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StartseiteBücher für junge Leser"Lesen ist nicht altmodisch"14.03.2020

Kirsten Boie zum 70. Geburtstag"Lesen ist nicht altmodisch"

Kirsten Boie hat mehr als 100 Kinder- und Jugendbücher geschrieben, die in mehrere Sprachen übersetzt wurden. Zudem ist sie politisch aktiv und setzt sich für eine umfangreiche Leseförderung ein: Am 19. März wird sie 70 Jahre alt. Im Dlf sagte sie, Lesen öffne Kindern alle Türen in die Zukunft.

Von Ursula Nowak

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Die Schriftstellerin Kirsten Boie (Oetinger Verlag / (c) Indra Ohlemutz)
Am 19. März wird die Autorin Kirsten Boie 70 Jahre alt (Oetinger Verlag / (c) Indra Ohlemutz)
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Geschichten beflügeln die Fantasie, sie können trösten, ermuntern oder auch Probleme aufzeigen. Sie ermöglichen, sich in die Gefühle und Gedanken anderer hineinzuversetzen. Besonders beim Lesen bleibt viel Raum für eigene Vorstellungen. Macht Lesen daher empathischer? Ist Lesen wichtig für unsere Demokratie?

Diese und andere Fragen stellt Kirsten Boie in ihrem aktuellen Buch "Das Lesen und ich". Anlässlich ihres 70. Geburtstages erscheint damit ihr persönlichstes Plädoyer fürs Lesen. Sie schildert, wie sie als Kind in einem eher bildungsfernen Haushalt das Lesen entdeckte, und erinnert sich an ihre ersten Kinderbuchlektüren. Besonders liebte sie Astrid Lindgren. Mit ihren Geschichten über Bullerbü hat Boie sich lesend an ihren Glücksort geträumt, fern von der heimatlichen Großstadt. Bücher waren ein wichtiger Bestandteil ihrer Kindheit.

"Für mich war Lesen wie Magie. Genau darum wünsche ich auch heute möglichst vielen Kindern diese Leseleidenschaft. Vor allem Kindern wie mir, deren Eltern ihnen in der Schule nicht helfen und die auch keine Nachhilfe bezahlen können. Wer weiß denn, was sie dadurch noch alles erreichen könnten? Und was das möglicherweise für die Gesellschaft insgesamt bedeuten würde?"

Lesen beginnt im frühen Kindesalter

Nach Boies Auffassung beginnt das Lesen nicht erst in der Schule, sondern bereits im frühen Kindesalter. "Lesestart" und "Buchstart Viereinhalb" heißen von ihr unterstützte Projekte. Kleinkinder und Eltern werden mit Bilderbüchern und Broschüren zur Leseförderung versorgt. Auch auf der politischen Bühne ist Boie aktiv. Sie sammelt Unterschriften für eine Petition an das Bildungsministerium für das Projekt "Hamburger Erklärung". Ziel ist: "Jedes Kind muss lesen lernen und zwar so, dass es auch versteht, was es da liest." Kirsten Boie macht damit auf die fehlende Lesekompetenz vieler Kinder und Jugendlicher aufmerksam.

"Denn Lesen, davon bin ich überzeugt, ist nicht altmodisch. Bücher sind nicht altmodisch, im Gegenteil. Wenn wir weiterhin so tun, verweigern wir vielen Kindern, vor allem solchen aus benachteiligten Familien, eine Zukunft, auf die sie ebenso einen Anspruch hätten wie Kinder aus Elternhäusern, in denen alle Türen für sie aufgestoßen werden. Und indem wir ihnen diese Zukunft verweigern, verweigern wir uns allen eine glücklichere, klügere, gerechtere Gesellschaft und eine bessere Welt. Das klingt nach ein bisschen sehr viel Pathos? Manchmal, da bin ich mir sicher, ist Pathos haargenau richtig."

Pathetisch wird Kirsten Boie nur, wenn es um ihre Leidenschaft, das Lesen und die Kinderliteratur geht. Sie selbst ist eher eine zurückhaltende Person und bescheiden trotz ihrer vielen Preise und Auszeichnungen. Ein Lob ihrer persönlichen Leistung wehrt sie eher ab. Sie ist bescheiden, wenn es ihre Person betrifft, aber nicht, wenn es um Kinderliteratur geht, die nach ihrer Ansicht im allgemeinen Feuilleton nicht genug beachtet wird. Boie hat dafür nicht nur literaturästhetische Gründe, sondern fordert damit auch, der Kinderwelt im gesellschaftlichen Bewusstsein stärkere Bedeutung zuzumessen. Kinder lernen durch Vorbilder. Und Bücher können nach Kirsten Boies Auffassung dazu einen wichtigen Beitrag leisten.

"Als Leserin bin ich ständig in den Köpfen anderer Menschen unterwegs, mein Wissen darüber (vielleicht auch mein Verständnis), wie Menschen in verschiedensten Situationen denken und fühlen, wächst mit jedem Buch. Und das sollte nicht meine Fähigkeit steigern, andere Menschen auch im Leben zu verstehen? Das, was man generell ,Empathie' nennt?"

Für jedes Lesealter der richtige Ton

Kirsten Boie hat sich nie vor unbequemen Themen gescheut, beispielsweise dem Zerbrechen und neuen Zusammenwachsen von Familien, Depression, Diskriminierung, Obdachlosigkeit und Gewalt gegen und unter Kindern. Ihre Geschichten handeln vom Alltag der Kinder. Häufig lässt sie ihre Helden selbst sprechen und erzählt die Geschichte aus deren Perspektive. Kirsten Boie erinnert sich genau an ihre eigene Kindheit, an die Gefühle und Gerüche, Freuden, Sorgen und Ängste, die ganze Gedankenwelt eines Kindes. Es gelingt ihr, Kinder und Vorlesende mit viel Humor zu begeistern, und darin lässt sie sich durchaus vergleichen mit ihrem Vorbild Astrid Lindgren. Boie ist auch der Austausch mit ihren Lesern wichtig, entweder im Gespräch bei Lesungen oder über Instagram und Facebook. Das ist sicher einer der Gründe, weshalb es ihr gelingt, in ihren Büchern den unterschiedlichen Lesealtern entsprechend mit Wortwahl und Rhythmus den richtigen Ton zu treffen. Im Gespräch formuliert Kirsten Boie, was nach ihrer Meinung ein gutes Kinderbuch ausmacht:

"Ich glaube, das ganz Entscheidende bei Kinderbüchern ist vor allem, dass sie Kindern Spaß machen. Punkt. Ich denke, das Entscheidende ist eben, beim Erzählen diesen jeweiligen Entwicklungsstand zu treffen und so zu erzählen, dass sowohl der Erfahrungshintergrund, den die Kinder jeweils haben, als auch die Lese- und Vorleseerfahrung, die sie haben, berücksichtigt werden."

Ein wunderbares Buch zum Vorlesen ist Kirsten Boies im vergangenen Jahr erschienenes "Vom Fuchs, der ein Reh sein wollte". Ein kleiner Fuchs verliert bei einem großen Feuer im Wald seine Eltern und wird von einer Rehmutter aufgenommen. "Blau-Auge" nennen ihn alle, er ist ängstlich und gibt sich große Mühe, sich der neuen Rehfamilie anzupassen. Doch als der Fuchs älter wird, fürchten ihn die Rehe und schicken ihn weg. Schließlich haben alle Tiere Angst vor dem Fuchs. Denn dieser gilt als hinterlistig und gefährlich. Die Geschichte wird aus der Ich-Perspektive erzählt und in eine Rahmenhandlung eingebettet. Der Uhu hat dem Erzähler eine Geschichte erzählt, und die soll folgendermaßen aussehen:

"Eine gute Geschichte muss mindestens tausend Wörter haben, sagt der Uhu, und der muss es wissen, denn er ist das schlauste, weiseste Tier und der beste Geschichtenerzähler zwischen Sommerwiese und Winterwald… Und spannend muss eine Geschichte sein, sagt der Uhu, und lustig, und manchmal, aber wirklich nur manchmal!, auch ein kleines bisschen traurig. (Nur ein ganz kleines bisschen, versprochen) Und am Ende müssen alle wieder fröhlich sein."

Respekt statt Vorurteile

Mit dieser Einleitung beruhigt Kirsten Boie gleich zu Anfang der Geschichte ihre Leser, da der Verlust der Eltern ein beängstigendes Thema für Kinder ist. Mit dem Erzähler, der den Leser anspricht und mögliche Wendungen zum Fortgang der Geschichte thematisiert, schafft Kirsten Boie immer wieder Variationen möglicher Lösungen. Auch Wünsche werden thematisiert, deren Erfüllung man, wie im Leben, erhoffen, aber nicht erwarten kann. Die Geschichte folgt mit dem Grundmuster menschlichen Verhaltens am Beispiel der Tiere der Tradition einer Fabel. Aber der Duktus ist ein anderer, denn Kirsten Boie erteilt keine Lehre, sondern wirft Fragen auf. Wo kann ein entwurzeltes Fuchskind am besten leben? Soll der Fuchs sich anpassen? Funktioniert das überhaupt? Und was kann man gegen Vorurteile machen? Nachdem der Fuchs zu Beginn ängstlich und klein den Rehen unterlegen war, dreht Kirsten Boie die Verhältnisse geschickt um. Der Fuchs wird zum Retter seiner Rehfamilie, und das gerade, weil er listig und schlau ist. An die Stelle von Vorurteilen tritt Respekt vor dem Fremden.

"Da bleibt Vielpunkt mit einem Ruck stehen, und dann kommt er sogar noch einmal zurück gesprungen. ,Blau-Auge!', flüstert er. ‚Blau-Auge, kleiner Fuchs, du wirst mir so fehlen! Denn weißt du was? Ein Reh bist du nicht geworden, und das ist ja auch richtig so: Jeder darf sein, wer er ist! Aber auch wenn wir alle ganz verschieden sind, können wir doch trotzdem allerbeste Freunde sein.'"

Kirsten Boie ist mit ihrem aktuellen Kinderbuch "Vom Fuchs, der ein Reh sein wollte" eine wunderbare Geschichte über Freundschaft gelungen. Das Buch ist anrührend und stimmungsvoll illustriert von Barbara Scholz. Mit klarem Strich und kräftigen Farben blicken alle Wesen mit fragenden und interessierten großen Augen auf ihre Umgebung. Mit viel Empathie erzählt Kirsten Boie von Ausgrenzung und verletzten Gefühlen, wenn man abgewiesen wird und die Gründe nicht versteht. Kirsten Boie hat mit ihrer Hauptfigur, dem Fuchs, einen mutigen und sehr sozialen Charakter geschaffen. Eine leise Hoffnung ist damit verbunden. Kirsten Boie:

"Bei Kindern werden einfach Grundsteine gelegt und Grundüberzeugungen gefestigt. Bücher schaffen vielleicht so eine Folie, vor der sie dann alles, was sie später erleben, betrachten und mit der sie das abgleichen. ‚Ein kleiner Fuchs gibt niemals auf’, das ist so ein Satz, den jedes Kind sich immer mal wieder ins Bewusstsein rufen kann. Ich bin da nicht so optimistisch, was ein einzelnes Buch betrifft, aber in der Summe, glaube ich, können Geschichten da eine ganze Menge leisten."

Lesen als Schlüsselqualifikation

Kirsten Boie betont mit ihrem aktuellen Buch "Das Lesen und ich" die Bedeutung des Lesens und weist auf die Folgen fehlender Lesefähigkeit hin. Sie unterstützt Projekte und engagiert sich in der Politik, um die Lesekompetenz zu fördern. In ihren Büchern widmet sie sich vielseitigen Themen und hat den Erfahrungshorizont der entsprechenden Altersgruppen im Blick. Unermüdlich weist sie auf die Bedeutung der Kinder im gesellschaftlichen Bewusstsein hin und engagiert sich für das Lesen als wichtige Schlüsselqualifikation Heranwachsender.

Kirsten Boie: "Das Lesen und ich"
Verlag Friedrich Oetinger, Hamburg. 96 Seiten, 9 Euro. Für Jugendliche und Erwachsene

Kirsten Boie: "Vom Fuchs, der ein Reh sein  wollte"
Einband und farbige Illustrationen von Barbara Scholz
Verlag Friedrich Oetinger, Hamburg. 192 Seiten, 16 Euro. Ab 6 Jahren

Kirsten Boie: "Vom Fuchs, der ein Reh sein wollte"
Gesprochen von Karl Menrad
Jumbo Verlag, Hamburg. 3 CD's, ca. 257 Minuten, 15 Euro.

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