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StartseiteDeutschland heuteAktivisten legen Berliner Verkehr lahm07.10.2019

KlimaprotestAktivisten legen Berliner Verkehr lahm

Klimaaktivisten von Extinction Rebellion haben am Montag den Berliner Verkehr lahm gelegt. Etwa 1.000 Demonstranten blockierten im morgendlichen Berufsverkehr den Großen Stern, einen der Verkehrsknotenpunkte der Hauptstadt, um Aufmerksamkeit für mögliche Folgen des Klimawandels zu schaffen.

Von Anja Nehls

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Aktivisten der Umweltschutzgruppe Extinction Rebellion starten eine Protestaktion für mehr Klimaschutz. Hunderte Anhänger besetzen kurz vor Beginn des Berufsverkehrs den Großen Stern, einen der großen Verkehrsknotenpunkte der Hauptstadt. Berlin, 07.10.2019 | Verwendung weltweit (picture alliance / dpa / Ben Kriemann/Geisler-Fotopress)
Protest im morgendlichen Berufsverkehr - Umweltschutz-Aktivisten auf dem Großen Stern in Berlin (picture alliance / dpa / Ben Kriemann/Geisler-Fotopress)
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Mit Musik, Campingstühlen, Schlafsäcken und Isomatten mitten auf der Straße blockieren Aktivisten von Extinction Rebellion seit Montagmorgen den Großen Stern rund um die Siegessäule in Berlin. Dabei sind Menschen aller Altersklassen und aller sozialen Schichten.

Auf dem Platz vor der Siegessäule haben die Aktivisten einen Bootsrumpf aus Holz nachgebaut, um auf die drohende Katastrophe biblischen Ausmaßes aufmerksam zu machen. Das Boot sollte eigentlich auf der Straße errichtet werden, aber die Polizei war dagegen, und die Demonstranten haben dann entschieden, den Vorschlag der Polizei anzunehmen und das Boot stattdessen im Fußgängerbereich zu errichten.

Kritik am "Klima-Päckchen" der Bundesregierung

Dennoch ist der Platz rund um die Siegessäule für den Verkehr gesperrt und die Aktivisten haben angekündigt auch noch mindestens eine Woche zu bleiben. Auch Carola Rackete, die Kapitänin des Flüchtlingsschiffs "Sea Watch 3", hat sich heute in Berlin in den Dienst der Sache gestellt:

"Ich war 2011 das erst Mal am Nordpol auf dem Forschungseisbrecher Polarstern und habe da gesehen, wie katastrophal die Auswirkungen sind. Diese Art der Klimaerwärmung bedeutet wirklich, dass die Menschheit auf eine existenzielle Krise zusteuert und dem müssen wir uns als Zivilgesellschaft jetzt deutlich entgegenstellen."

Protestbewegung Extinction Rebellion campiert mit Zelten vor Bundeskanzleramt bei Regen in Berlin am 08.10.19. Schriftzug: Was wir tun, war noch nie so wichtig! | Verwendung weltweit (picture alliance / dpa / Andreas Gora)Zeltlager der Protestierende vor dem Kanzleramt (picture alliance / dpa / Andreas Gora)

Extinction Rebellion fordert deshalb, dass die Bundesregierung den Klimanotstand ausruft und die Treibhausgasemissionen bis 2025 auf Null senkt. Außerdem sollen die Linke in den Landesregierungen mit ihrer Beteiligung, etwa in Berlin, Vorzeigemodelle für den Klimaschutz erarbeiten – als Gegenstück zum "Klima-Päckchen", das die Bundesregierung geschnürt habe.

Darum geht es zur Zeit auch am Potsdamer Platz. Auch hier gibt es keine Autos auf der Straße, stattdessen ganze Couchgarnituren nebst Zimmerpflanzen. In dieser Wohnzimmeratmosphäre wollen die Aktivisten mit allen anderen Menschen in Berlin Gespräch kommen über den Klimawandel.

"Also ich finde, das passt gerade richtig gut, heute morgen ging durch die Nachrichten, dass das Klimapäckchen noch weiter schrumpfen soll, richtig gutes Timing würde ich sagen, wir werden es denen mal zeigen heut, was wir davon halten."

Radikal und trotzdem gewaltfrei

Das bedeutet, dass die Aktivisten von Extinction Rebellion radikaler vorgehen wollen als die Demonstranten von Fridays for Future. Das selbstauferlegte Motto lautet allerdings: Lasst uns nett und liebevoll zueinander sein und zu allen anderen auch. Hoffnung und Positivität bewahren, Herzen gewinnen – erklärt Max Knospe, der sich Extinction Rebellion angeschlossen hat:

"Wir sind auf jeden Fall eine gewaltfreie Bewegung, also gewaltfrei in Wort und Tat. Die Fridays for Future sind super, nur wir haben den Eindruck, dass die von der Politik nicht ganz ernst genommen werden, das ist sehr schade. Dafür müssen wir dann halt einen Schritt weitergehen und auch durch Störungen der öffentlichen Ordnung unterstreichen, dass das ein sehr ernstes Thema ist und dass die Dramatik der Klimakrise eben eine entsprechende Form findet, das Infrastruktur blockiert wird, Straßen besetzt werden, öffentliche Einrichtungen, auch wirtschaftliche Einrichtungen und das ist für uns die logische Konsequenz um effektiv und wirkungsvoll gegen das Aussterben aufzustehen."

Policemen arrest climate activists of Extincion Rebellion during a street blockade at Potsdamer Platz in Berlin, Germany on October 7, 2019. The group announced starting from today several actions of civil disobedience in Berlin and several cities worldwide. (Photo by Emmanuele Contini/NurPhoto) | Keine Weitergabe an Wiederverkäufer. (picture alliance / dpa / NurPhoto / Emmanuele Contini)Manche Demonstrierenden wurden von der Polizei weggetragen (picture alliance / dpa / NurPhoto / Emmanuele Contini)

Und dabei sei man durchaus auch bereit, sich von der Polizei festnehmen zu lassen. Dazu ist es aber bisher in Berlin nicht gekommen.

Berlins Innensenator Andreas Geisel hat ein Vorgehen "mit Augenmaß" angekündigt  Man werde sich die Versammlungen anschauen und einige auch eine Weile gewähren lassen, weil Blockaden und ähnliche Veranstaltungen durchaus als spontane Demonstrationen gewertet werden können, die nach Demonstrationsrecht zulässig seien.

Regierung distanziert sich von Straßenblockaden

Energischer wolle man nur vorgehen, wenn Gewalt angewendet werde oder kritische Infrastrukturen wie der Flughafen betroffen seien. Kanzleramtschef Helge Braun hat die Blockadeaktionen von Extinction Rebellion im ZDF-Morgenmagazin kritisiert:

"Das Anliegen des Klimaschutzes, das teilen wir alle und die Klimaziele von Paris, die sind unser Maßstab dabei und wenn man dagegen demonstriert oder dafür dann ist das in Ordnung. Aber wenn man gefährliche Eingriffe in den Straßenverkehr ankündigt, das geht natürlich gar nicht."

07.10.2019,Berlin: Die Aktivisten der "Red Rebel Brigade" kommen zu einer Performance an die Blockade der Extinction Rebellion am Grossen Stern. Mit den weltweit stattfindenden Aktionen wollen die Aktivisten die Regierungen zu Veraenderungen im Klimaschutz bewegen. | Verwendung weltweit (picture alliance / dpa / Wolfram Kastl)Die "Red Rebel Brigade" weist in expressiven Kostümen auf die Gefahren des Klimawandels hin (picture alliance / dpa / Wolfram Kastl)

Extinction Rebellion – übersetzt etwa "Rebellion gegen das Aussterben" – ist eine internationale Bewegung, die ihren Ursprung in London hat und die nach eigenen Angaben mit zivilem Widerstand die Regierungen dazu drängen will, den ökologischen Notstand zu erklären. Nicht nur in Berlin, sondern auch in 60 anderen Städten weltweit sollen heute vor allem Straßen blockiert werden.

In Paris wurde zum Beispiel am Wochenende ein Einkaufszentrum besetzt, das geräumt werden musste. In London wurde am Donnerstag das Finanzministerium mit Kunstblut besprüht und acht Aktivisten festgenommen.

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