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StartseiteKultur heuteJuli Zeh: "Diese Wahl ist kontraproduktiv"14.01.2020

Klimahysterie ist "Unwort des Jahres 2019"Juli Zeh: "Diese Wahl ist kontraproduktiv"

Die Wahl des Kampfbegriffs "Klimahysterie" zum "Unwort des Jahres" hält die Schriftstellerin und Juristin Juli Zeh für eine vielleicht ungewollte, aber klare politische Positionierung. Die Jury stelle sich damit quasi auf eine Seite, sagte sie im Dlf.

Juli Zeh im Gespräch mit Jörg Biesler

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Die Schriftstellerin und Juristin Juli Zeh während der Frankfurter Buchmesse im Oktober 2018  (imago images | teutopress)
"Ich halte das eher für kontraproduktiv, auf diese Weise in eine Debatte einzugreifen", sagte Juli Zeh zum gewählten "Unwort des Jahres" (imago images | teutopress)
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Jörg Biesler: Es gibt aktuell ein ganzes Arsenal von Kampfbegriffen, die nicht der inhaltlichen Auseinandersetzung dienen, sondern der Polarisierung und dem Verächtlichmachen der jeweils anderen Seite der aufgeheizten Debatte. Einer davon wurde heute zum "Unwort des Jahres" gekürt. Die Jury um die Darmstädter Linguistin Nina Janich, zu der in diesem Jahr auch der Kabarettist Urban Priol gehört, wählte aus den Vorschlägen den Begriff "Klimahysterie", weil er, so die Begründung, pauschal das zunehmende Engagement für den Klimaschutz als eine Art kollektive Psychose pathologisiere. Viel Lob gab es für diese Wahl, zum Beispiel von Bundesumweltministerin Svenja Schulze. Ich habe vor der Sendung mit der Schriftstellerin und Juristin Juli Zeh gesprochen und sie zunächst gefragt, was sie eigentlich grundsätzlich von solchen Auszeichnungen hält.

Juli Zeh: Ich finde, das kommt immer ein bisschen darauf an. Es gibt so Jahre, wo ich denke, ja, da haben sie jetzt mal einen Begriff gefunden, da lohnt es sich, mit dem Finger draufzuzeigen. Aber es gibt auch Jahre – und dazu gehört auch das jetzige neue Unwort "Klimahysterie" -, wo ich sagen muss, da halte ich das eher für kontraproduktiv, auf diese Weise in eine Debatte einzugreifen.

Biesler: Warum?

Zeh: In diesem Jahr geht es ja um einen Diskurs, von dem ich den Eindruck habe, dass der sich in den letzten Monaten auf eine sehr starke Weise moralisch aufgeladen hat, und wenn wir jetzt das Wort "Klimahysterie" als Unwort klassifizieren, dann stellt man sich dadurch ja quasi auch auf eine Seite. Das ist ja nicht nur die Bewertung eines Wortes, sondern es ist ja auch die Bewertung einer Haltung in einer kontroversen und sehr, sehr aktuellen, politischen Diskussion, die sich um die Frage rankt, wie man denn jetzt konkret mit dem Klimawandel umzugehen hat. Und ich finde das einen doch sehr stark parteiergreifenden Zugriff auf dieses Wort.

Biesler: Man könnte die Wahl ja auch verstehen als einen Appell dafür, sich nicht hinter solchen Wörtern zu verstecken, die ja auch schon sehr stark eine Deutung mitbringen und nicht ganz neutral formuliert sind. Solche Wörter wie "Klimahysterie" sind ja jetzt tatsächlich von Menschen verwendet worden, die jetzt vielleicht auch nicht unbedingt an einer wissenschaftlichen Klärung des Phänomens interessiert waren.

"Man hätte vielleicht beide Seiten kritisieren müssen" 

Zeh: Ja, und ich bin auch gar nicht dafür, dass man diesen Begriff verwendet. Wenn man jetzt zwei Begriffe gewählt hätte und gesagt hätte, wir zeichnen sowohl "Klimahysterie", aber zum Beispiel auch den Begriff "Klimaleugner" - oder was wäre jetzt der Gegenbegriff? -, also wir zeichnen die beide als Unwörter aus, dann, finde ich, wäre es klar gewesen, dass eine sachliche Diskussionsebene gewahrt werden soll und dass man sich nicht gegenseitig bezeichnen soll als Hysteriker oder anders herum wieder als Spinner oder als Verschwörungstheoretiker. Das finde ich manchmal bedrohlicher als den Klimawandel selber, dass wir in einer Zeit, wo die Gesellschaft sich eh spaltet, jetzt dieses Umweltthema noch als einen weiteren Katalysator in diesem Spaltungsprozess haben. Und ich höre das gerade hier, wo ich wohne, auf dem Lande Tag für Tag, wie dieses Klimathema auch tatsächlich den Zuspruch für rechte Parteien erhöht und so, und das kommt natürlich auch aus dieser Polarisierung heraus, aus diesem etwas Moralgeschwängerten heraus. Deswegen, finde ich, hätte man vielleicht dann auch beide Seiten kritisieren müssen und nicht nur die eine.

Biesler: Ja, solche Begriffe gibt es sicherlich auf beiden Seiten. – Lassen Sie uns noch mal grundsätzlich fragen, wie eigentlich solche Wörter klingen, die dann zu Kampfbegriffen werden, und was die Kriterien möglicherweise dafür sind, dass sie eine solche Karriere machen.

Zeh: Ich glaube, es ist schon so, wie Sie angedeutet hatten, dass es Begriffe sind, die ein bisschen wie ein kleiner Deckel auf einem riesigen Fass wirken. Dahinter verstecken sich große Themen, große Gefühlslagen, komplexe Zusammenhänge, und die werden dann wie mit einem Etikett gekennzeichnet und jeder glaubt, er könne sich ganz genau etwas darunter vorstellen, eine bestimmte Sorte Mensch, eine bestimmte Sorte Haltung, und genau deswegen eignen die sich dann zum Kampfbegriff. Das sind dann auch Knüppel, die man sich im Diskurs gegenseitig auf den Kopf haut, und das, denke ich, ist dann auch das Ziel einer solchen Jury, diesen Deckel wieder zu öffnen und zu sagen, dann bitte gucken wir doch darunter, worum es geht, anstatt uns diesen Slogan gegenseitig um die Ohren zu schlagen. 

Biesler: Ich habe noch mal geschaut, wer den Begriff "Klimahysterie" in der letzten Zeit verwendet hat. Da kam die FPÖ vor, die österreichische Freiheitliche Partei, aber auch der Deutsche Städte- und Gemeindebund.

Zeh: Ja, das ist ein Wasser auf meiner kleinen Mühle zu sagen, dass es vielleicht nicht so schlau war, diesen Begriff auf diese Weise und auch so einseitig jetzt zum Unwort zu küren. Jemand, der diesen Begriff verwendet, soll jetzt natürlich, denke ich mal aus Sicht der Jury, jemand sein, der seinerseits ein Klimaleugner ist und all diejenigen, die jetzt was für Umweltschutz tun, dann als Hysteriker bezeichnet. So ein Hin und Her steckt hinter dem Begriff. Aber das stimmt ja nicht ganz. Mit diesem Vorwurf des Hysterikers wenden sich ja auch Leute gegen eine stark aufgeheizte Klimadebatte, in der man zurzeit ja auch wirklich häufig das Gefühl hat, es werden jetzt sehr aktionistische Programme in sehr hohem Tempo beschlossen, wo man zurecht fragen kann, wie sachlich sinnvoll sind die denn überhaupt. Das sind ja auch alles ganz berechtigte Anliegen von Menschen, die kritisch dem Klimadiskurs gegenüberstehen, egal ob sie jetzt das Wort "Hysterie" oder nicht verwenden, und die werden da alle ein bisschen mit in diesen Topf hineingeworfen, und das gefällt mir da nicht so dran.

"Das ist eine klare politische Positionierung"

Biesler: Das führt uns aber eigentlich jetzt zu dem Thema, ob es überhaupt in diesen Zeiten noch sinnvoll ist, ein solches Wort zu wählen, oder man nicht vielleicht eher Methoden, Vorgehensweisen bei der Konstruktion solcher Wörter ins Schlaglicht rückt, um darauf aufmerksam zu machen.

Zeh: Das fände ich das eigentlich entscheidende Anliegen und ich glaube ja auch, der Jury nur Gutes unterstellend, dass das das Anliegen ist. Die Frage ist nur, ob das funktioniert. Es darf ja nicht zu kompliziert sein. Man kann jetzt nicht sagen, wir küren irgendwie die "Unmedienstrategie des Jahres". Das ist ja dann auch nicht mehr vermittelbar. Ein so’n Schlagwort, das kann man über einen Presseticker schicken und das funktioniert. Je komplexer der Zusammenhang, desto schwerer vermittelbar. Aber vielleicht wäre schon das Anliegen zu sagen, wir versuchen, eher zwei polarisierende Begriffe zu benutzen. Vielleicht wäre es wenigstens eine Schicht mehr, als sich durch die Wahl eines solchen Wortes tatsächlich auch politisch zu positionieren, weil das ist jetzt passiert. Ob die das wollten oder nicht, das ist eine klare politische Positionierung.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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