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Kleine Kraftwerke vor jeder Haustür

Verbrauchernah erzeugte Energie dient dem Klimaschutz. Zu diesem Ergebnis kommt eine Untersuchung im Auftrag des Verbandes der Elektrotechnik (VDE).

Von Dieter Nürnberger | 10.05.2007

Die Studie blickt voraus in das Jahr 2020. Und die Experten gehen davon aus, dass bis zu diesem Zeitpunkt gegenüber heute ein deutlich veränderter Energiebedarf bestehen wird. So könnte aufgrund von Energiesparmaßnahmen, verbunden auch mit einem prognostizierten Bevölkerungsrückgang, der Wärmebedarf um rund 50 Prozent sinken. Gleichzeitig würde aber die absolute Menge des Strombedarfs in Deutschland steigen, was auch mit einer zunehmenden Klimatisierung von Gebäuden zu tun haben wird. Und dieses Zukunftsszenario sei am besten durch ein Nebeneinander von zentralen und dezentralen Versorgungssystemen zu gewährleisten, sagt Martin Pokojski. Er ist Innovationsmanager bei Vattenfall Europe. Er skizziert folgendes Szenario:

"Das können Windräder sein, das können Fotovoltaik-Anlagen sein. Es wird sehr viel mehr dezentrale Kraft-Wärme-Kopplungs-Systeme geben. Die erzeugen dann vor Ort Strom und Wärme, die dann auch Aufgaben übernehmen werden, die heute ein Teil der Großkraftwerke betreffen, zum Beispiel Netzdienstleistungen wie Frequenzhaltung. Konkret: Dezentral wird vieles gemacht werden, was man dezentral auch besser machen kann, als wenn ich es beziehe."

Und die größten Vorteile einer ausgebauten dezentralen Energieversorgung bestehen unter anderem darin, dass man dann in Deutschland Primärenergie wie Kohle und Öl und somit auch CO2-Emissionen einsparen könnte. Auch die Abhängigkeit von Energieimporten würde zurückgehen. Bislang haben ja vor allem Umweltverbände diese dezentrale Ausrichtung in der Energieversorgung gefordert. Das heute vom VDE vorgestellte Konzept gehe aber weiter, sagt Wolfgang Schröppel, Mitglied im Präsidium des Verbandes:

"Während die zentrale Ausrichtung für die Grundlasterzeugung und damit als 'Backbone' für die Energieversorgung dient, kann in ausgewählten Gebieten die dezentrale Versorgung genutzt werden, um insbesondere auch erneuerbare Energiequellen miteinander zu verbinden zu einem Teilsystem, welches dezentral mit Energie versorgt. Wir haben also kein Gegeneinander, sondern ein Miteinander, welches sich in den nächsten Jahren entwickeln wird."

Es geht also auch um einen Umbau der Netze. Der Verband der Elektrotechnik sieht deshalb ein auf modernster IT-Technik beruhendes Energiemanagement als unabdingbar an. Unter anderem dafür sei bis 2020 ein hoher Investitionsbedarf von Nöten. Konkrete Summen nennt die Studie aber nicht. Vattenfall-Experte Martin Pokojski:

"Wir werden im Netzbereich Ertüchtigungsmaßnahmen vornehmen müssen. Wir werden zum Teil die Netze auch optimieren müssen in Bezug auf Schutz, damit der Verbraucher auch weiterhin ungefährdet Strom beziehen kann. Wir werden auch dezentrale Versorgungseinrichtungen schaffen müssen. Dies alles kostet Geld, wir gehen auch hier von Milliardeninvestitionen aus."

Allerdings müssten diese Milliardensummen ohnehin in den kommenden Jahren in eine Modernisierung der Netze und des deutschen Kraftwerkparks investiert werden, so der VDE. Man geht davon aus, dass sich der Wirkungsgrad der Kraftwerke allgemein bis 2020 um zehn Prozent verbessern werde. Was würde nun eine solche mehr und mehr dezentrale Versorgung dem Klima bringen? Berechnungen des VDE zeigen, dass sich der CO2-Ausstoß bis 2020 um 40 Prozent senken ließe.

Der Verband der Elektrotechnik fordert von der Politik als ersten Schritt nun die Entwicklung eines Gesamtkonzepts, welche Energieträger künftig eine Rolle spielen sollen. Wichtig ist, aufgrund der heute vorgestellten Studie, dass durch eine verbrauchernah erzeugte Energie künftig mehr Klimaschutz möglich ist. Und dass auch Industrieverbände, wie der VDE, eine solche Umstellung in absehbarer Zeit für realisierbar halten.