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StartseiteMusikszeneVom Staub befreit?16.10.2018

Klassisches KonzertVom Staub befreit?

Auf der Suche nach neuen Zielgruppen werden Veranstalter von Klassik-Konzerten immer experimentierfreudiger. Es gibt Beethoven im Casino oder "Magical Music" in der Klassik-Lounge. Aber was davon ist wirklich neu? Und was erreicht wirklich ein anderes Publikum?

Von Maria Gnann

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Antikes Klavier Ellis Island New York, USA (Danita Delimont / imago stock&people)
Wirkt vor allem auf junge Menschen oft antiquiert: Das klassische Konzert und sein Instrumentarium. (Danita Delimont / imago stock&people)
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Die Meinungen über neue Formate für klassische Konzerte gehen auseinander. Was die einen als notwendige Generalüberholung eines verstaubten Betriebs feiern, beschimpfen andere als Eventisierung oder Marketing-Falle.

Gängige Konzertform nicht älter als 150 Jahre

"Also diese Konzertform, die wir heute als das Konzert bezeichnen, die ist weder Gott gegeben noch ist sie älter als 1870 und dann ist natürlich interessant zu fragen, was war eigentlich davor und welche Konzertform wäre eigentlich angemessen für ein Publikum, was 2010 oder 2020 lebt", so Martin Tröndle, der sich intensiv mit der Form des klassischen Konzerts auseinandersetzt und Herausgeber des kürzlich erschienenen Bands Das Konzert II mit Beiträgen zum Forschungsfeld der Concert Studies ist. Der Kulturwissenschaftler plädiert für mehr Forschung im Bereich des klassischen Konzerts und fördert den kleinen Konzertwandel, der ganz Deutschland erfasst hat und der allgemein mit einer neuen, frischen Farbe im Musikbetrieb einhergeht.

Kreative Konzerte von Esslingen bis Berlin

Festivals für klassische Musik, die mit neuen Angeboten experimentieren, gibt es vom Podiumfestival in Esslingen über MaerzMusikin Berlin bis zu den Musikfestspielen in Mecklenburg-Vorpommern. Klassische Konzerte können live gestreamt werden, Institutionen wie das Konzerthaus Berlin bieten neue Formate und Abostrukturen und das Radialsystem in Berlin wurde als Kreativlabor für Konzertdesigner gegründet. In der denkmalgeschützten Maschinenhalle in Friedrichshain finden sich Räume zum Experimentieren, oder, wie Konzertgestalter Folkert Uhde sagt: Um Atmosphären zu kreieren. Aber immer mit der Musik im Mittelpunkt.

"Die Musik ist der Kern der ganzen Sache und ich versuche eigentlich nur, der Musik zu einer möglichst optimalen oder vielleicht sogar überraschenden Wirkung zu verhelfen, im Sinne von, dass bei den Zuhörern Resonanz entstehen kann oder Berührtwerden von Musik, was ich eben sehr häufig vermisst habe. Da habe ich mich angefangen zu fragen, warum ist das eigentlich so? Und welche Parameter haben Einfluss darauf? Was oder welche Wirkung die Musik entfaltet, wenn ich sie höre im Konzert."

v.l.: Oguz Büyükberber (Klarinette, Elektronik), Jelena Kuljic (Stimme, Performance), Daniel Eichholz (Schlagzeug) und Marc Sinan (Komposition, E-Gitarre, Elektronik) interpretieren "The Number of the Beast" im Radialsystem V, Berlin vor einer Videoleinwand, darauf sind im rötlichen Licht weiß die Ziffern "430" zu sehen (Maria Lanowski)Aufnahme des Konzerts "Schlachten III: The Number of the Beast" der Marc Sinan Company im Radialsystem V Berlin am 23. Juni 2018 (Maria Lanowski)

Folkert Uhde gibt auch Musiker*innen und Ensembles regelmäßig die Möglichkeit, mit Konzertformaten zu experimentieren. Wie die Marc Sinan Company, die vergangenen Juni einen "entgrenzte[n] Abend" ankündigte, der ein extremes Konzert mit Spanferkel-Barbecue auf der Spreeterrasse und Public Viewing der Fußball-WM miteinander verbinde. Der Titel des Konzerts lautet: "Schlachten III: The Number of the Beast". Komponist und E-Gitarrist Marc Sinan sagt:
"Wir sind nicht im Unterhaltungsgeschäft, sondern wir sind Menschen, die versuchen, über eine künstlerische Arbeit eine bestimmte Form von Ausdruck zu finden und ich glaube, dass das in meinem Fall sehr nachvollziehbar ist, was das für ein Ausdruck ist. Es gibt nichts, was mich mehr langweilt als ein Konzertabend, an dem ich mich wohlfühle und deshalb möchte ich so einen auch nicht anbieten."

Gesellschaftliches Tabu als Thema der Musik

Fünf Musiker verausgabten sich an diesem Abend auf beeindruckende Art und Weise. Dazu wurden Nahaufnahmen eines verzerrten pulsierenden Darms in Neonfarben an die Bühnenwand projiziert sowie stetig eine Nummer eingeblendet, die bis 666 hochzählte, "The Number of the Beast". Thema des Werks: der Täter in uns.

Die Grafik zeigt ausschnittweise einen Darm, überblendet in Neonfarben und den Schriftzug in weiß: "Die Tat" (Angela Järmann)Videohintergrund für das Konzert "Schlachten III" der Marc Sinan Company im Radialsystem V in Berlin (Angela Järmann)

Der Komponist Marc Sinan hat sein Ziel, mit dem Abend Kontroverse zu erzeugen, erreicht. Aber wie sieht es mit dem neuartigen Konzerterlebnis aus? Durch Musik, Setting und Rahmen war das Konzert im Berliner Radialsystem sicher kein traditionelles klassisches Konzert, auch wenn Publikum, Ambiente und Haltung eine gewisse Weltentrücktheit nicht verbergen konnten.

Austausch mit dem Publikum beim Ensemble Resonanz

Etwas anders sieht es bem Ensemble Resonanz in Hamburg aus. Nahbarkeit ist den Musiker*innen wichtig. Die Mitglieder tauschen sich regelmäßig mit ihrem Publikum aus. Das ermöglicht unter anderem der besondere Standort. Für ihren eigens kreierten resonanzraum im Hochbunker auf St. Pauli entwickelt das Ensemble Programme für seine Reihe urban string.

Der leere Resonanzraum des Ensemble Resonanz im Bunker Feldstraße auf St. Pauli in Hamburg mit goldener Bar und schwarzer Wand (Jann Willen)Der Resonanzraum des Ensemble Resonanz im Bunker Feldstraße auf St. Pauli in Hamburg (Jann Willen)

Die Reihe urban string passt perfekt in den Kammermusik-Club, den das Ensemble Resonanz geschaffen hat. Eine DJane verstärkt mit ihren Klängen die angenehm unaufgeregte Atmosphäre, und die schwarzgoldene Bar im Konzertraum lädt zum Biertrinken ein. Später wird hier das Programm an die Wand gebeamt. Klassische Musik wirkt im resonanzraum irgendwie sexy. Die Pausen sind lang, und nach dem Konzert ist meistens das ganze Publikum noch eine gute Stunde da. Die Moderationen während der Konzerte verstärken den Anreiz, mit den Musikern ins Gespräch zu kommen.

Der Geiger David-Maria Gramse moderiert bei einem Konzert der Reihe "urban string" des Ensemble Resonanz (Gerhard Kuehne)Moderieren spielt bei der Reihe "urban string" des Ensemble Resonanz eine bedeutsame Rolle (Gerhard Kuehne)

Der Geiger David-Maria Gramse beschreibt es so: "Man spürt ja schon etwas, was vom Publikum ausgeht und das ist mir auch immer sehr wichtig, das zu spüren und beeinflusst uns natürlich auch beim Spielen unserer Musik. Hier bei urban stringvon den vergangenen Abenden fällt mir keiner ein, wo ich nicht mit dem Publikum danach gesprochen hätte. Auf dem Raucherbalkon oder an der Bar, das passiert eigentlich immer und mich interessiert ehrlich gesagt, wie die das finden."

Authentische Formate

Die Reihe Urban string ist sehr gut besucht. Immerhin 250 Leute nimmt der Kammermusik-Club jedes Mal auf. Das Publikum ist hier deutlich jünger als das normale Konzertpublikum, von Anfang 20 bis 60+ ist jede Altersgruppe vertreten. Das Ensemble und sein resonanzraum wirken tatsächlich authentisch modern. Vielleicht, weil sich die Musikerinnen und Musiker ehrlich für ihr Publikum interessieren und sich gleichzeitig selbst musikalisch entfalten. So auch bei der Idee, den Abend "ruby's arms" mit den schönsten Liebesliedern von Tom Waits zu gestalten.

Das Ensemble Resonanz interpretiert Lieder von Tom Waits beim Konzert "rubys arms" der Reihe "urban string" (Florian Schmuck)Das Ensemble Resonanz interpretiert Lieder von Tom Waits beim Konzert "rubys arms" im eigens kreierten Resonanzraum (Florian Schmuck)

Obwohl beim Ensemble Resonanz das seltene Gefühl aufkommt, Teil eines modernen Konzertdenkens zu sein, spielt Innovation für die Mitglieder im Grunde keine Rolle. David-Maria Gramse:

"Ich glaube, es ist wichtig, authentisch zu sein und das zu machen, was einen im Herzen bewegt. Und wenn es mein sehnlichster Wunsch ist in meinem Herzen, in einem relativ konservativen Rahmen ganz toll Mozart und Brahms zu spielen, dann ist das doch super und dann soll ich das auch machen. Und das finde ich toll. Das braucht die Welt. Und jemand, der Lust hat, ganz verrückte Sachen zu machen, der soll das machen und ist dann vielleicht innovativer. Aber ich finde innovativ zu sein an sich nicht interessant."

Vielfalt statt Verdrängung

Keiner der befragten Konzertpioniere findet übrigens, dass die Konzertform aus dem 19. Jahrhundert, die noch immer die deutschen Konzertsäle fest in ihrem Griff hält, abgeschafft werden sollte. Es geht um Vielfalt, ein größeres Angebot für eine diverse Gesellschaft, um neuartige Variationen des klassischen Konzerts. 

Welche Akteure prägen die neue Konzert-Szene noch? Welche Entwicklungen haben stattgefunden? Welchen Mehrwert haben diese für das Konzert und das Publikum? Unsere Autorin hat sich deutschlandweit auf Spurensuche gemacht.

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