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StartseiteHintergrundDie Macht und Ohnmacht der Verbraucher29.11.2019

Klima und KonsumDie Macht und Ohnmacht der Verbraucher

Nahezu alle Wissenschaftler sind sich einig, dass die Klimakrise von uns Menschen verursacht wird. Um etwas zu verändern, müssen wir anders wirtschaften. Und gerade Konsumenten in den Industrieländern können dazu einen Beitrag leisten, indem sie ihren CO2-Fußabdruck verringen - leicht wird das nicht.

Von Caspar Dohmen

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Aufschrift auf Heckscheibe For Christmas, Consume less, live more (imago 7 imagebroker)
Aufforderung zum Konsumverzicht (imago 7 imagebroker)
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Berlin, 20. September, eine Großdemonstration der Klimabewegung Fridays for Future. Allein in der Hauptstadt protestieren Hunderttausende. Vor dem Brandenburger Tor spricht der Comedian und Arzt Eckhard von Hirschhausen:

"Wir können tolle Hochleistungsmedizin machen, aber die Grundlage von menschlichem Leben auf diesem Planeten ist nun mal Wasser, Luft und erträgliche Außentemperaturen - und das kann man nicht mit einer Tablette, einer Operation oder irgendwie Geld herstellen. Wir müssen es schützen, oder wir kommen um, und das ist leider die Wahrheit."

Hoher Ressourcenverbrauch in Industrieländern 

Die Erde ist, in Hirschhausens Bildsprache, krank. Die Lunge im Amazonas wird zerstört, der Jetstream-Kreislauf ist gestört, und auf dem ganzen Planeten lagern wir Plastikmüll ab. Zur notwendigen Therapie gehört nach Ansicht des Arztes auch ein anderer Konsum.

"Wir brauchen eine Idee davon, was es heißt, wenn wir weniger Fleisch essen, dass wir nicht verzichten, sondern dass es uns selber gut tut."

"Klimakrise" ist bei einer Blockade der Klimabewegung "Extinction Rebellion" in Berlin auf einer Holzarche zu lesen. (picture alliance / dpa / Christoph Soeder)Klimaproteste der "Extinction Rebellion" in Berlin (picture alliance / dpa / Christoph Soeder)

Nahezu alle Wissenschaftler sind sich einig, dass die Klimakrise von uns Menschen verursacht wird. Wir müssen anders wirtschaften, wenn wir die Erwärmung bei 1,5 bis zwei Grad gegenüber dem vorindustriellen Niveau stoppen wollen.

Gerade Konsumenten in den Industrieländern mit ihrem hohen Ressourcenverbrauch könnten einen gehörigen Beitrag leisten. Aber tun sie es auch? Michael Bilharz beschäftigt sich seit 30 Jahren mit dem Thema, inzwischen beim Umweltbundesamt.

Hohe individuelle CO2-Bilanz

"Im Bewusstsein sind wir auf dem richtigen Weg. Wir haben schon viel reflektiert, viel kritisch reflektiert, viele Möglichkeiten, was wir tun können und im Einzelfall auch tun. Aber faktisch, wenn wir uns die CO2-Bilanz anschauen, müssen wir leider sagen, da ist die letzten 10, 15 Jahre bei den Verbraucherinnen und Verbrauchern nicht viel passiert."

Beschriftete Ampel in Berlin zeigt GO vegan (Imago /  Steinach) (Imago / Steinach)Politik und Verzicht: Weniger Konsum als Antwort auf die Klimafrage? 
Wer in der Politik zu Verzicht rät, wird von den Gegnern sofort denunziert. Dabei ist ökonomisch ziemlich klar: Mit besserer Technik allein wird die Klimakrise sehr wahrscheinlich nicht zu bewältigen sein. Deshalb wird wohl der Konsum schrumpfen müssen.

Messlatte sind die sogenannten CO2-Äquivalente, die neben den Emissionen von Kohlendioxid auch andere klimaschädliche Gase wie Methan berücksichtigen.

"Wir sind heute immer noch bei 11,6 Tonnen CO2-Äquivalente pro Person und Jahr - und damit meilenweit von unserem Zielkorridor unter einer Tonne CO2-Äquivalente pro Person und Jahr (entfernt)."

Wovon hängt unsere individuelle CO2-Bilanz ab?

"In der Tendenz ist es leider so, unabhängig von den Einstellungen: Je höher das Einkommen, umso höher die CO2-Emissionen, weil: größere Wohnung, größeres Auto, vielleicht auch Zweit- oder Drittwagen, mehr Urlaubsreisen, mehr Urlaubflüge."

Große Veränderungen gefragt

Wer als Verbraucher seine Klimabilanz deutlich verbessern will, sollte sich nicht im Klein-Klein verlieren. Natürlich ergibt es Sinn, auf Erdbeeren außerhalb der Saison zu verzichten oder auf den Plastikstrohhalm beim Trinken. Aber das sind Verhaltensänderungen, mit denen wir unsere persönliche Klimabilanz nur geringfügig aufpolieren.

Wärmedämmung bei neuem Rohbau Wohnhaus  (imago / blickwinkel)Wärmedämmung bei neuem Rohbau Wohnhaus (imago / blickwinkel)

Mit den großen Hebeln kennt sich Tilman Santarius aus, Professor für sozial-ökologische Transformation an der Technischen Universität Berlin.

"Das sind die drei Hebel: Wohnen, wie wohne ich? Auf welcher Fläche, mit welcher Heizung, in welcher Bausubstanz, also Stichwort Dämmung und so weiter."

Auf das Wohnen entfallen laut Umweltbundesamt im Schnitt 36 Prozent der CO2-Emissionen privater Verbraucher in Deutschland.

"Der zweite Hebel ist natürlich die Mobilität. Das ist wahrscheinlich sogar der Hebel, der am schwersten umzulegen ist."

Mit einem Anteil von 26,6 Prozent.

Wir konsumieren immer mehr

"Und der dritte Hebel ist dann der Konsum. Und ich glaube, beim Konsum, auch da tun sich ganz viele Leute noch schwer. Aber ich glaube, da gibt es sehr viele Möglichkeiten: eben eher fleischlos zu essen, Bioprodukte zu kaufen, insgesamt die ganzen Gadgets, die man sich so landläufig zulegt -  da einfach die Finger davon zu lassen, oder viel Gebrauchthandel zu betreiben. Oder eben auch, wenn man Geschenke kauft, die über Ebay gebraucht zu kaufen. Da gibt es sehr, sehr viele Möglichkeiten."

Aber wir konsumieren in Deutschland nicht weniger, sondern immer mehr. Seit der ersten Klimakonferenz von Rio im Jahr 1992 haben sich die privaten Konsumausgaben in Deutschland um mehr als vier Fünftel erhöht. Auch die Zahl der Pkw auf deutschen Straßen ist in den vergangenen zehn Jahren um knapp sechs Millionen auf mehr als 47 Millionen Fahrzeuge gestiegen. Der Flugverkehr meldet regelmäßig neue Rekorde: 2018 gab es mehr als 3,3 Millionen kommerzielle Flüge im deutschen Flugraum. Autofahren und  Fliegen sind zwei zentrale Stellschrauben für den Klimaschutz.

René Schuster fliegt seit 30 Jahren nicht - und hat sich zu einem Zeitpunkt dafür entschieden, als viele seine Mitbürger nach dem Ende der DDR gerade das Fernweh packte.

Ressourcenverbrauch persönlich erlebt

"Da war ich 16, und das ist schon eine ganze Weile her. Ich denke, es hat vielleicht damit zu tun, dass ich hier in der Lausitz aufgewachsen bin, und da wurden Nachbardörfer praktisch weggebaggert. In meinem Fall war das so, ich habe das Loch gesehen und habe mir in den Nachbardörfern nur noch erzählen lassen können, dass die mal da waren."

Weggebaggert, um Braunkohle zu fördern.

"Man hat die Folgen von Ressourcenverbrauch eigentlich immer vor Augen gehabt. Das war natürlich Thema in Ostdeutschland wie Gesamtdeutschland, aber es war überhaupt nicht Mainstream, über dieses Thema nachzudenken, es war also ein Nischenthema."

Blick in den Braunkohletagebau Welzow-Süd am 24. Juni 2015 in Welzow, Brandenburg (DPA)Der Braunkohletagebau Welzow-Süd bei Cottbus (DPA)

Schuster koordiniert bei der "Grünen Liga" von Cottbus aus die bundesweiten Aktivitäten gegen Braunkohleabbau. Nebenher hält er Schafe. Ist es für ihn ein Verzicht, keine Fernreisen zu machen?

"Ich verstehe unter Verzicht, dass ich etwas nicht tue, was ich gerne tun würde. Ich weiß, dass ich nicht überall auf der Welt mal gewesen sein kann, das heißt, ich muss mich sowieso entscheiden, wenn ich hier bin, kann ich nicht da sein und umgekehrt. Ich entscheide mich meistens für die näherliegenden Dinge. Ich habe nicht das Bedürfnis, in der Südsee am Strand zu liegen, wenn ich auch hier am Strand liegen kann."

Wer konsumieren kann, hat auch Verantwortung

Menschen müssten ohnehin ständig verzichten, findet er. Wer in den Urlaub fliege, verzichte auf das Straßenfest nebenan. Mehr Wohlstand führe zu mehr Entscheidungsmöglichkeiten - und damit zu mehr Verzicht auf alles, was man mit seiner Zeit sonst anfangen könne. Umweltaktivist Schuster sieht in einer Demokratie prinzipiell jeden beim Konsumverhalten in der Pflicht.

"Wir können jetzt auch nicht sagen, ich möchte wild drauf los weiter konsumieren, und irgendjemand anders soll dafür sorgen, dass das nachhaltig wird. Freiheit bedeutet Eigenverantwortung. Wer frei ist zu konsumieren, was er will, der hat auch Verantwortung dafür, ob das nachhaltig ist."

Aber so handelt nur eine Minderheit. Dabei steht spätestens seit der Veröffentlichung des Berichts des Club of Rome das Thema der "Grenzen des Wachstums" auf der Tagesordnung. Das war 1972. Im selben Jahr fragte sich der Psychologe Wolfgang Schmidbauer in seinem Buch "Homo consumus":

"Warum der Mensch (…) aller besseren Einsicht zum Trotz an einem Verhalten festhält, das seine natürliche Umwelt zunehmend zerstört, Luft und Wasser vergiftet, ihn selbst entwürdigt und verdummt – an einem zutiefst unethischen Verhalten, in dem es nicht als innerer Widerspruch, als Unmoralität gilt, die begrenzten Rohstoffquellen der Erde fast ausschließlich einer Minderheit von Menschen zu opfern, um deren künstlich angestachelte Bedürfnisse nach Überflüssigem zu befriedigen."

"Gedankenloses Ressourcenverbrauchen"

Das Verhalten seiner Zeitgenossen stimmte ihn pessimistisch, genauso wie fast ein halbes Jahrhundert später Schuster.

"Dieses gedankenlose Ressourcenverbrauchen ist ja eigentlich, wenn man die Leute so beobachtet, eher so eine kleinkindliche Verhaltensweise. Ich will möglichst viel von allem und denke nicht darüber nach, ob ich das überhaupt brauche."

Frau trägt eine Plastiktüte mit Aufschrift "I Love Shopping"  (imago/Ralph Peters)Frau trägt eine Plastiktüte mit Aufschrift "I Love Shopping" (imago/Ralph Peters)

Natürlich wirken auch gewaltige Kräfte auf jeden von uns ein, damit wir konsumieren. Internetkonzerne analysieren unsere Suchanfragen. Mit Profilen unserer Arbeitsleistung, Kaufkraft, Gesundheit oder Vorlieben wird individuelle Werbung erstellt. Die Menschen seien längst nicht nur gläsern, sondern auch formbar - und damit "willfährige Konsumenten", sagt Nachhaltigkeitsforscher Santarius. Er fordert ein partielles Werbeverbot.

"Wir haben auch keine Werbung an Schulen oder an Universitäten. Ich finde, so eine Suchmaschine oder ein soziales Netzwerk sollte im Grunde werbefrei sein. Auf jeden Fall sollte Werbung da sehr stark eingeschränkt werden. Dafür brauchen wir Regulierungen, so wie auch Tabakwerbung verboten wurde."

Konsumlaune ist für die Wirtschaft

Der Umweltaktivist René Schuster macht auch die Gesellschaft für das Fehlverhalten von Konsumenten mitverantwortlich.

"Wir haben tatsächlich das Problem, dass die Gesellschaft heutzutage die Leute nicht unbedingt dazu aufruft, erwachsen zu sein, sondern dieses kindliche von allem möglichst viel haben Wollen und Konsumieren ist ja offiziell erwünscht. Die Konsumlaune ist wichtig für die Wirtschaft und den Wohlstand, und der Begriff Wohlstand wird ja mit überflüssigem Konsum heutzutage schon gleichgesetzt. Das heißt, die Leute werden ja praktisch terrorisiert mit dem Aufruf, nicht erwachsen zu sein, sondern alles möglichst viel zu konsumieren."

Das sorgt für das Wirtschaftswachstum, auf das unser kapitalistisches Wirtschaftssystem angewiesen ist. Aber bei einem Wachstum von zwei Prozent verdoppelt sich eben die Menge an Gütern und Dienstleistungen innerhalb von 35 Jahren. Das überfordert den Planeten.

"SOS Amazonas, SOS Amazonas…"

Grünes Wachstum bislang eine Illusion

Bei der Demonstration von Fridays for Future vor dem Brandenburger Tor spricht Carola Rackete, bekannt als Kapitänin eines Rettungsschiffes für Migranten und aktiv bei der Umweltgruppe Extinction Rebellion.

"Aber während jeder von uns Verantwortung trägt, sollten wir nicht vergessen, dass wir als Individuen in einem System gefangen sind, das wir nicht alleine durch individuelle Aktionen umkehren können."

Für die Übernutzung des Planeten mit wahrscheinlich gravierenden Folgen für die ganze Menschheit ist die Klimaerwärmung nur ein Alarmzeichen. Die Artenvielfalt schrumpft, ebenso wie die Süßwasserreserven, Wüsten breiten sich aus. Das viel beschworene grüne Wachstum hat sich bislang als Illusion erwiesen. Trotz immenser technologischer Fortschritte konnten Wirtschaftswachstum und Energie- und Ressourcenverbrauch bislang nicht absolut entkoppelt werden.

Eine Frau hält ein Smartphone mit der geöffneten ebay-App in der Hand  (dpa / Monika Skolimowska)Gebraucht bei ebay kaufen schon Ressourcen (dpa / Monika Skolimowska)Selbst kleine Fortschritte machen Unternehmen und Käufer regelmäßig zunichte. Wenn etwa Ingenieure Motoren konstruieren, die mit deutlich weniger Sprit die gleiche Leistung bringen, aber die Unternehmen größere Autos mit stärkeren Motoren anbieten - und Kunden darauf anspringen. Oder wenn Verbraucher durch geringeren Energieverbrauch eingespartes Geld für anderes ausgeben. Wissenschaftler sprechen vom sogenannten Rebound-Effekt.

Kleidung ohne Stoffabfall

Aber es gibt auch Leute, die etwas ändern, Vegetarier oder Veganer werden, Gebrauchtes kaufen, Dinge reparieren – oder eben gar nicht kaufen. So hat die Münchner Grünen-Politikerin Katrin Habenschaden gemeinsam mit einer Freundin ein Jahr lang auf den Kauf neuer Klamotten verzichtet. Bei einer Messe für nachhaltig hergestellte Mode in München berichtete sie Mitte Oktober:

"Das war auch überhaupt kein Problem - bis auf die Strumpfhosen, die waren schwierig, weil die haben irgendwann nur noch die Löcher zusammengehalten, aber alles andere, also tatsächlich auch so vom modischen Aspekt, das war überhaupt kein Problem, und wir haben es dann auch noch einmal verlängert und hatten insgesamt wahnsinnig viel Spaß an der Sache."

Bei der Messe präsentieren Unternehmer nachhaltigere Bekleidung. Wie die beiden jungen Modeunternehmer, die Kleidung ohne Stoffabfall herstellen.

CO2-Rechner für den Alltag

"Wir haben ein paar Kleidungsstücke aus verschiedenen Produktsegementen ausprobiert, die alle nach Zero-waste-Prinzipien hergestellt sind. Das heißt, dass wir die Schnitte so aufgebaut haben, alles passt zusammen wie ein Puzzle, alles fügt sich ineinander, so dass kein Verschnitt übrig bleibt."

Staaten verbieten bestimmte Produkte, etwa Deutschland den Verkauf des hochgiftigen Insektizids DDT. Bei den meisten Waren ist es der Wahl des Einzelnen überlassen, was er einkauft. Wer will, der kann auf grüne oder soziale Kriterien achten. Orientierung bieten Siegel und Label, wie bei Nahrungsmitteln das EU-Biolabel oder der Blaue Engel als bekanntestes Umweltsiegel. In Zukunft könnte das Einkaufen unter Klimagesichtspunkten sogar ziemlich einfach werden. Tilman Santarius, der Berliner Transformationsforscher.

Eine junge Frau geht an einem Großplakat der Bio Company mit der Aufschrift "Kauf weniger." vorbei.  (dpa / Wolfram Steinberg)Weniger Konsum, Luxusverzicht, Downshifting - das sind neue gesellschaftliche Trends, bei denen allgemein "Weniger is Mehr" gilt. (dpa / Wolfram Steinberg)

"Es gibt ja jetzt schon die CO2-Rechner, die mir ungefähr aufzeigen, wie CO2- intensiv ist denn mein Lebensstil. Daraus kann ich jetzt noch nicht direkt Konsumentscheidungen des Alltags ableiten, also sprich, welches Lebensmittel soll ich einkaufen oder welches Mobilitätsmittel soll ich wählen? Wir bauen jetzt gerade bei uns im Einstein Center Digital Futures mit Kollegen an einem grünen Shoppingassistenten, wo wir tatsächlich das erreichen wollen, dass eine Suchmaschine, die mir im Moment die Ergebnisse nach einem nicht  unter Nachhaltigkeitskriterien operierenden Algorithmus anzeigt, zusätzlich zu den normalen Suchergebnissen auch grüne Konsumalternativen anzeigt."

Strukturen so ändern, dass sie alleine arbeiten

Allerdings glaubt Santarius selbst nicht, dass mit dieser App der Konsum umzusteuern ist.

"Information und Aufklärung führt nicht zu durchschlagenden Ergebnissen. Es gibt viele Untersuchungen und auch inzwischen Metastudien, die das ausgewertet haben in ganz verschiedenen Bereichen: Was verändern Menschen, wenn sie auf ihrer Stromrechnung ausgewiesen bekommen, wie viel CO2 sie verballert haben und wie das bei den Nachbarn aussieht oder beim Durchschnittshaushalt? Das sind ja lauter Feedbackinformationen, wo ich unterrichtet werde darin, wie sich mein Lebensstil auf das Klima auswirkt. Und deswegen bin ich auch nur begrenzt optimistisch, dass diese reine Informationsebene, die man sicher noch verbessern kann, schon alleine hinreichend ist."

Wer heute die Ressourcen der Umwelt und seine eigenen Zeitressourcen schonen will, für den hat der Experte vom Umweltbundesamt Michael Bilharz einen Tipp:

"Es geht darum, auch im Alltag Strukturen zu ändern, die von alleine arbeiten. Wenn sie Carsharing machen, dann müssen Sie nicht jede Autofahrt hinterfragen, sondern das macht das System Carsharing, weil Sie plötzlich in einer ganz anderen Denklogik sind: Sie müssen das Auto reservieren, Sie haben Vollkostenrechnung. Genauso, wenn Sie Ihr Geld auf eine Bank bringen, die ökologisch arbeitet, dann müssen Sie sich nicht mit diesen komplexen Fragen beschäftigen, sondern das machen dann die Ökoprofis auf der Bank, die Klimaschützer auf der Bank, und das ist das Schöne. Und das ist, denke ich, die Strategie, wo ich als Einzelner entspannt massenweise CO2 einsparen kann."

Infrastruktur behindert Veränderung

Selbst, wenn jemand alle seine Konsumentscheidungen mit Blick auf eine Minimierung seiner persönlichen Klimabilanz treffen würde, würde er das notwendige Ziel verfehlen.

"Man kommt eigentlich in diesem Land Deutschland nicht auf die global nachhaltige langfristig erstrebenswerte Größenordnung von 1,x Tonnen CO2-Emissionen pro Kopf. Das geht im Moment nicht, weil die Infrastrukturen das einfach nicht zulassen."

Michael Bilharz  sieht den Kauf von Zertifikation als Möglichkeit, klimaschädlichen Konsum zu kompensieren. Mancher sieht darin einen Ablasshandel, Bilharz gar nicht.

"Das Schöne an der Kompensation - das heißt, ich spende Geld dafür, dass an anderer Stelle, in Entwicklungs-, Schwellenländern, CO2-Minderungsmaßnahmen umgesetzt werden; das sind vor allem Investitionen in erneuerbare Energien, Solarkocher, Aufforstungsprogramme -, ist ja, dass es nach oben keine Grenze gibt. Das heißt, solange Sie Geld auf dem Konto haben, das Sie spenden wollen, können Sie 10, 20, 30, 100 Tonnen CO2 vermeiden. Versuchen Sie das mal mit Ihrem Konsum, das geht nicht, da ist das gedeckelt."

Ökologisch korrekte Preise problematisch

Würde unsere Marktwirtschaft richtig – also nach Ökonomie-Lehrbuch - funktionieren, dann bräuchte es überhaupt keine Siegel oder Kompensationsmaßnahmen. Sondern die Preise würden die ökologische und soziale Wahrheit ausdrücken.

"Das ist genau die Fokussierung, wo wir hin müssen. Die Preise müssen klare, auch ökologisch korrekte Signale senden. Wenn ich eine Kiwi oder eine Paprika im Winter von weit weg kaufe, muss die teurer sein, weil Transportenergie drin ist, weil Aufwendungen drin sind, und das muss sich im Preis widerspiegeln, sprich die Transportkosten müssen die Umweltschäden beinhalten. Erst dann funktioniert nachhaltiger Konsum. Alles, was wir bis dahin freiwillig machen, muss uns zu dieser Rahmenbedingung bringen."

Carola Rackete, Kapitänin der Sea-Watch 3, aufgenommen im Rahmen der Protestaktion Extinction Rebellion am Grossen Stern an der Siegessaeule in Berlin, 08.10.2019. (imago images / photothek / Florian Gärtner)Das Engagement für Flüchtlinge, das ist für Carola Rackete ein wichtiger Teil im Leben. Vor allem aber versteht sie sich als Klimaaktivistin. (imago images / photothek / Florian Gärtner)

Aber wenn die Preise die ökologische Wahrheit sagten, würden sie stark steigen, was problematisch wäre. Selbst in den reichen Industriestaaten kommen viele nur über die Runden, weil sie die billigsten Waren kaufen. Schon geringe Preissteigerungen können manche Haushalte aus der Bahn werfen. Wozu das führen kann, zeigt die Gelbwestenbewegung in Frankreich, ausgelöst durch Benzinerhöhungen, mit denen der Staat den CO2-Ausstoß senken wollte.

Wille zur Veränderung ist da

Und wenn wir alle schlagartig deutlich weniger konsumieren würden, geriete unsere Wirtschaft sogar in eine schwere Krise. Ein Ausweg aus diesem Dilemma muss gemeinschaftlich erdacht und gestaltet werden, wenn gewählte Politiker das nicht können oder wollen, eben von Bürgern, meint Bilharz.

"Der einzelne ist nicht nur Verbraucher, Verbraucherin. Wir können mehr. Wenn die Frage lautet, was kann ich als Einzelner tun, lautet meine Antwort: Fußabdruck reduzieren, Rest kompensieren, und dann andere mitnehmen: Den Handabdruck vergrößern, das heißt politisch, gestalterisch tätig sein."

Die Proteste von Fridays for Future zeigen, dass viele Menschen dazu den Willen haben. Zeit für Einmischung, singt die Liedermacherin Dota auf der Bühne vor dem Brandenburger Tor bei der Klimademonstration:

"Irgendwo schmilzt das Eis und ja es wird heiß und jetzt könnte man noch reagieren. Es ist zu abstrakt für die Leute, sagt wer? Da lernen sie halt abstrahieren. Das regelt der Markt nicht und nicht die Verbraucher, es braucht Gesetze verdammt noch mal, jetzt Verzicht oder später Vernichtung, ist das echt eine schwierige Wahl?"

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