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StartseiteInterviewPolitologe: Banale Tatsachenmitteilungen, kein Plagiat18.01.2014

Kleiner DoktortitelPolitologe: Banale Tatsachenmitteilungen, kein Plagiat

Anzeichen für Plagiate in der "kleinen" Doktorarbeit von CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer sieht der Politologe Heinrich Oberreuther von der Universität Passau nicht. Rechtlich sei somit alles in Ordnung, sagt er im Deutschlandfunk. Aber es sei von Scheuer politisch unklug gewesen, den Titel zu führen.

Heinrich Oberreuther im Gespräch mit Thielko Grieß

CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer zieht eine Jacke an. (picture alliance / dpa / Andreas Geber)
CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer (picture alliance / dpa / Andreas Geber)
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Thielko Grieß: Am Telefon ist der Politikwissenschaftler Heinrich Oberreuther. Guten Morgen!

Heinrich Oberreuther: Guten Morgen!

Grieß: War Ihnen geläufig, was ein kleiner Doktor ist?

Oberreuther: Na ja, also, nachdem die Affäre ja in unmittelbarer akademischer Nachbarschaft abgelaufen ist, ist uns das schon geläufig gewesen. Und geläufig ist uns auch gewesen, dass dieser kleine Doktortitel natürlich am ehesten noch einem Magister bei uns entspricht und mit dem deutschen Dr. Phil. in keiner Weise gleichzusetzen war.

Grieß: Hat sich Andreas Scheuer mit dieser Affäre – nennen Sie es Affäre, erste Frage? Hat er sich damit disqualifiziert, zweite Frage?

Oberreuther: Ich denke, dass er sich aus der Sache am besten herausgezogen hätte in dem Augenblick, in dem auch im Freistaat Bayern die Regelung galt, dass dieser Prager Doktortitel nicht als Äquivalent geführt werden kann. Dann hätte er ihn einfach heimlich, still und leise beerdigen können. Das wäre eine kluge Entscheidung gewesen und hätte ihm jetzt also diese Auseinandersetzung nicht eingebracht, die man in der Tat als kleine Affäre bezeichnen kann. Aber ich denke, seine Zukunft wird davon, nachdem Horst Seehofer sich auch hinter ihn gestellt hat, nicht beeinträchtigt sein, es sei denn, die Plagiatsvorwürfe würden sich noch ein Stück weit erhärten. Die gegenwärtigen Stellen, die da vorliegen, reichen aus meiner Sicht und auch aus der Sicht von Experten, die sich mit Plagiaten beschäftigen, nicht aus, weil sie ja auch keinerlei intellektuelle Erkenntnisse, sondern banale Tatsachenmitteilungen sind.

Grieß: Sie würden also nicht das inzwischen geflügelte Wort von "Wer betrügt, der fliegt" auf die CSU anwenden, wie es etwa die Grünen in Bayern getan haben.

Oberreuther: Na ja, Gott – ich halte von diesem Motto überhaupt nichts, auch nicht in der Armutszuwanderungsaffäre. Es ist auch nicht so, dass man Andreas Scheuer Betrug vorwerfen kann, denn was er getan hat in der Führung dieses Titels, ist ja rechtens, denn die Kultusministerien von Bayern und Berlin haben sich ja für Vertrauensschutz entschieden und gesagt, was vor 2007 gelaufen ist, das darf so weiter laufen wie bisher. Und das hat er gemacht. Das war rechtlich in Ordnung. Ob das politisch und – wie soll ich mal sagen – von einer persönlich souveränen Entscheidung her auch richtig war, steht auf einer ganz anderen Frage. Insofern kann man von Betrug natürlich überhaupt nicht reden.

Grieß: Heinrich Oberreuther, ganz kurze Frage mit der Bitte um eine ganz kurze Antwort: Stellen Sie eine gewisse Ermüdung fest in der Öffentlichkeit angesichts der Vielzahl solcher Fälle, bei denen es um Doktortitel geht?

  (Akademie für Politische Bildung Tutzing) (Akademie für Politische Bildung Tutzing)Heinrich Oberreuther
Geboren 1942 in Breslau, heute Polen. Oberreuther studierte Politikwissenschaft, Geschichte, Kommunikationswissenschaft und Soziologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Er arbeitete an verschiedenen Universitäten als Professor, von 1980 bis 2010 hatte er bis zu seinem Ruhestand den Lehrstuhl für Politikwissenschaften in Passau inne. Der Politikwissenschaftler ist Direktor des Instituts für Journalistenausbildung in Passau.

Oberreuther: Das Interessante ist natürlich, die Fälle sind alle differenziert. Die Ermüdung, glaube ich, kann man sicher zugeben. Und es wäre sinnvoll, wenn man Politisches und Akademisches voneinander trennt. Ein Generalsekretär braucht keine akademische Qualifikation, er braucht politische Intelligenz. Daran soll man ihn messen.

Grieß: Und die politische Intelligenz, die gestehen Sie Andreas Scheuer zu?

Oberreuther: Darüber haben wir jetzt nicht geredet. Da kommt es auch nicht drauf an. Die Frage ist, wie sieht der Parteivorsitzende das. Und den Beweis muss Andreas Scheuer natürlich antreten, denn er ist jetzt ein paar Wochen im Amt. Und da jetzt ein Urteil zu fällen, ob die Talente ausreichen, ist natürlich im Augenblick überfordernd.

Grieß: Heinrich Oberreuther, Politikwissenschaftler an der Universität Passau. Danke für das Gespräch heute Morgen, einen schönen Tag!

Oberreuther: Bitte schön, alles Gute!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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