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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenKleine Kulturgeschichte des Graffiti25.10.2007

Kleine Kulturgeschichte des Graffiti

Fassadenkritzeleien von den antiken Römern bis zum Sprayer von Zürich

Die einen empfinden sie als Bereicherung im Großstadt-Bild, die anderen betrachten sie als bloße Schmierereien und bekämpfen sie mit allen Mitteln. Die Rede ist von Graffiti. Dabei hat es zu allen Zeiten schon Ritzzeichen und Alltagskritzeleien im öffentlichen Raum gegeben. Buch-Autor Karl Wilhelm Weeber redet gar von einer römischen Graffiti-Szene. Und in Trier untersuchen Forscher religiöse Ritzereien im Ostchor der Liebfrauenkirche.

Von Anja Arp

Die Fassaden der Großstädte lassen sich ohne Graffitis kaum denken (AP)
Die Fassaden der Großstädte lassen sich ohne Graffitis kaum denken (AP)
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"Also bei mir war das so, dass ich sowieso schon gezeichnet habe. Und die Zeichnerei eigentlich ja ein Hobby war, eine Leidenschaft schon mit, ich denke mit 14, 15. Und ja, ganz komisch, ich war mit einem Schulkameraden in Spanien. Und da war ein Kollege oder ein Freund von ihm aus Düsseldorf dabei. Und der hat auch gezeichnet. Nur der hat diese Buchstaben gezeichnet, die ich davor noch nie gesehen habe. Und ich war völlig perplex, als er mir dann Fotos gezeigt hat von zwei Meter hohen Bildern und zehn Meter lang und. Ja, da war ich angesteckt. Und als ich wieder in Deutschland war, habe ich mir schnellstmöglich auch Dosen gesucht. Weil ich das auch machen wollte."

Der heute 27-jährige Sprayer, der gerne anonym bleiben möchte, berichtet wie seine Leidenschaft angefangen hat.

Bei Graffiti denken wir vor allem an die bunten gesprayten Bilder und Schriften an Hauswänden, Straßenbahnen, Schallschutzwänden und Autobahnbrücken. Ihr Ursprung reicht jedoch bis in die Antike zurück. Prof. Karl Wilhelm Weeber ist klassischer Philologe und Historiker. Sein Spezialgebiet ist die römische Graffiti-Szene:

"Ich denke, dass sie einen ganz anderen Zugang zur Antike ermöglichen. Authentischer, unmittelbarer. Sie spiegeln eben auch das Leben der kleinen Leute wider. Deren Freuden, deren Sorgen und Nöte. Und sie erhalten auf diese Weise eben auch eine Stimme, diese kleinen Leute."

Angefangen haben diese Mitteilungen im öffentlichen Raum als Ritzereien. Andrea Binsfeld ist Althistorikerin an der Akademie der Wissenschaften in Mainz. Sie ist spezialisiert auf frühchristliche Archäologie:

"Graffiti kommt aus dem Griechischen eigentlich und zwar von dem griechischen Wort graphein. Das heißt soviel wie Einritzen. Und im eigentlichen Sinne sind Graffiti jetzt auch nicht das, was man heute unter Graffiti versteht. Also diese aufgesprayten Bilder oder aufgesprayten Inschriften, sondern Graffiti sind eingeritzte Inschriften oder eingeritzte Bilder."

Offenbar ist es ein menschliches Bedürfnis sich im öffentlichen Raum zu verewigen. Da unterscheidet sich der moderne Sprayer kaum von dem antiken Ritzer:

Weeber: "Und da nimmt man irgendein Medium, meistens diesen Griffel, den die Römer hatten für ihre Schreibtafeln und ritzt damit irgendwelche Botschaften in die Wand. Manchmal ist das auch reine Psychohygiene, dass man das loswerden will. Und nicht unbedingt damit rechnet, dass andere das auch lesen."

Und weil es bei den römischen Graffitis vor allem um das alltägliche Leben in der Antike geht, sind die Inhalte eigentlich auch schon klar:

"Man kann sicher feststellen, dass das Gros der Graffiti um das heute so genannte Thema Nummer 1 kreist. Das heißt, Sexualität und Erotik in ganz unterschiedlicher Ausprägung von sehr obszönen Graffiti, dass man also mitteilt, mit wem man es wo getrieben habe. Bis hin zu fast elegischen romantischen Graffiti oder eben, dass man der Wand anvertraut, dass etwa der Primus die Valeria liebe oder auch umgekehrt."

An zweiter Stelle der Beliebtheits-Skala standen bei den alten Römern die Gladioren-Kämpfe:

"Und es hat viele Fans gegeben, die mit so Strichzeichnungen gleichzeitig Buch geführt haben, wie viele Siege ihr Lieblingsgladiator errungen hatte. Und da werden auch Darstellungen auf die Wände gebracht wie ein Unterlegener eben am Boden liegt. Und auch dem wird eine Statistik zugeordnet, wie viel Siege, wie viele Niederlagen er zu verbuchen hat. Des weiteren gibt es eine große Gruppe, das sind die Anwesenheitsgraffiti. Also der und der war hier."

Da gleichen sich offenbar die Motive von der Antike bis heute. Oft sind es die Dinge des Alltags, die relativ klein in die Wände geritzt wurden, wie etwa die Preise von Lebensmitteln und Prostituierten.

"Einer vertraut der Wand an, dass sein Sklave entlaufen ist. Einer schreibt, ein Eselchen wurde geboren. Einer erzählt, dass ein Schauspieler, der ihn besonders beeindruckt habe, in der Stadt gewesen sei und er sich wünsche, dass er bald zurückkomme. Und all diese Dinge des alltäglichen Lebens. Es gibt eigentlich keinen Bereich, der ausgenommen ist von Graffiti."

Im Prinzip gibt es solche Inschriften seit Menschen-Gedenken, sagt Andrea Binsfeld:

"In der ganzen Antike finden sie Graffiti, also egal, ob es jetzt, ob sie nach Ägypten gehen und dort auf den Memnon-Kolossen beispielsweise bei Theben, da finden sie Graffiti, Besuchsgraffiti in die Kolosse eingeritzt. Sie finden sie in Pompeji natürlich in rauen Mengen und in allen Variationen. Eingeritzt in die Hauswände. Man findet sie in Griechenland, in Rom und natürlich auch bei uns hier. Also es zieht sich durch die gesamte Antike, durch die gesamte antike Geschichte."

Neben den Graffitis aus dem Alltag gibt es auch religiöse Ritzereien. Die Historikerin Andrea Binsfeld hat die geritzten Inschriften im Ostchor der Liebfrauenkirche in Trier unter die Lupe genommen. Obwohl man antike Graffitis eigentlich nur schlecht datieren kann, ist das in diesem Fall möglich. Denn unter dem Verputz der Chorschranken hat man eine Münze gefunden. Und die stammt aus den 60er Jahren des 4. Jahrhunderts nach Christi.

"Es sind insgesamt zwei Mauern, in die Graffiti eingeritzt waren. Und zwar waren das Mauern, die den Chorbereich von dem übrigen Kirchenraum abgetrennt haben. Die dann zu verschiedenen Zeiten errichtet worden sind. Also eine Mauer Mitte des 4. Jahrhunderts, eine Mauer in den 60er Jahren des 4. Jahrhunderts. Und insgesamt sind etwa 130 Graffiti in diese Mauern eingeritzt worden. Wobei diese erste Schranke, die stand offensichtlich so lange, dass sind dann um die 30 Graffiti und die zweite Schranke sind um die 100 Graffiti eingeritzt worden."

Der Fund in Trier ist der Größte seiner Art in Deutschland. Vergleichbare Funde gibt es sonst nur noch in Rom.

Deshalb haben die Forscher in Trier sich auch gefragt: Warum befinden sich gerade hier so viele religiöse Ritzereien? Andrea Binsfeld tippt auf ein besonders verehrtes Märtyrer-Grab:

"Und von daher ist es möglich oder denkbar, dass auch hier in Trier eine solche Kreuzesreliquie war. Trier war ja zu der damaligen Zeit Kaiserresidenz. Also von daher wäre es eigentlich auch zu erwarten, dass in einem solch prominenten Ort eine prominente Reliquie verehrt wird. Also möglicherweise haben wir hier tatsächlich Hinweise durch die Graffiti auf eine Kreuzesreliquie."

Über die Motive der antiken Ritzer weiß man wenig. Karl Wilhelm Weeber:

"Und da scheint es wirklich so zu sein, dass man hauptsächlich das eigene Ego ein bisschen befriedigen wollte. Manchmal klagt man jemand an, man nimmt die Wand also sozusagen als Klagemauer. Manchmal will man seine Freude hinausschreiben, geradezu. Und es ist wohl wichtig, zu dokumentieren, dass man da war. Ein sehr schönes Graffito ist - in Übersetzung - "viele haben vieles auf die Wand geschrieben, nur ich, ich habe nichts geschrieben."

Obwohl sie weit verbreitet waren, haben die Ritzereien in der Antike keine große Rolle gespielt und sie hatten auch keinen künstlerischen Anspruch:

Binsfeld: "Heute die Graffiti, die sind, wenn man jetzt einmal absieht von Besucherschriften, XY war hier, sind sie ja auch ein gewisser künstlerischer Ausdruck. Und das war halt in der Antike überhaupt nicht der Fall."

Den hat unser zeitgenössischer Sprayer zum Beispiel sehr wohl. Er malt bewusst keine Buchstaben und versteht sich als Künstler:

"Ich bin das, was man Charaktermaler nennt. Also ich arbeite nur figürlich."

Wie so viele Sprayer hat er damit angefangen, als er ungefähr 14 Jahre alt war.

"Das Graffiti und dieses illegale Rausgehen ist für die meisten Pubertierenden ja eine gute Möglichkeit, Grenzen auszutesten, Moralvorstellungen und Werte und so was für sich zu definieren. Und Grenzen zu überschreiten. Das gehört ja sowieso natürlicherweise dazu. Das ist eine ganz gute Möglichkeit."

Vor allem Jungs ziehen nachts alleine oder in Cliquen los, um die Wände der Stadt und ganze Straßenbahnwaggongs zu bemalen. Früher waren die Jungs ausschließlich unter sich. Offenbar zieht die Illegalität und das Risiko eher Männer an.

"Aber mittlerweile gibt es immer mehr Mädchen auch, die das machen. Ich gebe auch Graffiti-Workshops. Da ist es lustigerweise so, dass es fast nur Mädchen sind, die daran teilnehmen. Das ist immer ganz nett."

Wer in Köln auf der rechten Rheinseite wohnt, der wohnt "op der scheel Sick", also auf der falschen Seiten, denn die Innenstadt liegt linksrheinisch:

"Auf der scheel Sick von Köln gab es ganz wenig Leute, die das überhaupt gemacht haben. Und die habe ich halt nur durch ihre Arbeiten gesehen. Und die ersten Jahre habe ich allein gearbeitet. Nachts. Und hab mich anonym mit den paar anderen Leuten, die es da gab, "gebattelt". "Gebattelt" heißt, es ging wochenlang, wer das bessere Bild malte an einer Stelle. Und wir kannten uns nicht, wir haben uns nur durch die Bilder ausgetauscht. Und das war wahnsinnig aufregend. Und da wusste ich, dass es genau das ist, was ich machen will."

Bei so einem Wettbewerb in der Illegalität gelten spezielle Kriterien:

"Dadurch, dass es illegal ist, das ist natürlich Größe, Aufwand, sind natürlich Sachen, die einem schon Respekt einbringt. Und ja ansonsten Qualität."

Mit Aufwand ist vor allem die Gefahr gemeint, in die der Sprayer sich begibt:

"An der Line, an der Linie heißt, da wo die Züge lang fahren da gibt es ja regelmäßig Probleme, Unfälle, tote Sprayer. Das ist schon gefährlich. Da muss man schon ein bisschen aufpassen. Ansonsten Roof-Tops, also die Graffitis, die so auf Dächern sind und so. Das sind natürlich Stellen, die reizvoll sind, weil man die von weitem weg schon sieht und das sind Stellen, die für einen Maler natürlich extrem interessant sind, aber auch gefährlich. Das muss jeder für sich selbst abschätzen, mit wie viel Risiko er dahingeht."

Die Szene ist vielfältig. Street-Art Künstler arbeiten zum Beispiel in der Regel alleine. Beim Graffiti-Writing also beim Sprayen der wilden großen Schriften, die mit der Hiphop-Kultur aufgekommen sind, ist das anders:

"In der klassischen Graffiti-Szene ist es eigentlich so, dass man irgendwann mindestens einer Crew angehört, also einem Zusammenschluss an Malern und dann halt seinen Namen, also die ganzen Sachen, die man draußen sieht, das sind ja die Pseudonyme von den Malern. Und den Namen von der Crew halt puscht. Und das sind am besten halt "hole City", also in der gesamten Stadt zu sehen ist."

In der Szene wird vor allem mit Pseudonym gearbeitet. Man kennt sich untereinander und es gibt regelrechte Superstars.

Der wohl berühmteste neuzeitliche Sprayer ist Harald Naegeli, der legendäre Sprayer von Zürich. 1980 und 1981 hat sich der Schweizer auch in Köln verewigt. Er ist jeweils für mehrere Wochen in die Dom-Stadt gereist und hat in dieser Zeit cirka 600 Spray-Bilder auf Kölner Mauern, Pfeilern und Fassaden hinterlassen. Unter dem Titel "Kölner Totentanz" hat der Fassaden-Künstler, der sich selbst als Dadaist bezeichnet, die Stadt mit klappernden Knochengestellen überzogen.

Der Kunstliebhaber und Rechtsanwalt Dr. Louis Peters hat damals ein Buch über den berühmten Sprayer geschrieben:

"In Köln war das alleinige Thema der durch Köln tanzende Tod. Ich interessiere mich insbesondere für das Thema "Mensch und Tod" und hatte zu diesem Thema bereits sehr viel gemacht. Und das Buch war also hier bei der Buchhandlung König erschienen und dann wurde auf einmal der Sprayer von Zürich geschnappt. Und er brauchte einen Anwalt. Und als er dann erfahren hatte, dass es von ihm ein Buch gab, das von einem Anwalt geschrieben war, hat er diesen Anwalt, nämlich mich, in Köln aufgesucht. Und so haben wir uns kennen gelernt."

Harald Naegeli hat die Züricher damals ganz schön in Atem gehalten:

"Und zwar nicht einfach so an die nächstbeste Wand, sondern jede Wand war in besonderer Weise ausgenutzt, wo jeder Vorsprung, wo jede Vertiefung und wo jede Hervorhebung ausgenutzt wurde. Und so hatte er monatelang die Züricher in Unruhe gehalten. Und wenn sie das Merian-Heft von Zürich von damals in die Hand nehmen, dann werden sie feststellen, dass da acht Seiten alleine mit den Sprayereien des Sprayers voll sind. So. Und er war eines Nachts erwischt worden. Dann hatte man ihn verfolgt, er war weggelaufen. Dabei hatte er seine Brille vergessen. Die Brille war am Straßenrand liegen geblieben und da hatte man sich gesagt, der kommt zurück, der braucht seine Brille. Am nächsten Tag kam dann da auch jemand und guckte im Straßenrand herum, um seine Brille wiederzufinden. Und dabei wurde er festgenommen."

Den Kunstliebhaber und Rechtsanwalt Louis Peters hat das Thema seither nicht mehr losgelassen. Jugendliche Sprayer, die sich vor Gericht verantworten müssen, rennen ihm die Tür ein.

"Und dann bleibt mir gar nichts anderes übrig, als diese ganzen Mandate zu übernehmen. Es ist im Grunde genommen ein Widerspruch in sich. Graffitis gibt es seit Beginn der Menschheit, seit bewusstem Denken des Menschen. Das alles ist zu sehen als Äußerungen, als graphische Äußerungen im öffentlichen Raum. Der öffentliche Raum ist voll mit Äußerungen dieser Art. Sei es Werbung. Es gibt auch Leute, die mit Bleistift irgendwas auf Plakatwände zeichnen. Also es gibt ein unterschiedliches Feld. Und das alles läuft im Rahmen des öffentlichen Raumes, wobei hier insbesondere hinzukommt, dass man sich ungefragt des öffentlichen Raums bedient. So wie auch andere ungefragt dies tun."

Louis Peters Urteil ist eindeutig: Graffitis sind Äußerungen im öffentlichen Raum wie andere Dinge auch. Allerdings stehen sie in Deutschland unter Strafe. Damit werden Jugendliche in seinen Augen kriminalisiert:

"Ob das Kunst ist, darauf kommt es nicht an. Es ist oftmals Kunst. Es sind einfach Kulturäußerungen. Im öffentlichen Raum spielt sich vieles ab, insbesondere auch im Kunstraum. Also wenn sie zum Beispiel die Landart oder die Dada-Bewegung oder die Situationisten, die ja alle haben im öffentlichen Raum ungefragt gearbeitet. Und sind akzeptiert worden. Nur die Sprayer, die sich im öffentlichen Raum bewegen, die werden also behelligt, speziell in Deutschland. Ich komme gerade von Spanien zurück. Barcelona, Madrid, Valencia usw., diese großartigen Städte sind überflutet mit Graffitis. Und die werden dort auch nicht beseitigt, die werden da gelassen und die machen diese Städte interessant."

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