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StartseiteDie neue PlatteFlügel und Trümmer02.12.2018

Klaviermusik von Violeta DinescuFlügel und Trümmer

Violeta Dinescu gilt als Brückenbauerin zwischen osteuropäischer Tradition und westeuropäischer zeitgenössischer Musik. In den Jahren 2008 bis 2017 entstand ihr literarisch inspirierter Klavierzyklus "Flügel und Trümmer". Sorin Petrescu aus Bukarest hat ihn erstmals auf CD eingespielt.

Am Mikrofon: Yvonne Petitpierre

Ein Porträt von Violeta Dinescu (Nicolae Manolache)
Versteht, das Klangpotential des Flügels zu nutzen: Komponistin Violeta Dinescu (Nicolae Manolache)
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Musik: Violeta Dinescu - Flügel und Trümmer (Ausschnitt)

"Aus dem Wunsch heraus, andere zu erreichen, schreibe ich Musik", äußert Violeta Dinescu im Rahmen eines Interviews. Die aus Rumänien stammende Komponistin zählt inzwischen zu den bedeutendsten Komponistinnen der Gegenwart. Ihr umfangreicher Werkkatalog reicht von Instrumentalmusik über Chorliteratur, Filmmusik, Gesangs- und Ballettkompositionen bis hin zu Opern für Kinder wie für Erwachsene. 1953 wird sie in Bukarest geboren und studiert zunächst Komposition, Klavier und Pädagogik am dortigen Konservatorium. Nach ihrem Abschluss übernimmt sie einen Lehrauftrag an der George Enescu Musikschule. Erste Kompositionen entstehen und 1980 wird sie wegen ihrer außergewöhnlichen Begabung in den rumänischen Komponistenverband aufgenommen, verbunden mit ersten Konzerten, Rundfunkaufzeichnungen und Preisen.

1982 führt Dinescu ein Stipendium nach Deutschland, wo sie seitdem lebt und unterrichtet. Lehrtätigkeiten führen sie nach Frankfurt, Heidelberg, Bayreuth sowie in die USA. Seit 1996 arbeitet sie als Professorin für Angewandte Komposition an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg, wo sie eine eigene Vortragsreihe für junge Komponistinnen eingerichtet hat. Darüberhinaus leitet sie ein Archiv für Neue Musik mit dem Schwerpunkt Osteuropa.

Schwebende Weite

Ihrem elfteiligen Klavierzyklus "Flügel und Trümmer", der zwischen 2008 und 2017 entstanden ist, gilt heute die Aufmerksamkeit. Der zunächst widersprüchlich anmutende Titel findet beim Hören schnell seine Berechtigung und unterstreicht den programmatischen Hintergrund der einzelnen Stücke. Um oberflächliche Bildhaftigkeit geht es Violetta Dinescu dabei nicht, vielmehr unternimmt die Komponistin eine eingehende Selbstreflexion - so Egbert Hiller, der im CD-Booklet diesen Werkzyklus unter dem Aspekt der außermusikalischen Inspirationsquellen ambitioniert und facettenreich begleitet. Der Verzicht auf eine Analyse kompositionstechnischer Details zugunsten atmosphärischer Hintergrundinformationen, macht diese Neuerscheinung über die konkrete Komposition hinaus zu einer wertvollen Bereicherung.

Violeta Dinescu versteht das Titel gebende Begriffspaar als musikalische Bezeichnungen. Zum einen sind es Melodien und Akkorde, die wie auf Flügeln beinahe schwerelos schweben. Konfrontiert werden diese von Trümmern bzw. Fetzen - also Klängen, die weitgehend von Kargheit und Düsternis gezeichnet sind. Sie signalisieren zudem eine Art Zertrümmerung traditioneller Formen, die mit allzu starren Konventionen brechen. In diesem Kontext wird für Violeta Dinescu Tonkunst auch zur einer Form von Zeitkunst.

Was diesen Klavierzyklus auszeichnet, sind die literarischen und kunsthistorischen Kontexte, in denen die kompositorische Ausgestaltung stattfindet. Konkret bezieht sich Violetta Dinescu u.a. auf Walter Benjamin und dessen Thesen "Über den Begriff der Geschichte". Darin geht er auf das 1923 von ihm selbst erworbene Gemälde "Angelus Novus" von Paul Klee ein.

Musik: Violeta Dinescu - Flügel und Trümmer (Ausschnitt)

Das Licht und seine Reflexe werden für das Titelstück "Flügel und Trümmer", das auch den Untertitel "Flugbilder 2" trägt, hörbar bestimmend. "Violeta Dinescus Musik setze hier zum Flug an, ohne sich im Schwärmerischen zu verlieren und die Trümmer der Existenz auszublenden", so Egbert Hiller.

Sorin Petrescu, Pianist dieser Einspielung auf teilweise präpariertem Flügel, hat seine Assoziationen zu Dinescu’s Klavierzyklus in eigene Worte gefasst, worin er unter anderem die Trümmer der Vergangenheit thematisiert und fragt:

"Alte Sachen. Veraltete Dinge, veraltete ... einige schätzen wir. Antiquitäten, Kunstsammlungen, das Aufsuchen von Ruinen, aber wissen wir, wie viel Leben sich dahinter verbirgt? Wir sehen nicht das Leben, das gerade für uns zittert - ein zitterndes Licht, das sich immer weiter entfernt."

Sorin Petrescu, 1959 im rumänischen Timipara geboren, studierte in Bukarest. Sein Repertoire umfasst klassische und zeitgenössische Musik sowie traditionelle rumänische Musik. Er ist Preisträger zahlreicher Wettbewerbe in Rumänien, hat diverse CDs und DVDs eingespielt und ist Pianist des rumänischen Trios Contraste, mit dem auch Violeta Dinescu eine langjährige enge Zusammenarbeit verbindet.

Erinnerungen

Mit "...von wannen alle Strahlen stammen..." - so der Titel des 2. Stücks im Zyklus - greift Dinescu eine Zeile aus Friedrich Rückerts "Kindertotenliedern" auf. Im Zentrum steht ein vehementes Aufbäumen gegen das Schicksal des Todes, den Rückert in seinem Gedicht auf eine kosmische Ebene transferiert. Musikalisch gestaltet die Komponistin hier mit eher kontemplativen Sequenzen und geräuschhaften Klängen.

Musik: Violeta Dinescu - "...von wannen alle Strahlen stammen..." (Ausschnitt) 

Eine der wichtigsten und frühen Inspirationsquellen für das eigene Komponieren ist Dinescus erste Dozentin Myriam Marbe, bei der sie ein Jahr intensiv studiert hat. Ihr verdankt sie nach eigenen Aussagen, den Entschluss, als Komponistin zu arbeiten und kommt mit einflussreichen Vertretern der rumänischen Musikszene in Kontakt. In ihren Kompositionen integriert sie Formen der traditionellen Musik ihrer Heimat, arbeitet mit klaren, oft mathematischen Strukturen und lässt den jeweiligen Interpreten Freiraum für individuelle Gestaltungsmomente.

Das Gedicht "Der uns die Stunden zählte" von Paul Celan steht jeweils mit einer Zeile Pate im dritten, fünften und sechsten Teil des Zyklus. Vage Utopien und das Kreisen um Schatten der Vergangenheit überträgt Dinescu auf Klangformationen, die von starken Kontrasten gezeichnet sind. So treffen in der Nr. 4 "nicht kühler wird’s" Passagen melodischer Präsenz im Wechsel auf dumpfe oder perkussive Klänge.

Musik: Violeta Dinescu - "nicht kühler wird’s" (Ausschnitt) 

Feine Verästelungen

Jedes einzelne Stück dieser eindrucksvollen Einspielung fasziniert wegen einer tief berührenden Unmittelbarkeit und poesievollen Klanggestaltung, wenn eruptive Passagen wieder in den Hintergrund rücken. Es sind vor allem Bruchstücke der Extreme, die hier immer wieder aufeinandertreffen und ein genaues Hören provozieren. Violeta Dinescu konfrontiert mit einer Vielschichtigkeit, der man sich kaum entziehen kann.

In den einzelnen Stücken wird deutlich erfahrbar, wie unterschiedlich Dinescu es versteht, das Klangpotential des Flügels zu nutzen, um den Hörer mit einer äußerst klangsinnlichen und differenzierten Sprache zu verführen, wobei einzelne Strukturen nicht verschwimmen, sondern in ihrer Eigenständigkeit gut für das Ohr nachvollziehbar bleiben.

Musik: Violeta Dinescu - "Uraltes Wehn vom Meer"

Das Gedicht "Ein Traum" von Edgar Allan Poe inspiriert Dinescu für drei weitere Stücke im Zyklus "Flügel und Trümmer". Dabei nutzt sie ausgewählte Textzeilen zur Betitelung, wobei deutlich wird, dass Traum, Nacht und Licht den dramaturgischen Rahmen stecken, was auch über subtile Wendungen teilweise nahezu physisch spürbar wird.

Im ersten und längsten dieser drei Stücke "What Thought That Light" kreuzen und queren sich gegenläufige Stimmungen und Figurationen, die sich "in immer neue Klang- und Lichtträume vorzutasten scheinen", so Egbert Hiller. 

Musik: Violeta Dinescu - "What Thought That Light" (Ausschnitt)

Stille und Monumentalität

Eine erneute literarische Anknüpfung schafft Violeta Dinescu im 11. Stück "Von fern die Sternstunde geht", das den Klavierzyklus "Flügel und Trümmer" beendet. Das Gedicht "Pont du Carrousel" von Rainer Maria Rilke aus dem Jahr 1902 kreist um Irrungen und Wirrungen des menschlichen Geistes sowie Sinnsuche und Rilkes grundsätzliche Zweifel am Menschen. Dinescu reflektiert diese Thematik mit sehr unterschiedlichen Klangkonstellationen, die in Farbe und Form an Momente aus früheren Stücken erinnern. Zugleich wird eine Atmosphäre des Abschied spürbar, den sie über zunehmend verschwindende Klänge gestaltet.

Auch zu diesem Stück notiert Pianist Sorin Petrescu sehr persönliche Assoziationen und spirituell geprägte Gedanken in Erinnerung an seinen verstorbenen Vater: "Die Möwe durchmisst mit ihren Flügeln die unendliche Weite des Raumes, sie beherrscht das unruhige Meer. Dann setzt sie sich hin, klug wie sie ist, auf eine Ruine. Sie fühlt sie, sie kennt sie, sie ist ihr lieb ... sie flöge nicht weg, wenn sie fürchte, den Weg zurück zu vergessen. Mein Vater hatte Flügel. Erst jetzt, ohne Flügel, lernt er fliegen ... ich glaube ... ich glaube an Gott, den Herrn!" Mit diesen Worten nimmt Petrescu auch Bezug auf eine Fotografie, die eine Betonkonstruktion am Meeresufer mit einer Möwe im Anflug abbildet.

Violeta Dinescu hat diese in unmittelbare Beziehung zu ihrem Klavierzyklus gesetzt. Hier begegnen die Gegensätze von Stille und Monumentalität, ein Begriffspaar, das sich auch in "Flügel und Trümmer" wiederfindet, auch wenn auf musikalischer Ebene keine direkte Übersetzung in Klänge stattfindet. Trotzdem stiftet sie aber entsprechende Assoziationen zwischen Emotion und Fantasie, ohne aufdringlich oder plakativ zu werden.

Musik: Violeta Dinescu - "Von fern die Sternstunde geht" (Ausschnitt)

Das war zum Abschluss "Von fern die Sternstunde geht" - aus dem Klavierzyklus "Flügel und Trümmer" von Violeta Dinescu, den ich Ihnen heute als Ersteinspielung mit dem Pianisten Sorin Petrescu vorgestellt habe. Diese gut 70 minütige Aufnahme entstand im Sommer 2017 und ist kürzlich beim Label gutingi erschienen. Weitere Informationen hierzu können Sie im Netz unter www.charisma-Musikproduktion.de finden.

Violeta Dinescu: Flügel und Trümmer
Sorin Petrescu, Klavier
CD gutingi 260
EAN: 4012652026037

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