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StartseiteKalenderblattKlassenkämpfer und Rilke-Bewunderer23.06.2007

Klassenkämpfer und Rilke-Bewunderer

Vor 50 Jahren starb der Schriftsteller Louis Fürnberg

Bekannt wurde der heute weithin vergessene Dichter Louis Fürnberg durch seine Massenlieder, die bei offiziellen Anlässen in der DDR gesungen wurden. Zu solcher Agitation steht ein großer Teil seiner gefühlvollen Poesie über Liebe, Natur und Landschaft in auffälligem Kontrast.

Von Manfred Jäger

Mitglieder der FDJ singen Arbeiterlieder. (AP)
Mitglieder der FDJ singen Arbeiterlieder. (AP)

"Die Partei, die Partei, die hat immer recht,
und Genossen, es bleibe dabei!
Denn wer für das Recht kämpft,
hat immer recht gegen Lüge und Ausbeuterei!
Wer das Leben beleidigt, ist dumm oder schlecht.
Wer die Menschheit verteidigt, hat immer recht.
So aus Leninschem Geist
Wächst von Stalin geschweisst, die Partei, die Partei, die Partei."

Das "Lied der Partei", hier gesungen von Ernst Busch und dem Berliner Staatsopernchor ,ist Louis Fürnbergs populärstes und umstrittenstes Werk. Auf der Originalplatte vom Juni 1950 ist es noch Stalin, der Stählerne, der Eiserne, der die Partei "geschweisst" habe. Nach dem Tode des Diktators wurde sein Name einfach durch den Lenins ersetzt, so dass die Partei nun recht unlogisch im Leninschen Geist und von Lenin geschweisst wächst. Auch die Musik stammte von Fürnberg, der für den Gesang die Anweisung "freundlich, aber bestimmt" gab. Man hat darüber gerätselt, warum der sensible Poet diese bedingungslose Unterwerfung unter die kollektive Disziplin ablieferte. Er vergöttlicht die Partei: Alles kommt von ihr. Isoliert und bedroht, suchte Fürnberg Geborgenheit.

1909 als Sohn jüdischer Deutscher im mährischen Iglau geboren, fühlte er sich sprachlich und gesellschaftlich als Angehöriger einer Minderheit. Das Bürgerkind - der Vater war ein mittelständischer Fabrikant - trat 1928 in die Kommunistische Partei der Tschechoslowakei, Deutsche Sektion, ein und wollte diese Heimat nie mehr verlieren. Seine Herkunft und seine Neigung zu spatbürgerlichen Vorbildern ließen ihn verdächtig erscheinen. Denn auf der Flucht vor den Nazis hatte ihn der Zufall über Italien und Slowenien ins britische Mandatsgebiet Palästina geführt, wo er zwischen 1941 und 1946 seine wichtigsten Werke schrieb. Zurück in der Heimat diente er als Kulturpolitiker und Diplomat dem neuen Staat.

Er spürte die Gefahr, in die Mühle der stalinistischen Schauprozesse zu geraten. Der Vorwurf ,imperialistische Geheimdienste hätten auch ihn angeworben, lag in der Luft.

Am 20.Dezernber 1952 berief ihn die Prager Regierung von seinem Posten als Botschaftsrat in Ostberlin ab ,und er musste die DDR binnen dreier Tage verlassen. Seine Treueschwüre sollten Lebenshilfe sein in der Form wirkungsvoller Massenlieder, die sowohl dem Selbstschutz wie der Selbstüberredung dienten.

Walter Ulbricht hat das "Lied der Partei" gern gesungen, und er mochte auch das von Fürnberg .getextete und komponierte, bei der FDJ beliebte Lied "Du hast ja ein Ziel vor den Augen, damit du in der Welt dich nicht irrst". So durfte Fürnberg 1954 in die DDR übersiedeln. Mit der Berufung an die Nationalen Forschungs- und Gedenkstätten wurde seine intensive Beschäftigung mit Goethe, auch mit dem "Faust"-Stoff, gewürdigt. In dem Poem "Die spanische Hochzeit" schrieb er unter dem Eindruck des Krieges:

"Ach, Faustens Seele, so zum Licht bereit,
verzehrte dich die Blutgier deiner Tiger?
Mephisto stand dem anderen zur Seit.
Du, Faust, erlagst, und Valentin blieb Sieger."

In Weimar wohnte er in der Rilkestraße, in einer Villa, die der Tochter Rilkes gehört hatte. Zeitlebens bewunderte er den Dichter des "Stundenbuchs". Einen eigenen Ton fand er nur selten .Er blieb ein epigonaler "Endreimer", der "werde" auf "Erde" und "Innigkeit" auf "neue Zeit" einstimmte. Überzeugt davon, dass Kunst Waffe sei, hatte er sich als junger Mann in Agitproptruppen engagiert. Aber weil er schöne Blumen in kostbaren Krügen liebte, setzte sich seine Neigung zu gefühlvollen und oft pathetischen Bildern durch. Die Versepen wirken heute poetisch und weltanschaulich überanstrengt. Aber seine im Jerusalemer Exil verfasste "Mozart-Novelle" bleibt lesenswert wegen der subtilen Ironie, mit der er den jungen Mozart und den greisen Casanova bei einem fiktiven Treffen über Freiheit disputieren lässt:

"Von der Freiheit zu reden, ist ein gewagtes Unterfangen. Schliesslich kann es nur die äusserliche sein. Über sie nur bedingt zu verfügen, ist unser aller zeitliches Schicksal. Man richtet sich sein, so gut man vermag."

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