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StartseiteHintergrundKlerus und Staatssicherheit17.01.2007

Klerus und Staatssicherheit

Die Krise der katholischen Kirche in Polen

Die katholische Kirche in Polen wird von ihrer Vergangenheit eingeholt. Nach dem Amtsverzicht des designierten Warschauer Bischofs Stanislaw Wielgus wegen früherer Spitzeltätigkeit für die Kommunisten kämpft sie um ihre Glaubwürdigkeit.

Von Hubert Wohlan

Stanislaw Wielgus trat sein Bischofsamt nicht an. (AP)
Stanislaw Wielgus trat sein Bischofsamt nicht an. (AP)
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"Nach tiefem Nachdenken und Einschätzung meiner persönlichen Situation, in Übereinstimmung mit dem Kanon 401 des kanonischen Rechts, lege ich in die Hände Ihrer Heiligkeit den Verzicht vom Amt des Erzbischofs, des Metropoliten von Warschau, ab."

Nachdem Bischof Stanislaw Wielgus am 7. Januar seine Rücktrittserklärung vorgelesen hat, wurde es in der Warschauer Johannes-der-Täufer-Kathedrale laut. Die Investitur wurde zum Skandal. Einige Gläubige skandierten den Spruch "Bleibt bei uns!", mit dem sie in der Vergangenheit den geliebten Johannes Paul II. nicht nach Rom abreisen ließen. Sie wollten den Erzbischof behalten, dem angeblich das größte Unrecht geschah, das die Medien und irgendwelche dunklen Mächte zu verantworten haben. Andere, darunter auch der in der Kirche anwesende Staatspräsident Lech Kaczynski, applaudierten. Für diese Gruppe war die Entscheidung überfällig. Es sah aus nach einer abgesprochenen Aktion, mit einer Gruppe protestierender Gläubigen, die sich vor der Kathedrale unter einem Transparent zusammenfanden, mit der Aufschrift "Non possumus" - wir können dir nicht glauben. Geglaubt haben dem zurückgetretenen Erzbischof zu diesem Zeitpunkt ohnehin weniger als ein Drittel aller Polen.

Der Bischof von Plock, Stanislaw Wielgus, drei Tage zuvor zum Erzbischof von Warschau ernannt, hatte keine andere Wahl. Der Verzicht erschien notwendig, weil die Beweislage erdrückend war. Die seit Wochen in allen polnischen Medien kursierenden Abbildungen der Geheimdienstdokumente haben auf überzeugende Weise die Spitzeltätigkeit des Bischofs bestätigt. Es war kein links-liberales Blatt, keine von ausländischen Kräften gesteuerte Macht, sondern eine, der Kirche nahe stehende national-konservative Wochenzeitschrift, "Gazeta Polska", die den Stein ins Rollen brachte.

Die Veröffentlichungen riefen einen nationalen Schock hervor. Sie bestätigten, dass der vertrauensvoll aussehende Seelsorger bereits Anfang der 70er Jahre einer Tätigkeit als IM, als Inoffizieller Mitarbeiter mit dem Lubliner Ableger des Geheimdienstes zugestimmt hat. Die polnische Stasi hat seine Dienste sehr geschätzt. Die Berichte waren " ergiebig, die Beobachtungen präzise und die Person sehr zuverlässig", urteilte der Geheimdienst über Stanislaw Wielgus.

Die Erschütterung im Lande war groß. Sie steigerte sich, als den meisten Menschen bewusst wurde, dass es bei Stanislaw Wielgus nicht um ein beliebiges Bischofsamt geht, sondern um de facto die Nachfolge im Amte des Primas von Polen. Mit der Übernahme des Erzbistums Warschau wäre Stanislaw Wielgus der erste Anwärter auf den Posten, den bis heute Kardinal Józef Glemp bekleidet. Ein IM würde demnach eines Tages als Nachfolger des legendären Kardinals Wyszynski agieren? Jenes Kardinals, welcher als Symbol des Widerstandes gegen Kommunismus in allen polnischen Geschichtsbüchern steht? Ein nicht nur für christgläubige Polen schier unerträglicher Gedanke.

Die Causa Wielgus hat die Obrigkeit der katholischen Kirche gespalten. Die meisten Bischöfe verhielten sich diszipliniert und warteten zunächst die Kommuniques der Bischofskonferenz ab. Die einfachen Priester, zumal die Ordensbrüder, waren viel mutiger und verlangten den Rücktritt des designierten Erzbischofs. Unter den Amtsträgern wagte nur der Danziger Bischof Tadeusz Goclowski öffentlich, den bereits nominierten Erzbischof Wielgus aufzufordern zurückzutreten und verkündete, an dem feierlichen Gottesdienst in der Johannes-der-Täufer-Kathedrale aus Protest nicht teilnehmen zu wollen - in der sehr hierarchischen polnischen Kirche ein ungeheuerlicher Akt. Die Meinung der schweigenden Mehrheit der polnischen Bischöfe gab während der Messe der Primas Józef Glemp wieder:

"Was ist das für ein Gericht, das auf Grundlage einiger Papierschnitzel und zum dritten Mal kopierter Dokumente urteilt? Wir lehnen solche Gerichte ab. Wenn man gegen eine Person konkrete Vorwürfe hat, soll man sie formulieren und der Person die Gelegenheit geben, sich dazu zu äußern. Es müssen Verteidiger und Zeugen zugelassen werden. Dies alles hat bei der Beurteilung von Bischof Wielgus gefehlt."

Der erzwungene Rücktritt wird nicht nur vom Primas Glemp als Lynchjustiz angesehen. "Die Methoden sind obskur, die Würdenträger werden wie Freiwild betrachtet", meinte der Primas. Die während der Messe frei gewordenen Emotionen hielten sich länger. Alterzbischof Glemp verkündete noch vergangene Woche:

"Ich bin überzeugt, dass dies ein organisierter Druck auf die Kirche war. Und man droht ja mit weiterem Druck. Das bedeutet, dass ein Aktionsplan vorbereitet wurde."

Die Kirche witterte ein Komplott und mauerte. Die Medien seien aus ihrer Sicht die Hauptschuldigen in der ganzen Affäre. Sie seien es, die ohne Rücksicht auf etwaige Schäden die geheimen Dokumente publizierten, ohne deren Wahrheitsgehalt gewissenhaft überprüfen zu lassen.

In der Kritik der Kirche steht auch das Institut für das Nationale Gedächtnis, abgekürzt IPN, eine Art polnische Birthler-Behörde. Aus dem Amt für die Aufarbeitung der Geheimdienstunterlagen gelangten zahlreiche Dokumente oder deren Kopien nach draußen. Auch wurde der Verdacht geäußert, dass diverse Dokumente bisweilen gegen Bares an die Medien gelangt seien. Doch was ist die eigentliche Aufgabe des Instituts für das Nationale Gedächtnis?

Es soll den Nachlass der Geheimdienste wissenschaftlich aufarbeiten und verifizieren; es soll die dichterische Fantasie der Geheimdienstler von den wirklichen und belastenden Dokumenten trennen helfen. Die Behörde ist nach Auffassung der Kirche dieser Aufgabe nicht immer gewachsen. Was um sich greift, meinen manche Würdenträger, ist eine "wilde Lustration".

Gegen diese Form der Aufarbeitung wenden sich viele, und dabei kommt es manchmal zu seltsamen Bündnissen. Zum Beispiel agieren gegen diese Art "Lustration" das links-liberale Blatt "Gazeta Wyborcza" zusammen mit dem ultra-nationalistischen Radiosender "Radio Marija". Keine wilde, sondern eine verantwortungsvolle Lustration, in deren Mitte das Opfer der Geheimdienste steht und nicht die Sensation, das sei das Gebot der Stunde, fordern beide Medien.

Von rechtlicher Seite scheint alles geregelt zu sein. Seit 1997 gibt es in Polen ein so genanntes Lustrationsgesetz, dessen letzte Ergänzung vom Oktober 2006 datiert, vor einigen Wochen erst von Staatspräsident Kaczynski unterschrieben wurde. Alle Amtsträger unterliegen danach einer Überprüfung, die entweder auf Antrag oder auf dem Amtswege unternommen wird. Sie wird beantragt vom Ombudsmann des öffentlichen Interesses. Die Prozedur ist relativ einfach, die Wartezeiten auf Akteneinsicht jedoch sehr lang. Die Federführung liegt in den Händen des im Jahre 1998 gegründeten Institutes für Nationales Gedächtnis und dessen elf Niederlassungen in den Woiwodschaften.

Strittig ist allerdings ähnlich wie in Deutschland die inhaltliche Glaubwürdigkeit der angelegten Akten. Die entscheidende Frage lautet: Was ist in der Akte der Fantasie des Geheimagenten zuzuschreiben, und was ist als tatsächliche IM-Aktivität der verdächtigen Person einzustufen?

Der berühmte Fall von Malgorzata Niezabitowska, Pressesprecherin des ersten nichtkommunistischen Premier Polens aus dem Jahr 1989, Tadeusz Mazowiecki, spricht Bände. Gestützt auf Notizen eines Geheimdienstoffiziers wurde sie vom Ombudsmann der IM-Tätigkeit bezichtigt und angezeigt. Nach zweijährigen Gerichtverhandlungen wurde Frau Niezabitowska vergangene Woche freigesprochen. Sie ist kein Einzelfall. Unter den Wissenschaftlern, Künstlern und Journalisten gibt es viele Verdächtige und noch mehr Gerüchte. Manche sind erfunden, wie bei Frau Niezabitowska, andere finden grausame Bestätigung, wie im Falle des auch in Deutschland sehr bekannten Schriftstellers Andrzej Szczypiorski. Die klare Rechtslage hilft jedoch wenig bei der Bewältigung der gegenwärtigen Krise, denn die katholische Kirche wird im Lustrationsgesetz mit keinem Wort erwähnt.

Die Gruppierungen, die heute nach einer rücksichtslosen Aufarbeitung der geheimen Akten rufen, und es sind die regierenden national-konservativen Kräfte, führen einen Kampf um die historische Wahrheit. Die Rechtslage ist veränderbar, die Wahrheit gehört in die Geschichtsbücher , lautet die Botschaft. Was die regierende Recht-und-Gerechtigkeitspartei der Gebrüder Kaczynski vorhat, gleicht einer Abrechnung mit der Geschichte Volkspolens und einer Neubewertung der Zeit nach der politischen Wende des Jahres 1989.

Das heutige Durcheinander, sagt die Partei der beiden Zwillinge, ist nur dadurch entstanden, weil nach dem Sieg über den Kommunismus die siegreichen Demokraten mit den scheinbar besiegten Kommunisten einen Teufelspakt geschlossen hätten. Das fatale Ergebnis dieses Paktes ist die damalige Losung eines dicken Schluss-Striches, dessen Urheberschaft wohl bei dem ehemaligen Premier Tadeusz Mazowiecki liegt.

Mazowiecki hat die Losung des Schlussstriches nicht ohne Zustimmung der katholischen Kirche ausgegeben. Die polnische Kirche selbst hatte nämlich kein großes Interesse an den Archivdokumenten, sie vertraute hauptsächlich eigenen Kanälen. Bis heute herrscht bei der Mehrheit des Klerus die Überzeugung, dass die Geheimdienstdokumente von Menschen "bösen Willens" und von "Feinden der Kirche" angelegt wurden und somit per se unglaubwürdig seien.

Auf Kritik reagierte die Kirche, damals wie heute, sehr allergisch. Sie vermutet dahinter aggressiven Antiklerikalismus, jenen Zeitgeist, der die Zersetzung der Kirche im Sinne hat. Wenn also Stimmen laut werden, die eine Lustration der Priester fordern, werden sie sofort als Feinde der Kirche wahrgenommen.

Die polnische Kirche verharrt nach wie vor in einer Art Wagenburgmentalität, was in erster Linie auf die Erfahrung aus der kommunistischen Zeit zurückzuführen ist. Schließlich war sie ein halbes Jahrhundert lang der Hauptgegner der Kommunisten. Gegen keine andere Institution wurde seitens der Kommunistischen Partei ein derart frontaler Angriff geführt wie gegen die katholische Kirche. Über jeden Theologiestudenten und Priesteranwärter wurde schon am Beginn seines Weges eine Geheimakte angelegt. Sie wurden bespitzelt, verhört und erpresst.

Jerzy Bielanski, Dompropst der Krakauer Wawelkathedrale, ein weiterer Verdächtiger im kirchlichen IM-Drama, erinnert daran, wie der Umgang mit Geheimdienstlern aussah:

"Sie kamen vor der Heiligen Messe und nach der Messe. Warum sind sie gekommen? Sie fragten: Wer wird die Messe lesen? Ich sagte: der Priester Tischner. Wer wird die Predigt halten? Ich sagte: Priester Tischner. Ich wusste nicht, dass man es heute für eine Sünde halten würde. Damals war es die heilige Pflicht."

Jerzy Bielanski ist der vorläufig letzte Fall von angeblicher oder tatsächlicher Priester-Kooperation mit den kommunistischen Geheimdiensten. Vor ihm wurden andere der IM-Tätigkeit verdächtigt, einige sogar überführt.

Konrad Hejmo in Rom, Michal Czajkowski aus Breslau, Mieczyslaw Maliński aus Krakau, ehemals ein enger Mitarbeiter von Karol Wojtyla, Bischof Wieslaw Mering aus Wloclawek. Die Liste ist noch länger.

Auf dem sensationshungrigen polnischen Medienmarkt tauchen währenddessen immer neue Geheimdienstdokumente auf. Wie immer ist der Wahrheitsgehalt dieser Papiere fraglich. Jüngste Behauptungen suggerieren, dass bereits in den 60er und 70er Jahren bei der Bischofkonferenz, unter dem Vorsitz von Kardinal Wyszynski bis zu zwölf IM ihr Unwesen getrieben haben sollen. Der wohl bekannteste Forscher der polnischen Stasi-Archive, der Krakauer Priester Tadeusz Isakiewicz-Zaleski, hält diese Zahlen für maßlos übertrieben:

"Es ist, meiner Meinung nach, unwahrscheinlich, dass so viele Bischöfe mit dem Geheimdienst zusammengearbeitet haben. Das Gremium war klein, es gab weniger Diözesen als heute. Ich vermute, dass es um Agenten geht, die im Umfeld eines Bischofs oder in der Verwaltung eingesetzt wurden, um Einfluss zu üben oder um zu manipulieren."

Doch auch der über viele Jahre verfolgte Priester Isakiewicz Zaleski bestreitet nicht, dass die Eindringtiefe der Geheimdienste in die polnische Kirche ihn selbst überrascht und erschreckt habe. Seine Erkenntnisse hat der mutige Geistliche in einem Buch verfasst, dessen Erscheinen der Krakauer Erzbischof Stanislaw Dziwisz erfolgreich blockierte. Das Buch umfasst die Erinnerung aus den Jahren 1980 bis 1989, der Zeit seiner schlimmsten Verfolgungen durch den Geheimdienst. Er durchforstete sämtliche Archive und fand heraus, dass er Zeitweise von 40 Personen ausspioniert wurde, darunter vielen Priesterkollegen und Ordensbrüdern.

Nach der Geheimdienstaffäre des Warschauer Erzbischofs wird das Enthüllungsbuch von Tadeusz Isakiewicz Zaleski Ende Februar in Polen erscheinen: ein Durchbruch, auch wenn die meisten Namen der Stasi-Spitzel geschwärzt sein werden. Das Buch markiert eine Wende, die erzwungen wurde, denn die polnischen Bischöfe sind nach wie vor gegen die Lustration, zumal gegen die Bekanntgabe der Untersuchungsergebnisse.

Der erzwungene Durchbruch geschah nicht auf Geheiß des Vatikans und auch nicht auf Befehl der Machthaber in Warschau. Er ist vielmehr von katholischen Kreisen in Polen herbeigeführt worden, die nicht damit einverstanden waren, wie die kirchliche Hierarchie mit der Vergangenheit umgeht. Es ist eine national-konservative katholische Laienbewegung, die jetzt selbstbewusst auf ihre Rechte pocht.

Gewiss - der Rücktritt des Warschauer Erzbischofs wurde vom Vatikan durchgesetzt, aber die treibende Kraft bei diesem Prozess war zweifelsohne ein immenser Meinungsdruck der katholischen Laien in Polen. Bischof Stanislaw Wielgus hatte den Papst belogen, in dem er die Wahrheit über seine Geheimdienst-Verbindungen verschwieg. Als dies schließlich herauskam, hat den kämpfenden Katholiken aus Warschau die bischöfliche Reue nicht gereicht; sie wollten mehr und sagten, "non possumus".

Zwar wurde die neue Laienbewegung von den polnischen Bischöfen durchaus wahrgenommen, sie haben jedoch ihre Kraft und Möglichkeiten unterschätzt. Dieser Bewegung gehören viele Polen an, deren Glaubensbekenntnis mit dem Pontifikat Johannes Paul II. zusammenhängt. Es sind aufgeklärte, meistens junge Gläubige, die einen offenen Dialog suchen. Katholizismus ist für sie nicht nur die Pfarrkirche von nebenan, sie fordern auch einen kritischen Diskurs mit der Ökumene. Diese gravierenden Veränderungen in der katholischen Gemeinschaft werden jedoch noch nicht von allen polnischen Bischöfen in der notwendigen Weise ernst genommen.

Doch es bewegt sich etwas in der Polnischen Katholischen Kirche. Vergangenen Samstag, nach der außerordentlichen Sitzung der Bischofskonferenz, verkündete deren Vorsitzender Bischof Józef Michalik die bevorstehende Überprüfung der Bischöfe:

"Alle Bischöfe, die eine Diözese leiten, stimmen der Überprüfung ihrer Unterlagen zu. Im März, bei der nächsten Plenarsitzung der Bischofskonferenz, werden dieses auch die Weihbischöfe tun."

Deutlich wird jetzt: Der Vorsitzende der polnischen Bischofkonferenz geht also in die Offensive. Spät, aber vielleicht nicht zu spät. Die Überprüfung wird alle Würdenträger umfassen, das heißt, es kommt zu einer allumfassenden Lustration für alle Personen, die öffentliche Ämter ausüben.

Das hätte die polnische katholische Kirche schon viel früher haben können, wenn sie es gewollt hätte, doch sie ging zunächst eigene Wege. Die Überprüfung wird nicht vom Institut für das Nationale Gedächtnis kommen. Die Untersuchungshoheit liegt vielmehr in den Händen der Kirchlichen Historischen Kommissionen. Dort werden auch studierte Historiker mitarbeiten, um die kirchlichen Kräfte nicht zu überfordern. Einhelliges Urteil in Polen: Es wird keine leichte Arbeit sein. Denn die meisten Geheimakten haben Stasi-Mitarbeiter bereits im Jahre 1989 verbrannt. Und jene Akten, die gegenwärtig hier und da das Tageslicht erblicken, wurden in anderen, nicht kirchlichen Archiv-Registraturen der polnischen Stasi-Zentrale aufbewahrt.

Die den verhinderten Warschauer Erzbischof Stanislaw Wielgus belastenden Papiere haben zum Beispiel nur überlebt, weil Wielgus als Alexander-von-Humboldt-Stipendiat auch für Auslandsspionage auserkoren war. Und diese Akten des Auslandsgeheimdienstes wurden nicht verbrannt, weil sie zu allen Zeiten gebraucht würden, meinten die zuständigen Führungsoffiziere. Das war das Pech des verhinderten Erzbischofs.

Die Affäre um den Warschauer Erzbischof hat die polnische Kirche zutiefst erschüttert. Am stärksten traf sie die Hierarchie der katholischen Kirche, die, wie es die Kritiker, auch aus kirchlichen Kreisen, formulieren, "zu lange auf ihren beinahe feudalen Positionen ausharrte". Credo der Kritiker weiter: Die polnische Kirche muss sich heute öffnen, denn nur dann hat sie eine Chance, zu ihrer Stärke zurückzufinden. Und sie muss ihre Vergangenheit durchleuchten und verarbeiten sowie die Ergebnisse der Öffentlichkeit präsentieren.

Inzwischen haben die polnischen Bischöfe versprochen, dass dies bis Juni dieses Jahres geschehen wird. Bis dahin werden auch die Historischen Kommissionen ihre Arbeit abgeschlossen haben. Würde dies tatsächlich so vollzogen, wäre die Kirche die erste öffentliche Institution in Polen, die eine Lustration aus eigener Kraft geschafft hätte. Würde dies alles geschehen, so Polen-Kenner, wäre die ramponierte Glaubwürdigkeit der polnischen katholischen Kirche, in relativ kurzer Zeit, wiederhergestellt. Die polnischen Katholiken würden dann nicht massenweise im Zorn der Kirche den Rücken kehren.

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