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StartseiteSonntagsspaziergangKleinste deutsche Sprachinsel11.05.2008

Kleinste deutsche Sprachinsel

Die zimbrischen Dörfer im norditalienischen Trentino

Die Provinz Trento in Norditalien kümmert sich seit einigen Jahren intensiv um ihre drei kleinen Bevölkerungsminderheiten, rechtfertigen doch gerade sie die Autonomie gegenüber dem Rest Italiens. Neben den Ladinischen Tälern mit ihrer Rätoromanischen Minderheit, dem Val dei Mochini/Fersental, wo eine Mischung aus Tiroler und Bayerischem Dialekt gesprochen wird gibt es noch die Hochebene der zimbrischen Dörfer südlich von Trient: Folgaria, Lavarone und Luserna. Es ist die südlichste, älteste und heute kleinste deutsche Sprachinsel auf der Welt.

Von Katrin Kühne

Zimbrische Dörfer im norditalienischen Trentino (Katrin Kühne)
Zimbrische Dörfer im norditalienischen Trentino (Katrin Kühne)

Sein Nachname, erzählt Fernando Larcher, geht auf den deutschen Baumnamen Lärche zurück. Seine zimbrischen Vorfahren waren "Harzer", Harzhersteller. Larcher und seine Frau, die aus Folgaria stammt, sprechen nur noch italienisch.

" .:"Lange Zeit glaubte man, dass die hier ansässigen Zimbern Nachfahren des germanischen Volkes waren, das mit den Teutonen im zweiten Jahrhundert vor Christus gen Süden zog, und den Römern reichlich Ärger machte. Heute weiß man, dass die Zimbrische Sprache ein altertümliches Bayerisch aus der Zeit um das Jahr 1100 ist. Beim Ursprung der Volksbezeichnung ist man einem fatalen Irrtum aufgesessen. Zimber kommt hier von Zimbermann, Zimmermann, aus dem im Laufe des Jahrtausends Zimber bzw. Cimbro wurde." "

Rund 105 Quadratkilometer umfasst der Altoplano der drei zimbrischen Gemeinden Folgaria, Lavarone und Luserna. Die Hochebene liegt abgelegen oberhalb von Rovereto. Einst erstreckte sich das 'Zimberland', La Cimbria, bis an Etsch und Brenta im Valsugana. Bewohnt wurde es früher von rund 20.000 Menschen.

Als zwischen 1000 und 1100 im heutigen Südbayern Dürreperioden und Hungersnöte abwechselten, waren scharenweise Familien in die Voralpenregionen Veronas und Vicenzas ausgewandert. Anfang des 13. Jahrhunderts berief der Fürstbischof von Trient, Friedrich von Wangen, von dort rund 20 bayerische Familien in die waldreichen Gebiete des Altoplano.

Genau genommen sind es drei nebeneinander liegende Hochplateaus, knapp 30 Kilometer südöstlich von Trient. Es gründeten sich die zimbrischen Gemeinden Vielgereuth, nomen est omen! - italienisch Folgaria und Lafraun - Lavarone. Und von dort aus die weiter südlich gelegene "Geehrte Nachbarschaft" Lusern. Das Dorf wird das erste Mal urkundlich 1422 erwähnt, als ein Ser Biago dem "Leere Tasche" genannten Herzog Friedrich von Österreich und Graf von Tirol seine vier Höfe auf dem Berg Luserns verkauft.

Willkommen in Lusern, begrüßt uns Fiorenzo, der Leiter des Kulturinstitutes Lusern in eben diesem. Von der Regierung in Trient finanziell unterstützt, setzt es sich für die Erhaltung der Kultur und der Sprache der Zimbern ein.

Fiorenzos vollständiger Name lautet Fiorenzo Nicolussi Castellan. Schwungvoll nennt er sich aber Fiorenzo von Kastelé. Was auch seinen Grund hat, denn eigentlich heißen im Dorf fast alle Nicolussi. So auch der Barde des Ortes, Adolph Nicolussi Zatta.

Strophe um Strophe perlt es von den Lippen des schon älteren Herren. Er lehnt am Geländer des offenen, auf rund 1300 m Höhe gelegenen Dorfplatzes, von dem man aus weit über das Val D'Astico schauen kann, in dem sich unten der Torrente Astico schlängelt.

Nicolussi Zatta erzählt in seiner Ode von der Mutter, die damals auf gefährlichen Steigen entlang des schroffen Felsabrisses unterhalb des Dorfes Gras holte, wenn nicht genug Heu für die Kühe da war. Nebel möge kommen und die Schande zudecken, dass heute niemand mehr Landwirtschaft betreiben will und das Dorf langsam ausstirbt. Auf Deutsch fährt er weiter fort:

"Wir hoffen noch irgendwie, dass die Luserner, manche wenigstens noch zurückkommen könnten, weil heutzutage hat auch ein Wert unsere Kultur, unsere Identität bekommen. Bis vor 20 Jahren ist alles umgedreht gewesen, dass wir angesehen gewesen sind, als Leute ohne Kultur, oder mit einer minderwertigen Kultur."

Rund 250 Menschen wohnen noch in Lusern, von denen die meisten Zimbrisch sprechen. Auf Grund der extremen Abgeschiedenheit des Ortes haben sich hier Sprache und Traditionen bis heute erhalten können. Obwohl, oder vielleicht gerade deswegen, die Einwohner während des 1.Weltkrieges von den Österreichern nach Böhmen evakuiert wurden, weil hier auch ihre Festung Campo Lusern lag. Die österreichische Verteidigungslinie mit 7 großen Festungen ging quer durch die 3 Zimbrischen Gemeinden. Nach dem Krieg kehrten die Luserner in ein zerschossenes Dorf zurück und hatten eine neue Nationalität. Sie waren nun Italiener und bauten den Ort wieder auf. Knapp 900 Menschen in der Provinz Trento erklären sich heute der Zimbrischen Sprachgruppe zugehörig. Davon viele ehemalige Luserner, die wegen der Arbeitsplätze und der besseren Ausbildungsmöglichkeiten der Kinder weggezogen waren, wie die Eltern von Fiorenzo. Er aber ist mit seiner Familie zurückgekehrt. Tochter Valentina fährt jeden Tag ins Gymnasium nach Trento. In ihrer Freizeit führt sie Touristen durch das rekonstruierte Haus von Prükk aus dem 18. Jahrhundert, das ein kleines Heimatmuseum beherbergt.

"A Harmonium ist kennt au gemacht durante in Winter von 1927-1930 von mei bisnonno und diriga il Coro von Lusern."

Valentina erzählt, dass ihr Urgroßvater das Harmonium in der Stube hier gemacht hat, wobei sie das Zimbrische mit italienischen Worten wie etwa 'bisnonno' für Urgroßvater mischt. Deutsch lernen die Zimbern auf Grund ihres altbayerischen Dialektes natürlich leicht, lacht Fiorenzo, vor allem -

"Alle die Zimbern haben die 'RRR'."


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Azienda per il Turismo Altoplano di Folgaria, Lavarone, Luserna

Lusern

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