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StartseiteMusikjournal"Wie eine schwebende Klangwolke"24.06.2019

Klanginstallation zu Beethoven"Wie eine schwebende Klangwolke"

Vor dem Bonner Beethoven-Haus können Passanten eine neue Klanginstallation erleben: "Harmonic Time Travel" des US-amerikanischen Künstlers Bill Fontana. Die 70-minütige Dauerschleife beinhaltet verfremdete Klänge von heute und von zwei historischen Flügeln aus Beethovens Zeit.

Von Henning Hübert

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Das Geburtshaus des Komponisten wird ab dem 28. Februar 2019 für Umbau und Erweiterung geschlossen.  (picture alliance/dpa - Henning Kaiser/dpa )
Zum 250. Geburtstag - Beethoven-Haus wird erweitert (picture alliance/dpa - Henning Kaiser/dpa )
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Es wuselt in der Bonngasse. Gespräche, Handwerkergeräusche, Verkehrslärm von der Kreuzung, die ein paar Schritte nach Norden liegt: In der Fußgängerzone vor Beethovens Geburtshaus ist immer was los. Bill Fontana ergänzt diesen Klangteppich: Im ersten Stock, wo früher Geranien prangten, hängen jetzt schwarze Lautsprecher. Überm Shop des Beethovenhauses und der Eingangstür sind es fünf. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite finden sich drei weitere Lautsprecher in gleicher Höhe. Wenn der US-Amerikaner erläutert, was da zu hören ist, dann spricht er sofort von seinen Erkundungen im Beethoven-Haus und von zwei historischen Flügeln:

"Meine Idee war, in eines dieser Instrumente Vibrationssensoren zu legen. Am Flügel daneben ließen wir frühe Klaviermusik von Beethoven spielen. Sodass ein Klavier dem anderen zuhörte. Diese Aufnahmen mixte ich mit Feldaufnahmen: Geräuschen von heute, aus einem Garten in der Nähe – das sind die Vögel, die man hören kann."

Entstanden ist eine Acht-Kanal-Komposition, ein insgesamt 70-minütiger Loop. Wie zufällig vorbei kommende Passanten diese musikalische Dauerschleife aufnehmen sollen? In Bonn wünscht sich der Klangkünstler diesen Effekt:

"Ein wenig wie ein Traum soll es wirken, wie eine schwebende Klangwolke. Das hier ist eine Art akustischer Dunst. Aber es überwältigt nicht, hoffe ich."

Niedrigschwellige Hörererfahrung von "bonn hoeren"

Seit Jahrzehnten durchwandert Bill Fontana Klangräume. Ziel der Aktion "bonn hoeren" der Beethovenstiftung ist es, niedrigschwellig Hörerfahrungen anzubieten. Die machen dann alle Passanten - freiwillig oder unfreiwillig. Eine Frau macht ein Foto von der derzeit geschlossenen Eingangstür zum Museum und scheint die von oben kommende Klangskulptur "Harmonic Time Travel" zu mögen.

"Beruhigend, also ich finde es sehr angenehm. Passt hierher zum Beethoven-Haus."

Wobei: Bill Fontanas Werk als Bonns 11. Stadtklangkünstler braucht dringend Erklärung. Andernfalls erschließen sich Konzept und Tiefgang nicht.

Reporter: "Sie wundern sich?"
Passant: "Ja. Was wird alles hier geändert am Beethoven-Haus."
Reporter: "Ist eine Klanginstallation mit dem letzten Flügel, den Beethoven gespielt hat."
Passant: "Ah so. Das ist sehr gut. Sonst ist es ja beschämend, was Bonn zum Jubelfestmacht."
Reporter: "Ist Ihnen zu wenig?"
Passant: "Ja, ja."

Eine Anspielung auf die geschlossene Beethoven-Halle. Der große Konzertsaal wird im Jubiläumsjahr 2020 und auch weit über Beethovens 250. Geburtstag hinaus geschlossen bleiben. Wegen Sanierung - mit Management-Fehlern und einer enormen Kostenexplosion.

Beethoven-Haus wird derzeit saniert

Der Verein des Beethoven-Hauses liegt ganz im Plan - mit seiner Sanierung und Modernisierung des Geburtshauses. Bis Mitte Dezember bleibt es geschlossen. Daher rührt die Idee, während der Schließungsphase Klänge aus dem Museum auf die Bonngasse zu werfen. Basis sind die "Variationen für Klavier über einen Marsch von Dressler", die Ludwig van Beethoven 1782 elfjährig in Bonn komponierte.

Von links nach rechts: Malte Boecker, Direktor Beethoven-Haus, Künstler Bill Fontana und Kurator Carsten Seiffarth vorm Beethoven-Haus (Deutschlandradio/Henning Hübert )Malte Boecker (links), Direktor Beethoven-Haus, Künstler Bill Fontana (Mitte) und Kurator Carsten Seiffarth (rechts) (Deutschlandradio/Henning Hübert )

Ein bisschen mystisch durfte es werden: Der eigentlich verstummte Graf-Flügel bekam dieses Stück vorgespielt. Zugleich hat Fontana mit Vibrationssensoren aufgezeichnet, welche Resonanzen im Graf-Flügel auftraten. Das Hammerklavier samt speziellem Schalltrichter holte sich Beethoven noch 1826, also im Jahr vor seinem Tod, in seine Wiener Wohnung. Obwohl er da längst ertaubt war. So ein Instrument wieder in Schwingung zu versetzen, reizte Bill Fontana. Beethoven-Haus-Direktor Malte Boecker hat das Experiment erlaubt:

"Er hat den Flügel, der bei uns ein Ausstellungsexponat ist und möglichst im authentischen Zustand belassen werden soll – deshalb nicht in einen spielfertigen Zustand renoviert wurde – den hat er verstanden als einen 'listening device', also als ein Instrument, um etwas zu hören. Und das hat er dadurch erreicht, dass er Klänge von dem spielbaren 'Broadwood' in den Ausstellungsflügel, den wir haben, in den Graf, hineinprojiziert hat. Und daraus entstand die Klangcollage."

Nach einem Wechsel in der Museumsleitung überlegt das Beethoven-Haus ohnehin, die Original-Instrumente nicht mehr nur hinter Glas oder roter Absperrkordel wirken zu lassen. Malte Boecker:

"Das sind Überlegungen, die wir tatsächlich im Moment sehr intensiv diskutieren. Wir haben eine Wanderausstellung, die weltweit auf Tour ist. Da werden auch Originalinstrumente gezeigt von Beethoven und auch gespielt. Und ich bin ein großer Freund davon, tatsächlich auch diese Klänge, so wie Beethoven sie einst gehört hat, zum Teil der musealen Erfahrung zu machen."

Carsten Seiffarth, Kurator und Projektleiter von "bonn hoeren", hat beim Experimentieren während der Entstehung der Klangskulptur im Beethoven-Haus mitgeholfen.

"Wir hatten sogar Mikrofone im Geburtszimmer, um von weitem sozusagen das Klavierspiel zu hören. Aber das alles hat nicht diese träumerische Fantasie-Ebene wie diese Aufnahme mit den Vibrations-Sensoren. Die ja keine Mikrofone eigentlich sind, sondern nur Vibrationen praktisch kartographieren. Die waren im Graf-Flügel, standen auf den Saiten. Die Saiten waren praktisch enthemmt, also nicht mehr gedämpft. Und dann vibrieren die Saiten natürlich und der ganze Flügel fühlt den Sound vom Nachbarflügel. Wir haben dann den Deckel abgenommen vom Nachbarflügel, sodass dann wirklich die Sounds direkt rüber gehen können. Und wir wussten auch nicht, was dann passiert. Aber es war enorm."

"Es ist halt auch nicht so eine Dauerbespielung vom öffentlichen Raum"

Kurzzeitig also wurde Beethovens letzter Flügel beseelt und beschallt nun indirekt die Straße vor dem Geburtshaus. Wobei die Klanginstallation "Harmonic Time Travel" während sie läuft, manchmal auch gar nicht zu hören ist. Sondern Alltagsgeräusche oder Stille vorherrschen. Bill Fontana und Carsten Seiffarth vom Projekt "bonn hoeren" der Beethovenstiftung wollen auch keinen nerven.

"Es ist halt auch nicht so eine Dauerbespielung vom öffentlichen Raum. Was man tunlichst vermeiden sollte, wenn man im öffentlichen Raum arbeitet. Also nicht jetzt praktisch permanent wie im Frühstücksraum 2. Beethoven spielen, wo das Frühstück dir im Halse stecken bleibt. Sondern wirklich irgendwie eine Atmosphäre schaffen, die nochmal das, was da drin ist, was auch grad nicht zu besuchen ist, irgendwie nach draußen transportiert."

Deshalb verstummt die Klangskulptur außerhalb der Ladenöffnungszeiten. Beethoven in der Endlosschleife, das will selbst in der Geburtsstadt Bonn trotz des bevorstehenden Jubiläumsjahres niemand.

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