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StartseiteSonntagsspaziergangKlang geht in die Seele13.06.2010

Klang geht in die Seele

Stimmen der Natur in Toggenburg

Beim Wort Jodeln denken wir allgemeinhin an Bayern in Trachten, lustige Tänze und komische Gesänge. Wer aber hätte gewusst, dass mit dem Jodeln ein tiefer Glaube und die Bitte um Schutz für Mensch und Tier verbunden sind?

Von Burkhard Müller-Ullrich

Der Klangweg in Toggenburg (Schweiz) (Toggenburg Tourismus)
Der Klangweg in Toggenburg (Schweiz) (Toggenburg Tourismus)
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"Der Alpsegen und auch die Schellen, der Kuhreihen, die bilden eigentlich einen Kreis, einen Klangraum, und alles, was in diesem Klangraum, in diesem Klangkreis ist, ist geschützt: Menschen, Tiere, Pflanzen. Und darum verwendet man zum Beispiel beim Rufen des Alpsegens einen Trichter, damit die Stimme möglichst weit reicht. Das ist ein magisches Verständnis von Klang, wie das im Schamanismus bis heute praktiziert wird."

Es ist ruhig in den Bergen, aber nicht still. Und es gibt nicht nur Geräusche, sondern auch Klänge. Die Klänge sind keine fremden Zutaten wie Motorenlärm oder Lautsprechermusik, sondern sie sind mit der Bergwelt ganz eng und innerlich verbunden. Es sind direkte Lebensäußerungen der Menschen und Tiere, teils von Instrumenten erzeugt, teils von Stimmen. Es ist schwer, davon nicht berührt zu sein, wenn man in der Dämmerung von Weitem solche magischen Töne hört, zum Beispiel den Ruf des Alpsegens, mit dem die Bergbauern Gottes Gnade verkünden, von Fels zu Fels und von Hang zu Hang. Oder jenen besonderen Gesang, der Jodel genannt wird.

"Ich habe die ersten Naturtöne als Kind erlebt, wenn ich mit meinem Großvater auf der Alp war und mit den Schellen, dem Hackbrett, dem Naturjodeln, und das hat in mir eine ganz spezielle Körperempfindung ausgelöst. Gänsehaut, Frösteln. Und erst dann, als ich studiert habe in Zürich, 68 bis 73, auch mit Musikethnologen in Kontakt kam und über Quantenphysik gelesen habe, da merkte ich plötzlich, dass dieses uralte Wissen, das in unserer Kultur zwischen Säntis und Churfirsten praktiziert wird, dass das ganz moderne Verbindungen hat zu anderen Kulturen - das habe ich in der Ethnologie gelernt -, zu anderen Religionen und vor allem auch zu den neuesten Naturwissenschaften. "

Peter Roth lebt in dem Dorf Unterwasser. Das hat 700 Einwohner und liegt knapp tausend Meter hoch im Schweizer Kanton Sankt Gallen. Zu beiden Seiten der Hauptstraße geht es gleich noch mal tausend Meter in die Höhe. Eine arme Gegend, dieses Toggenburg, aber eine üppige Landschaft. Eigentlich mehr etwas fürs Auge, möchte man meinen. Aber gerade hier geht es um die Ohren.

"Ich war natürlich städtisch geprägt nach meinem Studium und irgendwie wäre ich auch gerne in Zürich geblieben, aber mich hat das Thema Klang und speziell diese Verbindung des Traditionellen, des - ich sag mal: dieser magischen Auffassung von Klang und neuester Forschung - das hat mich interessiert und nicht mehr losgelassen und so bin ich zurück ins Toggenburg, habe einen Kirchenchor übernommen und habe dann für diesen Kirchenchor Kompositionen geschrieben, die diese Naturtontradition aufnehmen, und habe dann gemerkt, dass mit den Leuten etwas passiert: sie waren erholt nach der Probe statt müde und sie erkannten sich selbst in dieser Musik und durch diesen Prozess, glaube ich, wurde den Menschen im Obertoggenburg wieder bewusst, was für einen ungeheuren Schatz sie da haben an Musik und Kultur. "

So zum Beispiel klingt Peter Roths alpines "Agnus Dei", aufgenommen in der Klosterkirche von Alt St. Johann. Aber was heißt hier Naturtontradition? Natürlich sind alle Töne irgendwie natürlich: Sie bestehen aus Schallwellen und gehorchen physikalischen Gesetzen. Aber gemeint ist etwas anderes. Denn Naturtöne...

"...das sind Sinustöne, die über einem Grundton schwingen. Und das tönt etwa so."

Das Phänomen der Obertöne fasziniert die Menschen seit alters. Von Pythagoras bis Hindemith haben Theoretiker versucht, aus diesen Frequenzverhältnissen ein ästhetisches System zu machen. Aber vielleicht ist das nicht möglich und auch gar nicht nötig. Denn es geht um die sinnliche Erfahrung - und um die körperliche Wirkung.

"Klang steht für eine ganz tiefe Erfahrung der Schöpfung, für eine Matrix, die hinter der ganzen Schöpfung steckt, denn in diesen Obertonverhältnissen, in diesen Intervallen der Obertonreihe sind Proportionen enthalten, die sich im ganzen sichtbaren Bereich, auch im Makrokosmos und im Mikrokosmos wiederholen."

Nicht von ungefähr spielen obertonreiche Klänge bei vielen religiösen Ritualen eine Rolle. Von tibetanischen Gesängen bis zum persischen Santur, einer Art Hackbrett, das auch in Indien bekannt ist, sind es die sich in der Monotonie einstellenden Nebenschwingungen, die das mystische Fluidum erzeugen. Das wird längst auch in westlichen Varianten ausgeübt und angeboten: Da gibt es Klang-Yoga, Klangmassagen und Klangtherapien, mit denen gestresste Manager vom Burn-out kuriert werden - auch und gerade im Toggenburg, wo Peter Roth nicht nur mit den Einheimischen musiziert, sondern auch zahlenden Gästen die einheimische Musik in Kursen näherbringt. Und es gibt neuerdings in einigen Hotels der Gegend entsprechende Wellness-Programme, die zum Beispiel die Benutzung einer Klangliege einschließen. Das ist ein bettähnliches Instrument, dessen Liegefläche als Resonanzboden wirkt und dessen Unterseite mit lauter gleich gestimmten Saiten bespannt ist, über die Hansheiri Haas, von Beruf eigentlich Tontechniker, als offizieller Klangbegleiter ausdauernd mit den Fingern streicht.

"Es gibt Menschen, die sind sehr empfindlich auf die Vibrationen, auf die Klänge: so wie man auch in einem Konzert - plötzlich kommen einem die Tränen, wenn man ein paar Töne hört, einfach weil Klang geht direkt in die Seele. Es geht nicht wie die Augen übers Lesen oder über den Verstand, sondern der Klang, der geht durch die Ohren direkt zur Seele oder zum Herz. Und da muss man schon sorgfältig sein, die Leute auch nicht überfahren, sondern versuchen, die Leute auch zu begleiten in ihrem Erlebnis. "

So eine Sitzung dauert eine halbe Stunde, und Hansheiri Haas muss aufpassen, dass er nicht zu stark über die Saiten streicht, sonst bekommt er Blasen an den Fingern. Es gibt noch mehr Klanginstrumente, die für Erholungssuchende zur Verfügung stehen, denn der Tourismusmarkt definiert sich mehr und mehr über den Mehrwert für zerrüttete Nerven. Allerdings gibt es da eine strenge Sprachregelung:

"Besonders im Kanton St. Gallen dürfen wir keine Therapie anbieten, welche nicht ärztlich verordnet ist, und es darf eigentlich niemand eine Therapie machen, der keine entsprechende Ausbildung hat. Natürlich, es gibt viele solche komplementärmedizinische Therapien, da gibt's eben Farbtherapie, Dufttherapie und eben auch Klangtherapie. Vom Definitionsstandpunkt her machen wir hier Wellness. Das heißt, wir machen ein Angebot, das nicht mit Patienten stattfindet, sondern mit Gästen. "

Klangschalen: auch so ein fernöstlicher Import mit Heilwirkung auf hektische Gemüter. Wie Glocken senden sie ein breites Spektrum von Obertönen aus. Und erst recht tun das die geschmiedeten Schellen, die im Toggenburg zum ältesten Kulturgut zählen.

Es gibt ganz große Schellen, die nicht mal Kühen umgehängt werden, jedenfalls bloß selten, beim feierlichen Almauf- und -abtrieb, und auch dann nur, solange der Weg nicht zu steil ist. Für die restliche Strecke müssen starke Männer die Klangerzeuger schultern, was durch den Rhythmus des Schritts das typische Geläut ergibt.

Wenn man als Spaziergänger von Sellamatt nach Iltios und weiter bis Oberdorf läuft, ein Weg von ein paar Stunden auf 1500 Metern Höhe, dann hört man allerdings auch manchmal Kuhschellen, wo gar keine Kühe sind. Es sind andere Spaziergänger, die sich an seltsamen Instrumenten zu schaffen machen: zum Beispiel einem Zaun aus Metallflöten.

Oder an einer Holzrätsche.

Oder eben an kleinen und großen Schellen, die an Ketten hängen oder einen Baum bilden.

Fast zwei Dutzend solcher Installationen säumen den Pfad, der unter der Bezeichnung "Klangweg" zu einer Toggenburger Attraktion geworden ist. Dabei verbindet sich das Spielerische und Unterhaltsame dieser übrigens sehr aufwendig und professionell angefertigten Objekte mit dem ernsten und schönen Anliegen des Komponisten, Chor- und Kursleiters Peter Roth, der eine Art Klang-Archäologie betreiben und den hier lebenden Menschen einen lebendigen Zugang zu ihren tonalen Traditionen ermöglichen will.

"Menschen, die in den Bergen leben, sind ja nicht gerade bekannt dafür, dass sie sehr offen sind für die Welt; das hat mit Lebensbedingungen, mit einer gewissen Reserve gegenüber sprachlichen Möglichkeiten und so weiter zu tun, aber es war sehr berührend mitzuerleben, wie das gemeinsame Singen diese Schranken durchbrochen hat und immer wieder durchbricht. "

Seit einigen Jahren veranstaltet Roth jeweils im Frühjahr das "Naturstimmen-Festival", zu dem auch Musikgruppen aus der Mongolei oder aus XXX eingeladen werden. Wenn die mit dem Jodelchor 'Säntisgruess' zusammen singen, dann werden in der Tat Schranken durchbrochen.

"Wir leben ja in zwei Dimensionen: nach außen und nach innen, und Klang - und da sind wir dann wieder beim Buddhismus und bei der Meditation - Klang ist eine wunderbare Möglichkeit, nach innen zu horchen und die Welt innen zu entdecken. "

Peter Roth ist jetzt 65. Man kann also durchaus von einem Lebenswerk sprechen, um sein Engagement für das Musikleben im Toggenburg zu beschreiben. Denn er hat nicht nur die ursprüngliche und durch viele äußere Einflüsse bedrohte Klangkultur einer Bergregion erforscht und belebt, sondern auch einer größeren Öffentlichkeit die Ohren geöffnet für eine Form von Volksmusik, die mit dem medialen Rummstata nicht das Mindeste zu tun hat.

"Volksmusik, so wie sie meist geboten wird, hat einen Unterhaltungswert und lenkt eigentlich ab von sich selbst. Und das, was ich versuche zu machen und zu erklären (jetzt im Moment auch), lenkt eben nicht ab, sondern bringt Menschen zu sich selbst. "

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