliance / dpa / RIA Nowosti / Vladimir Astapkovich)
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Don Alfonso zettelt die verrückte Wette über die Treue der Frauen aus Rache an. Bei Kirill Serebrennikow erhält er eine Text-Message sichtbar auf einem Video: Seine Partnerin gibt ihm den Laufpass. Am Schluss hat sich derselbe Alfonso gewandelt und sprüht den berühmten Satz "Così fan tutte" an die Wand, streicht das "e", das nur die Frauen meint, durch und ersetzt es durch ein "i" – so machen es alle, also auch die Männer.

Der größten Ungereimtheit von Mozarts "Così fan tutte", die absurde Verkleidungsszene, bei der die Damen angeblich ihre Geliebten nicht erkennen, begegnet Kirill Serebrennikow mit einem geradezu genialen Einfall. Angeblich werden Guglielmo und Ferrando in den ach so schönen Krieg geschickt. Bei Serebrennikow werden sie tatsächlich einberufen und sie sterben. Zum Chor "Bella vita militar" laufen auf einem Video Kriegsszenen. Das Terzett "Soave sia il vento", bei dem Alfonso, Fiordiligi und Dorabella eigentlich den Davonziehenden nachwinken, wird zu einer Totenfeier. Sie tragen schwarze Kleider, die Urnen der Gefallenen sind aufgebahrt, er brennt ein feierliches Feuer.

Doppeltes Spiel der Doubles

Nach einer Zeit der Trauer werben bei den Damen zwei arabische Scheiche auf durchaus brutal militante Art. Es sind Doubles. Die wirklichen Sänger agieren entweder hinter ihnen oder auch in der oberen Etage der zweigeteilten Bühne. Auch das ist klug und nützlich, können die Doubles doch weit freier spielen.

Damit wird aber auch das Spiel mit Schein und Sein, mit der Ambivalenz der Situation und der Gefühle auf die Spitze getrieben. Man sieht viel deutlicher, dass die Doubles von ihren Auftraggebern geschickt wurden, und das Leiden der Männer kristallisiert sich stärker heraus. Und permanent fragt man sich: Sind die beiden Männer nun tot oder nicht? Wer hat hier welches Spiel angezettelt?

Dabei kommt das Buffoneske, aber auch die Melancholie des Stücks nie zu kurz. Bevor sich die Damen den Verehrern endgültig hingeben, wird noch schnell die Urne mit der Asche der toten Verlobten versteckt. Despina – auch das hat man so vorher kaum gesehen – sitzt als Therapeutin zwischen den beiden Damen und gibt ihnen Ratschläge für's Liebesleben. Oder sie hält mit Videopräsentation Vorlesungen über Frauenrechte, ein modifiziertes Donald-Trump-Zitat inklusive: "My Pussy, my Rules." Später erscheint Despina als mongolischer Medizinmann und rettet die angeblich vergifteten Lover mit ein paar Schlägen auf eine Handtrommel.

Schrecken aus dem Jenseits

Die Verwirrung der Geschichte löst Serebrennikow mit einem Kniff. Fiordiligi und Dorabella haben just ihre Eheverträge unterzeichnet, da ertönt wie ein Schrecken aus dem Jenseits Musik aus Mozarts "Don Giovanni", die Klänge, als der tote Komtur erscheint. Hier sind es zwei tote Komture, der Geist von Ferrando und Guglielmo. Die Damen fallen in Ohnmacht, bis Alfonso das Rätsel löst.

So wie Ko-Regisseur Evgeny Kulagin Serebrennikows Konzept minutiös und kurzweilig umgesetzt hat, so widmet sich auch Dirigent Cornelius Meister akribisch der Partitur mit der Philharmonia Zürich. Selten hat man so viele Bläserlinien im vielschichtigen Orchestersatz gehört. Allerdings wird sich nicht jeder mit seinem durchaus sportiven Dirigat anfreunden können. Die Dynamik bewegte sich zu stark im Fortebereich, die Gesangsstimmen wirkten oft zu laut, alles schien erhitzt.

Das Sänger-Ensemble war technisch exzellent, dabei schien aber etwa Anna Goryachovas Mezzosopran etwas zu gewichtig für Mozart. Überhaupt trafen die Männer, voran Andrei Bondarenko als Guglielmo, den Mozart-Ton besser als die Damen. Im Ganzen präsentiert das Opernhaus Zürich hier jedoch mit Kirill Serebrennikow eine wirklich neue und faszinierende "Così fan tutte"-Lesart: Es ist weniger eine dezidiert politische Sicht, sondern eher eine gesellschaftliche, psychologisch feine Studie mit den Mitteln der Komödie.

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