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StartseiteUmwelt und Verbraucher"Die Wolken sind der große Unsicherheitsfaktor"02.01.2014

Klimaerwärmung"Die Wolken sind der große Unsicherheitsfaktor"

Wolkenbildung beschleunigt die Erderwärmung, behauptet eine heute in der Fachzeitschrift "Nature" erscheinende Studie. Der Klimaforscher Mojib Latif ist skeptisch. Die Klimaentstehung sei zu komplex, als das ein einzelner Faktor derart heraus gegriffen werden könnte.

Mojib Latif im Gespräch mit Georg Ehring

Ein düsterer Himmel mit grauen Wolken (Stock.XCHNG / luc sesselle)
Die Rolle der Wolken bei der Klimaentstehung ist umstritten. (Stock.XCHNG / luc sesselle)

Georg Ehring: Seit dem September vergangenen Jahres wissen wir es mit noch größerer Sicherheit: Der Mensch erwärmt die Erdatmosphäre. Der Weltklimarat IPCC hat dies in seinem fünften Sachstandsbericht für extrem wahrscheinlich erklärt. Eine Unsicherheit ist allerdings gewachsen, anstatt kleiner zu werden: Wenn sich der Gehalt der Atmosphäre mit Kohlendioxid verdoppelt, führt dies zu einer Erwärmung um 1,5 bis 4,5 Grad, so die Forscher. Zuvor waren sie von einer etwas kleineren Spanne von 2,0 bis 4,5 Grad ausgegangen. In der Zeitschrift „Nature“ erscheint heute eine Veröffentlichung, die hier für mehr Klarheit sorgen soll. Beunruhigend dabei: Es wird noch schneller warm als bisher vermutet, und zwar deshalb, weil die Wolkenbildung die Erderwärmung beschleunigt. Professor Mojib Latif ist Klimaforscher beim Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel. Guten Tag, Herr Latif!

Mojib Latif: Guten Tag!

Ehring: Ja, wie kommt das denn? Ist das für Laien erklärbar, dass die Wolkenbildung die Erderwärmung stärker beschleunigt?

Latif: Na ja, das ist ein bisschen missverständlich ausgedrückt. Es geht letzten Endes darum, dass sich weniger Wolken bilden und deswegen kann einfach die Sonne stärker scheinen, das heizt dann sozusagen die Erdatmosphäre noch weiter auf. Also was die Studie letzten Endes aussagt, ist, dass Wolken eben – aber das wussten wir eigentlich auch vorher schon – das Klima sehr stark beeinflussen, und abhängig davon, wie sich Wolken verhalten werden, vor allen Dingen auch, welche Wolken sich ändern und wie sie sich ändern, wird sich das Klima entweder stärker oder weniger stark erwärmen.

Ehring: Und das läuft jetzt auf eine stärkere Erwärmung hinaus?

Latif: Ja, das muss man mal abwarten, ob das wirklich so ist. Die Kollegen haben jetzt einen Prozess identifiziert, der in diese Richtung geht, aber ich bin da ein bisschen skeptisch. Ich sehe das Klima eben als Ganzes, das ist ziemlich kompliziert und da spielen viele Dinge mit rein, und deswegen glaube ich eigentlich nicht, dass ein einzelner Prozess jetzt sozusagen die ganze Entwicklung bestimmen wird.

Ehring: Die Folgen der Wolkenbildung sind ja bisher sehr unsicher – das heißt, es sind noch längst nicht alle Fragen beantwortet?

Latif: Ja, genau. Ich möchte das mal ganz kurz erklären, woran das eigentlich liegt: Wir rechnen ja die mathematischen Gleichungen, das sind ja die physikalischen Grundgesetze, mithilfe von Computern, und das macht man so, dass man die Erde mit einem Rechengitter überzieht, und die Stützstellen dieses Rechengitters, die liegen so ungefähr 100 Kilometer auseinander, und alles, was kleiner ist als diese 100 Kilometer, das fällt gewissermaßen durch die Maschen. Und Wolken, das wissen wir ja, sind ja oft kleiner, sodass wir da eine sogenannte Parametrisierung einführen müssen, das heißt, wir müssen die Wolken berücksichtigen, ohne sie jetzt tatsächlich im Detail simulieren zu können. Und dadurch kommen eben Fehler rein, und deswegen sind eben gerade die Wolken der große Unsicherheitsfaktor in den Klimamodellen.

Ehring: Der CO2-Gehalt der Atmosphäre hat sich schon stark erhöht. 280 ppm, also Teile pro Million Luftteile vor Beginn der Industrialisierung waren es, jetzt sind es 400. Wann ist denn mit einer Verdoppelung zu rechnen? Das ist ja die Maßeinheit für die Empfindlichkeit zum Klimawandel.

Latif: Ja, das ist natürlich schwer zu sagen, weil, das hängt davon ab, wie wir uns in der Zukunft verhalten werden. Also ich gehe davon aus, wenn weiterhin, wie es in den letzten Jahren der Fall gewesen ist, die Klimakonferenzen Jahr für Jahr immer wieder scheitern, dass wir, ja, so gegen Mitte des Jahrhunderts, so 2050, 2060 wahrscheinlich tatsächlich dann die CO2-Verdopplung in der Atmosphäre haben werden. Diese Zahlen, die Sie gerade genannt haben, 1,5 bis 4,0, vielleicht 4,5 Grad, die beziehen sich auf das Gleichgewicht, das heißt, diese Erwärmung wird nicht sofort erreicht in dem Moment, wo die CO2-Verdopplung tatsächlich realisiert worden ist, sondern erst Jahrzehnte, viele Jahrzehnte später, weil das Klima eben träge ist.

Ehring: Zwei Grad ist das Ziel der Staatengemeinschaft, höchstens zwei Grad Erdatmosphäre hinzunehmen. Ist das überhaupt noch realistisch?

Latif: Na ja, es ist zumindest noch möglich, und insofern sollte man jetzt die Hoffnung nicht aufgeben. Aber es wird natürlich mit jeder gescheiterten Klimakonferenz immer schwieriger. Jetzt geht man ja davon aus in der nationalen Politik, dass man im Jahr 2020 ein Abkommen in Kraft treten lassen möchte, aber wie das aussehen soll, ist immer noch völlig unsicher. Und insofern sehe ich es im Moment nicht. Aber ich persönlich setze auf die technologische Entwicklung, denn eigentlich ist es ja nur vernünftig, keine Kohle zu verbrennen, kein Öl zu verbrennen, sondern Sonne, Wind, Erdwärme, Wasserkraft, Gezeitenkraft und so weiter zu nutzen, und ich denke mal, da spielt die Zeit uns vielleicht auch ein bisschen irgendwo in die Hände, denn konventionelle Energie wird immer teurer werden und insofern wird der Druck auf die Erneuerbaren immer stärker werden. Das heißt also, auch die Wirtschaft wird das sehen, dass an den Erneuerbaren kein Weg vorbeiführt. Und deswegen glaube ich, ist das Unmögliche dann vielleicht doch noch im Bereich des Möglichen.

Ehring: Mojib Latif vom Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel. Herzlichen Dank!

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