Mittwoch, 28. September 2022

Kommentar: „Letzte Generation“
Ein Weckruf für die Kulturindustrie

Klimaaktivisten haben sich in mehreren Städten an historische Gemälde festgeklebt. Dass der Klimaprotest die Häuser der Kultur erreicht hat, sollte sie zum Handeln antreiben, kommentiert Maja Ellmenreich. Denn Kulturinstitutionen sind nicht selten Energiefresser.

Ein Kommentar von Maja Ellmenreich | 26.08.2022

Dresden: Zwei Umweltaktivisten der Gruppe "Letzte Generation" stehen in der Gemäldegalerie Alte Meister an dem Gemälde "Sixtinische Madonna" von Raffael.
Dresden: Zwei Umweltaktivisten der Gruppe "Letzte Generation" stehen in der Gemäldegalerie Alte Meister an dem Gemälde "Sixtinische Madonna" von Raffael. (Sebastian Kahnert / dpa / Sebastian Kahnert)
Ein kleiner Tropfen Klebstoff auf einem Originalgemälde von Lucas Cranach oder Raffael? Allein die Vorstellung daran lässt Kunsthistorikerinnen und Restauratoren, Museumsdirektorinnen und Ausstellungsbesucher erschauern. Nicht ohne Grund schließlich werden diese Meisterwerke in Watte gepackt – nur mit den sprichwörtlichen Samthandschuhen angefasst, streng bewacht und unter idealen Klimabedingungen aufbewahrt.

Dass die Aktivistinnen und Aktivisten der Gruppe „Letzte Generation“ nun ausgerechnet diesen Kulturschätzen gefährlich nahe kommen - das ist genau das: brandgefährlich nämlich – für die Kunst. Und in der Logik der „Letzten Generation“ ist es folgerichtig und durchaus verständlich. Denn die Mitglieder der Protestgruppe stellen sich ja offensichtlich die Frage: Wie können wir die, die nicht alles tun, um dem Klimawandel wenigstens noch ein wenig Einhalt zu gebieten, obwohl sie in der Lage dazu wären – wie können wir die treffen, berühren, erreichen? Was ist den Entscheidungsträgern, was ist dem Establishment lieb und teuer? Erst war es die freie Fahrt der Autonutzer, die in ihren klimatisierten Karossen nicht mehr von der Stelle kamen, weil sich die Protestler auf der Straße festklebten. Jetzt wird die Bühne der Hochkultur genutzt, um in einem Sommer, in dem die Wälder brennen und die Ernte vertrocknet, auf diese Verzweiflung aufmerksam zu machen.

Kulturinstitutionen sind nicht selten Energiefresser


Und Aufmerksamkeit ist der „Letzten Generation“ sicher. Die Bilder von den attackierten Bildern, von den Händen an den Rahmen machen schnell die Runde, und die Museen erhöhen ihre Sicherheitsmaßnahmen. Nachvollziehbar, diese Sorge der Kultur. Um den Klimaschutz kümmert sie sich – höchste Zeit war es ja - mittlerweile auch, denn Kulturinstitutionen sind nicht selten Energiefresser: helles Licht, große Säle, viele Flüge, gewaltige Klimaanlagen. Dass nun der Klimaprotest die Häuser der Kultur erreicht hat, sollte ihnen ein erneuter Weckruf sein und sie zum Handeln antreiben.
Der Deutsche Kulturrat, der Spitzenverband der deutschen Kulturverbände, übrigens meldet sich mit erhobenem Zeigefinger zu Wort: Weltkulturerbe gehöre ebenso geschützt wie unser Klima, heißt es in einer Pressemitteilung.
Ganz genau! Doch während die Werke alter Meister in Zukunft wohl noch öfter hinter Panzerglas gesichert werden und Alarmanlagen schrillen, wenn man ihnen zu nahe kommt, gibt es für das Klima weder dicke Museumsmauern noch sichere Vitrinen, und das Wachpersonal scheint auch immer wieder einzunicken.