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StartseiteCorsoKlanggeschichte eines Hitchcock-Klassikers03.01.2013

Klanggeschichte eines Hitchcock-Klassikers

Andreas Ammers "Die Vögel - nach Oskar Sala“ ist ein Hörspiel der Extraklasse

Der deutsche Elektronikpionier Oskar Sala komponierte Anfang der 60er-Jahre den Soundtrack für Alfred Hitchcocks "Die Vögel". Jetzt gibt Andreas Ammer mit seinem Hörspiel einen Einblick in die Vertonung des Films. Es ist lehrreiches Sachbuch und poetisches Popalbum zugleich.

Von Andi Hörmann

Die Vorgabe von Alfred Hitchcock: keine traditionelle Filmmusik, keine natürlichen Vogelgeräusche (AP Archiv)
Die Vorgabe von Alfred Hitchcock: keine traditionelle Filmmusik, keine natürlichen Vogelgeräusche (AP Archiv)
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Film als Passion

"Cut. Erste Szene. San Francisco, ein Platz im Zentrum. Der Film heißt: Die Vögel. The Birds."

Ein filmisches Meisterwerk von Alfred Hitchcock aus dem Jahr 1963 mit unvergesslichen Bildeinstellungen. Wer "Die Vögel" gesehen hat, dem stehen die Bilder selbst nach Jahrzehnten noch vor Augen - vor allem die beklemmende Schlussszene:

"Die Familie verlässt ganz eingeschüchtert mit einer verwundeten Melanie das Haus und schleicht sich nun durch eine riesige Vogelmasse, die um das Haus sitzt, herum. Das geht so, bis Mitch die Tür zum Hof öffnet und wir zum ersten Mal erkennen, dass nicht nur das Haus und der Hof, sondern die ganze Gegend von Vögeln besetzt ist. Wenn es irgendwie machbar ist, hätten wir hier gerne das elektronische Äquivalent von Stille. Für diesen Effekt werden wir naturgemäß etwas experimentieren müssen."

Der Einbruch des Unheils in eine amerikanische Kleinstadt- und Familienidylle: Hitchcock hat dafür eindringliche Bilder gefunden. Doch wie klingt eine Bedrohung durch scheinbar friedliche Vögel? Der deutsche Elektronikpionier Oskar Sala hat die verstörenden Soundscapes für den Film komponiert. Die Vorgabe von Alfred Hitchcock: keine traditionelle Filmmusik, keine natürlichen Vogelgeräusche. Oskar Salas Mittel der Wahl: das 1930 patentierte Mixturtrautonium - ein Vorläufer des heutigen Synthesizers.

"Es muss die Akustik ausdrücken, dass diese Vögel anormal waren. Dass in ihnen irgendetwas ist, wo man sagt: Gut, das ist ja ein Vogel, er schreit auch so, aber hier schreit er ja ganz merkwürdig. Der muss also irgendwie nicht ganz richtig sein.

I tend to use this sound for the whole picture. No music."


Fast 50 Jahre nach Erscheinen von "Die Vögel" gibt dieses Hörspiel einen akustischen Einblick in die Vertonung des Films. Autor Andreas Ammer hat zusammen mit Martin 'Console' Gretschmann, dem Elektroniktüftler der Band The Notwist, die Klangdramaturgie von "Die Vögel" akustisch rekonstruiert. Das Ausgangsmaterial: etwa 1800 analoge Tonbandaufnahmen im Archiv des Deutschen Museums in München - eine Dokumentation der Arbeit von Oskar Sala, darunter die zu Hitchcocks "Die Vögel".

"Aua... Da sind sie ja! Das war der erste Angriff einer Möwe. Und gleichzeitig auch ein sehr schwieriges Problem: Die Melanie sitzt im Boot und eine Möwe kommt ganz unverhofft auf sie runter, trifft sie am Kopf, es blutet. Und sie schreit natürlich auf, was ich mal stellvertretend nachgemacht habe. Und das war alleine schon mal ein schwieriger Synchronfall, wenn ich das sagen darf ...

In other words: We are really experimenting here by taking real sounds and then stylize them."


Die Unheil verkündenden Sounds aus dem Trautonium attackieren das Nervensystem und erzeugen Angst und Schrecken. Der von Hitchcock so geschätzte "Suspense"-Effekt - der Zuschauer bekommt Hinweise auf ein bevorstehendes Urteil - entsteht darum selbst im Hörspiel. Musik und Text bauen pulsierende Spannungsbögen auf.

"Ein kupferner Türknauf. Meine Hand nähert sich ihm. Meine Hand mit rot lackierten Fingernägeln. Ganz langsam nähert sie sich dem Türknauf. Langsam, vorsichtig öffne ich die Tür. Was natürlich dumm von mir ist. Ich trete ein. Was ein Widersinn ist. Und ich sehe, so wie am Anfang des Filmes, hinauf in den Himmel, den ich dieses Mal allerdings durch ein Loch im Dach sehe. Und es fliegen auch keine Vögel in ihm, denn die sitzen alle in dieser düsteren Kammer, die wohl mal ein Mädchenschlafzimmer war. Das jungfräuliche Bett ist zerfetzt. Wie ein Blick fällt der Strahl der Taschenlampe auf die wartenden Vögel. Die fliegen auf und auf mich zu. Und die Hölle bricht los."

Andreas Ammer und Martin "Console" Gretschmann haben mit "Die Vögel - nach Oskar Sala" eine Art Meta-Hörspiel produziert. Sozusagen: die Vertonung der Vertonung eines Films, das "Making of" eines Soundtracks. "Die Vögel - nach Oskar Sala" ist ein Hörspiel der Extraklasse: zwischen lehrreichem, akustisch untermaltem Sachbuch und experimentellem, poetischem Popalbum.

"I look at the screen. I, I see the birds. Shadows of black birds. Shadows of birds attacking us all."

Andreas Ammer: "Die Vögel – nach Oskar Sala"
Hörspiel, 53 Minuten, Code Records 2012, 15 Euro

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