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StartseiteDie neue PlatteSonaten von Samuil Feinberg08.03.2020

KlavierraritätenSonaten von Samuil Feinberg

Lange lagen die Noten zu den Klaviersonaten unbeachtet in der Sammlung des Pianisten Marc-André Hamelin. Die Musiksprache von Samuil Feinberg ist verstrickt und hochvirtuos. Marc-André Hamelin hat die Herausforderung angenommen, und holt so den Komponisten und Pianisten Samuil Feinberg aus der Vergessenheit.

Am Mikrofon: Susann El Kassar

Marc-André Hamelin am Flügel, beim Konzert im Anneliese-Brost Musikforum in Bochum. (Peter Wieler)
Das Werk sei eines der bemerkenswertesten pianistischen Monster, sagt der Pianist Marc-André Hamelin. Beim Klavier-Festival Ruhr präsentierte er die dritte Sonate von Samuil Feinberg im Konzert. (Peter Wieler)
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Marc-André Hamelin: "It's always been in my collection since 20, 30 years, but I never gave it much attention at all, because it's music that's very difficult to penetrate, it's difficult to read."

Die Noten zu den Sonaten lagen schon seit vielen Jahren in seiner Sammlung, sagt der Pianist Marc-André Hamelin, aber er habe sie nicht besonders beachtet, weil das eine Musik sei, die nicht so leicht zu durchdringen ist,– selbst nicht für einen Virtuosen wie Hamelin! Die Rede ist von Klaviersonaten von Samuil Feinberg.

Feinberg war ein russischer Pianist, Komponist und Lehrer, der 1890 in Odessa geboren und der 1962 in Moskau gestorben ist. 40 Jahre lang wirkte er als Klavierprofessor am Moskauer Konservatorium, darum hat er in der russischen Klavierschule durch seine zahlreichen Schüler Spuren hinterlassen. Im Rest der Welt ist Samuil Feinberg nur wenig bekannt, und das gilt noch mehr für seine Kompositionen. 12 Klaviersonaten hat er im Laufe seines Lebens geschrieben, die ersten sechs hat der Pianist Marc-André Hamelin für das Label Hyperion aufgenommen und diese neue CD möchte ich Ihnen heute in der Sendung vorstellen.  

Musik: Sonate Nr.1, op.1

Der Anfang der ersten Sonate von Samuil Feinberg, geschrieben 1915 im Alter von 25 Jahren; im Werkverzeichnis sein op.1. Wie die Erstlingssonate von Sergej Prokofjew besteht op.1 von Feinberg aus nur einem Satz und dauert nur etwa sieben Minuten. Vom Charakter her trägt die erste Sonate eine gewisse träumerische Versonnenheit in sich, und sie klingt durchsichtiger als die folgenden fünf. Feinberg setzt mit seinen Werken die virtuose russische Klaviermusik vom Anfang des 20. Jahrhunderts fort, mit den Vorbildern Alexander Skrjabin und Nicolai Medtner. 
Marc-André Hamelin gräbt gerne Werke aus, die technisch so herausfordernd sind, dass die meisten anderen Pianisten und Pianistinnen lieber Abstand halten. Und im Fall der Sonaten von Feinberg hat es tatsächlich eine Weile gedauert, bis er den Wert dieser Musik schätzen konnte;

Hamelin: "Because of the sheer complexity of the music. His harmonic system is actually very involved and it's an extension of traditional tonality - it takes a long time for me to get these harmonies into my head." 

Feinbergs Sonaten sind komplex, sagt Hamelin. Und auch seine harmonischen Wendungen sind anspruchsvoll, erreichen die Grenzen der Tonalität. In ihrer Gesamtheit fordern die sechs Sonaten tatsächlich nicht nur vom Interpreten ein Höchstmaß an Kondition und Konzentration, sondern auch die Zuhörenden werden hier gefordert. So unglaublich viele Noten und lange Phrasen, die z.B. im Fall der dritten Sonate eine fast tranceartige oder ekstatische Wirkung entfalten können.

Musik: Sonate Nr. 3, op.3, 2. Satz

Die dritte Sonate op. 3 hat Samuil Feinberg während des ersten Weltkriegs geschrieben. Er ließ sie nicht veröffentlichen, dabei hat diese Sonate gleichzeitig die größten Dimensionen. Sie besteht aus 3 Sätzen und dauert 25 Minuten - die anderen fünf Sonaten bestehen dagegen aus nur einem Satz. Was Feinberg im Nachhinein an der Sonate missfallen hat, wissen wir heute nicht. Marc-André Hamelin hat sie trotzdem aufgenommen, hat sich die Sätze aus handschriftlichen Manuskripten erarbeitet; der Kanadier musste dafür aber einige Zweifel beseitigen, weil insbesondere der dritte Satz der Sonate ihn vor ungewöhnliche Schwierigkeiten gestellt hat.

Hamelin: "It just doesn't stop! It is one of the most remarkable pianistic monsters that I've ever encountered." 
Feinbergs dritte Sonate sei eines der beeindruckendsten pianistischen Monster, die ihm je begegnet sind. Und Hamelin hat schon viele Höchtschwierigkeitsstufen gesehen und bewältigt…  
"It just grows and grows and grows - and then you think the piece is over and then there is six more pages of Coda… He just doesn't want to let you go! Until he's milked absolutely everything out of the material. I can tell you, it's not much fun to play, but I do it, because - with all its imperfection - it's a remarkable creation, I've never seen anything like it and probably never will." 
Spaß mache es nicht, diese tour de force des dritten Satzes zu überstehen, gibt Marc André Hamelin zu, aber er spiele das Werk trotzdem, eben weil es so bemerkenswert sei. Sportlicher Ehrgeiz mischt hier bei dem kanadischen Virtuosen sicherlich auch mit. Aus diesem dritten Satz, der insgesamt fast 15 Minuten umfasst, hören wir jetzt den Schluss. Und kommen dabei - wenn man sich vorstellt, was Hamelin da alles spielt - aus dem Staunen nicht heraus.

Musik: Sonate Nr.3, op.3, 3. Satz

Samuil Feinberg hat sich zu Beginn als Pianist einen Namen gemacht. Für seine Abschlussprüfung am Moskauer Konservatorium hatte er das gesamte Wohltemperierte Klavier von Johann Sebastian Bach vorbereitet - auswendig! Und als Feinberg 1914 beide Teile von Bachs Wohltemperiertem Klavier im Konzert präsentierte, soll das die erste öffentliche Aufführung dieses kompletten Zyklus’ in Moskau gewesen sein. Für Hamelin zählt Feinbergs Aufnahme der 48 Präludien und Fugen von Bach übrigens zu den besten, die es gibt. Der Russe widmete sich neben Bach aber auch Beethoven, spielte dessen 32 Sonaten in einer Saison, und er galt als hervorragender Interpret der Musik von Alexander Skrjabin.  
Um 1925 zog Feinberg erstmals auch in Mitteleuropa Aufmerksamkeit auf sich: seine sechste Sonate wurde beim Wiener Verlag Universal Edition publiziert und unter Kritikern und Kollegen fand diese Sonate guten Anklang.

Musik: Sonate Nr.6

Ernst und unheilvolle Vorahnungen sprechen aus der sechsten Sonate von Samuil Feinberg.  
Feinbergs Konzertreisen in den 20ern nach Berlin, Frankfurt, Hamburg und auch München fanden aber ein Ende, weil die politische Führung der UdSSR ihm diese Auslandsreisen untersagte. Damit verschwand Feinberg von der zentraleuropäischen Konzertfläche und auch seine Musik änderte sich: er passte sich den Kompositionsvorgaben der stalinistischen Kulturpolitik an. Seine letzten vier Sonaten sind darum auch deutlich weniger komplex als die ersten.  
Mit den sechs Sonaten von Feinberg haben wir Werke vor uns, die durch politische Einflussnahme daran gehindert wurden, sich im Kanon der Klavierliteratur zu etablieren. Natürlich sollte man Feinberg Kompositionsleistungen auch nicht überbewerten, er und seine Werke stehen kompositorisch hinter Größen wie  Prokofjew klar zurück – und trotzdem: wäre er an Konzertreisen nach Zentraleuropa nach 1930 nicht gehindert worden, wäre der Name Feinberg sicherlich mehr Menschen ein Begriff als er es heute ist.  
Hamelin ist nicht der erste der Feinberg ausgräbt und aufnimmt. Beim Label BIS sind vor mehr als 10 Jahren alle 12 Sonaten von Feinberg auf CD erschienen. Hamelins Produktion überzeugt aber mehr als diese Aufnahmen, denn die Aufnahmequalität ist direkter und sein Spiel ist technisch makellos. Gleichzeitig durchdringt Hamelin den ambitionierten Aufbau und die eigenwillige, oft obsessive Wirkung dieser Werke auf eindrückliche Art.

Musik: Sonate Nr. 4

Samuil Feinberg: Sonatas 1-6
Marc-André Hamelin, Klavier
Hyperion

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