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StartseiteKalenderblattKleines Haus mit Auszeichnungen23.12.2007

Kleines Haus mit Auszeichnungen

Vor 60 Jahren wurde in Berlin die Komische Oper wiedereröffnet

Am 23. Dezember 1947 zog die Komische Oper Berlin in ein frisch renoviertes Gebäude ein. Walter Felsenstein eröffnete das Haus mit der Operette "Die Fledermaus" von Johann Strauss. Heute gehört das kleinste der drei Berliner Opernhäuser zu den innovativsten deutschen Bühnen.

Von Renate Hellwig-Unruh

Blick in den Saal der Komischen Oper in Berlin. (Komische Oper Berlin)
Blick in den Saal der Komischen Oper in Berlin. (Komische Oper Berlin)

Die Inszenierung von Jacques Offenbachs Operette Pariser Leben ist im Nachkriegs-Berlin ein großer Erfolg, besonders bei den Alliierten. Abend für Abend sitzen Amerikaner, Engländer, Franzosen und Russen gemeinsam unter einem Dach und erfreuen sich an Offenbachs Klängen. Regie führt der Österreicher Walter Felsenstein.

"Die haben also alle das Pariser Leben mehrmals besucht, und da setzte sich also Tulpanow und vor allem Dymschitz in den Kopf: So ein Berliner Theater muss es geben. Dagegen stand einmütig auf der Berliner Magistrat: Wir sind froh, wenn wir die Staatsoper und das Metropol-Theater und die Charlottenburger Oper füllen können, wir wollen nicht noch ein viertes Institut haben. Das war ja noch vor der Trennung Berlins. Und die Russen gaben keine Ruhe. Sie wollten es haben, und sie haben dann das inzwischen im Bau fürs Metropol-Theater befindliche Haus umfunktioniert auf die Komische Oper, die ich dann nach langem Zögern gegründet habe."

Das Metropol-Theater, eine bekannte Berliner Revue-Bühne, ist kurz vor Kriegsende von Bomben zerstört worden. Nach dem Wiederaufbau wird das Theater kurzerhand im Admiralspalast untergebracht, und in das frisch renovierte Haus im Sowjetsektor zieht die neugegründete Komische Oper ein.

Am 23. Dezember 1947 eröffnet Walter Felsenstein die Komische Oper mit der Operette Die Fledermaus von Johann Strauss. Durch Felsenstein wird das neue Opernhaus, das ganz in der Tradition der französischen "Opéra comique" steht, zur Geburtsstätte eines volksnahen, "realistischen Musiktheaters". Felsensteins Credo:

"Horchen mit den Augen, nicht wahr, schmecken mit den Ohren, nicht wahr, riechen mit der Zunge - also die Sinne des Menschen im weitesten Umfang benutzen. Nicht, und ebenso den Körper benutzen. Das ist also doch dann der Sinn einer erweiterten darstellenden Kunst überhaupt."

Eine kritische Phase erlebt das Haus 1961, nach dem Mauerbau, doch Felsenstein bleibt im Ostteil der Stadt, behält fast sein gesamtes Ensemble und wird von den Mächtigen hofiert. Seine Inszenierungen, häufig in neuen Übersetzungen, gelten als beispielhaft: Carmen ebenso wie Die Zauberflöte, Das schlaue Füchslein, Traviata, Hoffmanns Erzählungen. Der gelernte Schauspieler räumt mit der Vorstellung auf, in der Oper käme es nur auf den Gesang an, Darstellung und Handlung seien nebensächlich. Andreas Homoki – heute Intendant und Chefregisseur der Komischen Oper:

"Also er hat richtig mit den Sängern Unterricht gemacht. Sänger, die so gut spielen können wie heute, gab es damals nicht. Das ist auch eigentlich ein Verdienst von Felsenstein und der Komischen Oper. Dass diese Selbstverständlichkeit, mit der wir heute glaubwürdiges Theater doch an sehr vielen Bühnen sehen, dass das sich durchgesetzt hat, das ist eine ganz tolle Sache, und das kommt von hier."

Bis heute werden an der Komischen Oper alle Werke in deutscher Sprache gesungen. Dass Walter Felsenstein und später auch seine Nachfolger Joachim Herz und Harry Kupfer unbehelligt von den DDR-Funktionären arbeiten konnten, hatte sein Gründe. Andreas Homoki:

"Nun, die Komische Oper war ja ein wirkliches Aushängeschild der DDR. Es war ja etwas, was auch so vielleicht nur in der DDR möglich war, dass ein Staat sagt: 'Du, Künstler Felsenstein, bekommst dieses Theater. Mach' das Theater, das Du willst. Du musst nicht auf Geld achten, Du musst nicht auf Einnahmen achten, Du musst nur auf Qualität achten.'"

Das kleinste der drei Berliner Opernhäuser, das sich aus finanziellen Gründen mit den beiden anderen zu einer Stiftung zusammengeschlossen hat, gehört heute zu den innovativsten deutschen Bühnen. Das zeigen schon Kritiker-Auszeichnungen, die in diesem Jahr an die Komische Oper gegangen sind: Opernhaus des Jahres, Chor des Jahres, Dirigent des Jahres.

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