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StartseiteUmwelt und Verbraucher"Die Coronakrise ist eigentlich Kindergarten"19.03.2021

Klimakrise"Die Coronakrise ist eigentlich Kindergarten"

Für die Erreichung der Klimaziele des Pariser Abkommens laufe die Zeit davon, sagte Energieforscher Volker Quaschning im Dlf. Dabei zeige die momentane Coronakrise, dass man die Fehler der Pandemie in der Klimakrise nicht wiederholen dürfe. Die Auswirkungen der Klimakrise seien viel dramatischer.

Volker Quaschning im Gespräch mit Georg Ehring

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Autos fahren auf der Autobahn A3 neben der Hochgeschwindigkeitstrasse der Bahn, auf der ein ICE fährt (Imago/R. Schmiegelt)
Deutschland hat wegen der Coronakrise sein eigentlich bereits aufgegebenes Klimaziel für 2020 doch noch geschafft. (Imago/R. Schmiegelt)
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Dossier: Klimakrise (Sean Gallup / Getty Images)Dossier: Klimakrise (Sean Gallup / Getty Images)
Laut Volker Quaschning, Professor für regenerative Energiesysteme an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin, wird die Zeit extrem knapp, um die Ziele des Pariser Klimaschutzabkommens noch zu erreichen. Er verwies dabei auch auf die derzeitigen Probleme der Coronakrise, man sei schlecht auf eine Pandemie vorbereitet gewesen. "Diese Fehler, die wir jetzt in der Coronakrise gemacht haben, die sollten wir in der Klimakrise nicht wiederholen", sagte er im Dlf. 

Das Interview in voller Länge:

Ehring: Herr Quaschning, wann muss der Kohleausstieg abgeschlossen sein, wenn Deutschland seinen Beitrag zur Einhaltung der Klimaziele leisten will?

Volker Quaschning: Ja, da sollten wir uns eher an anderen europäischen Ländern orientieren. Ungarn ist beispielsweise im Jahr 2025 dabei, aus der Kohle auszusteigen. Österreich ist schon aus der Kohle raus, andere Länder auch.

Deutschland ist mit dem Jahr 2038 so im hintersten Mittelfeld der Europäischen Union und wir wissen, wenn wir wirklich die erneuerbaren Energien, die Solar- und Windenergie in dem Tempo ausbauen, was wir für das Pariser Klimaschutzabkommen brauchen, dass wir aus wirtschaftlichen Gründen sowieso nicht über das Jahr 2030 hinaus Kohlekraftwerke betreiben können. Dann sollte man auch ehrlich zu den Kohlekumpels sein und sagen, spätestens im Jahr 2030 ist Schluss.

Ein Auto fährt vor der Kulisse des Braunkohlekraftwerks Niederaußem auf einer Landstraße (picture alliance/Federico Gambarini/dpa) (picture alliance/Federico Gambarini/dpa)Wie der Kohleausstieg gelingen soll
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"Das Ausbautempo für Solar- und Windenergie ist viel zu langsam"

Ehring: Aber das würde konkret heißen, wir müssen die Erneuerbaren ganz schnell ausbauen und uns ganz viel einfallen lassen, damit die auch ein stabiles Energiesystem darstellen können?

Quaschning: Ja, selbstverständlich! Erneuerbare Energien haben im letzten Jahr nur knapp 50 Prozent des Strombedarfs gedeckt. Wir haben auch noch andere Verbrauche, Wärme und Verkehr. Und wenn wir natürlich was abschalten wollen, brauchen wir etwas anderes, was es ersetzen kann. Und natürlich müssen wir das Ausbautempo für Solar- und Windenergie, was viel zu langsam ist, deutlich steigern. Und natürlich schwanken auch Sonne und Wind, das wird immer kritisiert und als Angstargument aufgebracht.

Als Ingenieur kann man da nur sagen, natürlich ist das eine Schwankung. Wir haben die Lösung dafür; das sind Speicher. Die muss man natürlich zeitgleich mit den erneuerbaren Energien, der Solar- und der Windenergie, dann auch aufbauen.

Ehring: Inwiefern brauchen wir Gas als Brückentechnologie?

Quaschning: Da muss man sehr differenziert sich das anschauen. Wir wissen, dass wir eigentlich in 15 Jahren klimaneutral sein müssen, wenn wir das Pariser Klimaschutzabkommen einhalten wollen. Ich habe ein bisschen Sorge, die großen Energiekonzerne und die Politik setzen massiv auf Gas, derzeit auf fossiles Erdgas. Das Erdgas ist eigentlich unwesentlich besser als die Kohle, weil wir haben zwar weniger CO2-Emissionen bei der Verbrennung von Erdgas, aber bei der Förderung von Erdgas entstehen sehr, sehr viele Methan-Leckagen, die einen gravierenden Treibhauseffekt haben, und es gibt Untersuchungen auch zum Beispiel mit Fracking-Gas in den USA, dass es da vollkommen egal ist, ob ich Gas oder Kohle verbrenne. Das muss man erst mal ganz klar sagen.

Klimaaktivistin Luisa Neubauer von Fridays for Future spricht bei der Demonstration (picture alliance/dpa/Kay Nietfeld) (picture alliance/dpa/Kay Nietfeld)"Die deutschen Klimaziele sind nicht mit dem Pariser Abkommen vereinbar"
Dass Deutschland seine Klimaziele erreicht hat, sei kein Erfolg, sagte die Klimaaktivistin Luisa Neubauer im Dlf. Die Ziele seien zu niedrig und zudem vor allem durch Auswirkungen der Pandemie erreicht worden. 

Wir brauchen natürlich auch einen Ausstiegsplan gleich für das Erdgas, und zwar innerhalb der nächsten 15 Jahre, und den gibt es in der Politik nicht. Man verspricht, dass irgendwann mal grüner Wasserstoff kommt. Der ist aber sehr teuer, sehr ineffizient herzustellen, und dieses Versprechen wird nicht aufgehen. Deswegen habe ich da sehr, sehr große Sorge, dass man jetzt schon wieder auf das falsche Pferd setzt.

Ehring: Ein großer Teil unseres CO2-Ausstoßes geht auf die Mobilität zurück. Ist das Elektroauto das Allheilmittel?

Quaschning: Wir wissen, wenn wir den deutschen "Automobilwahn" auf den Rest der Welt übertragen wollen, dann brauchen wir noch mal drei Milliarden zusätzliche Autos. Wir haben in Deutschland etwa 47 Millionen Autos auf 83 Millionen Einwohner. Das können wir im Rest der Welt nicht genauso machen. Deswegen brauchen wir ein Verkehrskonzept, das mit viel, viel weniger Autos auskommt. Das heißt, wir brauchen mehr öffentlichen Verkehr, wir brauchen mehr Fahrräder.

Aber es ist auch ganz klar: In 15 Jahren werden wir auch nicht ohne Autos auskommen. Dann können wir ganz klar sagen, die Autos, die dann noch auf der Straße unterwegs sind, das müssen Elektroautos sein. Wir müssen da aber auch schauen, dass bei der Herstellung erneuerbare Energien verwendet werden, und der Strom für die Elektroautos, der muss dann auch erneuerbar sein. Das heißt, wenn wir nicht gleichzeitig Sonne und Wind ausbauen und die Elektroautos mit Kohlekraftwerken betreiben, dann haben wir am Ende nicht viel gewonnen.

"Sofort dafür sorgen, dass keine neuen Öl- und Gasheizungen mehr eingebaut werden"

Ehring: Das heißt, ein Ende des Verbrenner-Neubaus Mitte des nächsten Jahrzehnts, wie es Verkehrsminister Andreas Scheuer vorschwebt, wäre nicht konform mit dem Pariser Abkommen?

Quaschning: Definitiv nein! Wir wissen, dass Verbrennerautos relativ lange halten. VW baut in diesem Fall leider sehr gute Autos, die über 20 Jahre dann auf diesem Planeten herumfahren. Wenn wir im Jahr 2035 dann immer noch Verbrenner auf die Straße bringen, dann sind wir noch mal 20 Jahre länger unterwegs, und das ist eigentlich viel zu spät.

Wir würden dann noch zu einem Zeitpunkt auf dem Planeten herumfahren, wo wir schon lange weltweit klimaneutral sein müssten. Deswegen brauchen wir eigentlich möglichst einen sofortigen Stopp der Produktion von Benzin- und Dieselmotoren.

Ehring: Kommen wir zum Thema Gebäudesanierung. Wie stark müssen wir die beschleunigen und wie sollen wir dann heizen, meinetwegen in einem mittelmäßig gedämmten Haus, wenn wir dann auch kein Gas mehr verwenden sollen?

Quaschning: Auch hier warnen wir schon seit Jahrzehnten, dass wir eigentlich die energetische Sanierungsrate der Gebäude deutlich nach oben treiben müssen. Dann haben wir hier wirklich eine Diskussion, die wir seit vielen Jahren führen. Jetzt muss man schauen: Die Zeit ist mittlerweile knapp. Das heißt, Gebäude zu sanieren, energetisch zu sanieren, ist relativ aufwendig, und wir werden in 15 Jahren sicherlich nicht alle Gebäude mehr anfassen können. Das heißt, wir müssen versuchen, hier ein bisschen Schadensbegrenzung zu machen, natürlich noch mal schauen, was geht.

Während der ersten Coronawelle blieben, wie hier, am Münchner Flughafen Franz Josef Strauß, die Flugzeuge am Boden (icture alliance/augenklick/Stefan Matzke / sampics) (icture alliance/augenklick/Stefan Matzke / sampics)CO2-Rückgang - "Der Klima-Effekt ist erstaunlich gering"
Die Coronakrise hat weltweit zu einem Rückgang der CO2-Emissionen um fast neun Prozent geführt. Das sei zwar bemerkenswert, aber immer noch zu wenig, sagte Wissenschaftler Hans-Joachim Schellnhuber im Dlf.

Wir müssen auch die Neubaustandards verbessern. Dann müssen wir schauen: Die Öl- und die Gasheizung sind auch fossile Heizungen, mit denen wir nicht weiterkommen. Wir setzen dann in den Szenarien ganz klar auf die elektrische Wärmepumpe als Alternativheizung. Die elektrische Wärmepumpe ist deutlich effizienter. Das heißt, hier können wir aus Strom dann Wärme erzeugen, aber dann die Umgebungswärme noch mitnutzen. Das klappt technisch nicht bei allen Häusern, aber bei einem Großteil der Häuser kann man das so machen.

Deswegen müsste hier auch die Politik die Weichen ganz klar stellen und sagen, wir müssen möglichst sofort dafür sorgen, dass keine neuen Öl- und Gasheizungen mehr eingebaut werden. Auch diese leben ja 20 oder 30 Jahre und verursachen irgendwann unlösbare Probleme.

"Wir müssen mit weniger Fleisch auskommen"

Ehring: Müssen wir alle Veganerinnen und Veganer werden?

Quaschning: Auch das ist eine spannende Frage. Wir haben ja gerade vor ein oder zwei Jahren, als wir die großen Waldbrände in Brasilien hatten, sehr betroffen dort hingeschaut und gefordert, dass Brasilien die Regenwälder schützt. Wir sind allerdings ein Teil des Problems, weil natürlich auch in Brasilien Wälder gerodet werden, um Futter für Tiere anzubauen.

Das heißt, gerade die Viehfutter-Produktion ist ein großes Problem generell auch für die Flächen, auch generell für das Artensterben dieses Planeten und am Ende natürlich auch für den Treibhauseffekt. Gerade Rinder verursachen große Mengen an Methan und deswegen müssen wir uns Gedanken machen, dass wir bei einer steigenden Weltbevölkerung insgesamt mit weniger Fleisch auskommen.

Das wird am Ende nur gelingen, wenn wir auch den Pro-Kopf-Fleischbedarf in Deutschland, der ja auch über dem Weltdurchschnitt liegt, deutlich reduzieren. Da gibt es aber mittlerweile hervorragende Alternativen, aber auf die muss man sich einlassen möchten.

Wurst in Verpackungen in einem Kühlregal (picture alliance/dpa/Jens Kalaene) (picture alliance/dpa/Jens Kalaene)Tierische Produkte verursachen 68 mal so viel CO2 wie pflanzliche
Über die Besteuerung von klimaschädlichen Lebensmitteln solle man Verbraucher dazu animieren, klimafreundlicher einzukaufen, schlägt Maximilian Pieper von der TU Münche vor.

Ehring: Das sind ja ganz grundlegende Umstellungen, die Sie fordern. Haben wir als Ausweg aus der Coronakrise aktuell nicht Wichtigeres zu tun?

Quaschning: Die Coronakrise ist ja eigentlich Kindergarten, wenn wir uns überlegen, was aus der Klimakrise auf uns zukommt. Das heißt, wenn wir das nicht stoppen und Business as usual machen, werden die Temperaturen gegen Ende des Jahrhunderts um drei, vier oder gar fünf Grad Celsius ansteigen. Das ist der Weltdurchschnitt.

Wir in Deutschland erwarten über Land noch deutlich höhere Anstiege. Das heißt, dann können es auch mal sechs oder acht Grad werden. In der Folge können wir früher oder später in größeren Bereichen Deutschlands die Landwirtschaft vergessen. Wir verlieren den Wald, früher oder später auch die Küstenstädte.

Und wenn wir sehen, was weltweit auf uns zurollt, ist am Ende dann sogar – das zeigen einige wissenschaftliche Studien – die Zerstörung der menschlichen Zivilisation wirklich realistisch.

Wenn man einfach dieses Schadenspotenzial sich anguckt, dann sagt man, Corona ist eine Krise, ja, aber aus der sollten wir lernen. Wir sehen, dass wir sehr, sehr schlecht durch die Coronakrise kommen, weil wir einfach nicht gut vorbereitet sind, immer nur auf Sicht fahren und die Probleme nicht langfristig angehen. Diese Fehler, die wir jetzt in der Coronakrise gemacht haben, die sollten wir in der Klimakrise nicht wiederholen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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