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StartseiteForschung aktuellVersteckte Kohlenstoff-Speicher13.10.2015

KlimaforschungVersteckte Kohlenstoff-Speicher

Nicht alles, was wir an Kohlendioxid in die Luft blasen, bleibt auch dort: Rund die Hälfte verschwindet im Meer, in Wäldern, Savannen und Böden. Doch es muss noch mehr sogenannte CO2-Senken geben. Chinesische Forscher wollen jetzt eine gefunden haben - ausgerechnet in der Wüste.

Von Volker Mrasek

Die Sandwüste Taklamakan im Tarim-Becken in Nordwest-China. (Imago)
Die Sandwüste Taklamakan im Tarim-Becken in Nordwest-China. (Imago)
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Die Vegetation schluckt Kohlendioxid. Böden tun es auch. Doch irgendwo auf den Kontinenten muß noch mehr CO2 verschwinden. Das ist schon länger klar. Jetzt wollen chinesische Geoökologen eine dritte große Landsenke für das Treibhausgas aufgespürt haben - ausgerechnet in den Wüstenregionen der Erde.

Wo Kohlendioxid in diesen praktisch pflanzen-und humusfreien Einöden bleiben soll, kann man sich nur schwer vorstellen. Doch in Wüsten gibt es Oasen. Und auch dort werde Landwirtschaft betrieben, sagt Richard Houghton, Umweltwissenschaftler am Woods-Hole-Forschungszentrum in den USA und Ko-Autor der neuen Studie:

"Um dort Ackerpflanzen anzubauen, muss man allerdings bewässern. Und das im Übermaß! Nicht nur, um die Kulturen zu versorgen. Sondern auch, um das Salz aus den Böden zu spülen, das sich immer wieder anreichert, weil die Verdunstung in der Wüste so stark ist. Und mit diesem Wasser wird auch ständig Kohlenstoff in den Untergrund befördert."

Kohlendioxid in der Sackgasse

Die Forscher der chinesischen Akademie der Wissenschaften untersuchten das beispielhaft in der Sandwüste Taklamakan. Sie liegt im Tarim-Becken, einem Zentrum des Baumwoll-Anbaus, im äußersten Westen Chinas.

Im Untergrund gibt es dort saline Aquifere. Das sind Grundwasser-führende Sandstein-Schichten. Dort landet auch das Wasser aus dem Tarim und anderen Flüssen, mit dem die Landwirte ihre Baumwoll-Plantagen so üppig bewässern. Bei der Bodenpassage hat es nicht nur viel Salz aufgenommen, sondern auch viel Kohlenstoff. Denn in alkalischem Wasser löst sich mehr CO2, in Form von Karbonaten. So versickern letztlich große Mengen Kohlenstoff im Untergrund und verbleiben auch dort, wie die Forscher sagen. Sie sprechen von einem Kohlenstoff-Speicher, der "unter dem Wüstensand versteckt" sei:

"Statt sich in Pflanzen und Böden anzureichern, könnte ein Teil des Kohlendioxids in diese Salzlauge unter den Wüsten wandern. Es ist eine Sackgasse, aus der es nicht mehr rauskommt. In der Karbonat-Form bleibt das CO2 in diesen unterirdischen Ozeanen gefangen."

Überzeugende Studie, aber ...

Die Forscher haben auch die Versickerungsraten berechnet. Demnach verschwinden im chinesischen Tarim-Becken Jahr für Jahr fast vier Millionen Tonnen Kohlenstoff auf Nimmer Wiedersehen im Untergrund. In allen Wüstenregionen der Erde könnten es sogar 200 Millionen Tonnen sein, heißt es in der neuen Studie. Das wäre ein ganz schöner Batzen! Er entspräche immerhin zehn Prozent der CO2-Menge, die Wälder Jahr für Jahr wegbunkern von dem, was durch menschliche Aktivitäten zusätzlich zum natürlichen Ausstoß in die Atmosphäre gelangt.

Doch was halten Kenner des globalen Kohlenstoff-Kreislaufs von dieser Theorie? Pep Canadell ist Direktor des Global Carbon Projects mit Sitz im australischen Canberra:

"In jüngster Zeit hat sich tatsächlich die Idee entwickelt, es könnte eine größere Kohlenstoff-Senke in den Trockenregionen der Erde geben. Bestätigt wurde das aber noch nicht. Die Studie jetzt finde ich ziemlich überzeugend. Das sind gute Argumente für eine Kohlenstoff-Senke, die wir nicht auf der Rechnung hatten."

Zweifelhaft ist für Canadell dagegen, ob die CO2-Senke unter Wüsten tatsächlich so groß ist, wie die Studienautoren vermuten:

"Die Studie blickt auf eine bestimmte Wüstenregion in China, wo genügend Wasser vorhanden ist, um Felder zu bewässern. Es sind Abflüsse aus dem angrenzenden Hochgebirge. Das ist eher untypisch für ein Trockengebiet. Im Moment ist daher unklar, wo dieser Kohlenstoff-Transfer in die Tiefe überhaupt sonst noch abläuft."

Eine neu entdeckte Landsenke für CO2? Ja, es sieht ganz so aus! Aber auch eine, die groß genug ist, um die noch immer bestehende Lücke im Kohlenstoff-Kreislauf zu schließen? Das vermutlich nicht! Der Vorschlag Canadells: Weitere Arbeitsgruppen sollten das Ganze jetzt genauer untersuchen.

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