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StartseiteKommentare und Themen der WocheDie Politik muss die Menschen ernst nehmen20.09.2019

KlimaprotesteDie Politik muss die Menschen ernst nehmen

Die Protestbewegung für den Klimaschutz droht radikaler zu werden, wenn die Bundesregierung ihr jetzt vorgestelltes Klimaschutzpaket nicht nachbessert, kommentiert Axel Schröder. Die Politik täte gut daran, die junge Bewegung nicht zu unterschätzen.

Von Axel Schröder

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Demonstranten stehen vor dem Brandenburger Tor und halten Schilder in die Luft. (dpa / Tom Weller)
Längst demonstrieren nicht mehr nur die Schülerinnen und Schüler, sondern ebenso ihre Eltern und Großeltern (dpa / Tom Weller)
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Wer gedacht hat, die "Fridays for Future"-Bewegung könnte über die Sommerferien ihre Ziele vergessen und langsam verebben, der hat seit heute Gewissheit, dass das Gegenteil der Fall ist. Über eine Million Menschen waren allein in Deutschland auf den Straßen, um den Druck auf die Politik zu erhöhen. Und wer sich genauer mit dieser jungen Bewegung auseinandersetzt, war heute nicht überrascht.

Sicher: Viele Schülerinnen und Schüler, die in vergangenen Monaten freitags den Unterricht bestreikten, tun dies, weil natürlich alles besser ist als etwas über Geometrie, Reimschemata oder das Periodensystem zu lernen. Der überwiegende Teil der Schülerschaft geht aber deshalb auf die Straße, weil sie sehr wach die immer noch hilflosen bis unmotivierten Versuche der Politik, das Klima zu schützen, registrieren. Und sie haben eine einfache Forderung: Haltet ihr Euch an die geschlossenen Verträge, also das Pariser Klimaschutzabkommen, dann halten wir uns auch freitags wieder an die Schulpflicht.

Das Volk will seinen Beitrag leisten

Das Problem: Die Politik tut den Protest immer noch ab als etwas kindisch, als wenig realistisch. Aber könnte es nicht sein, dass die Politik, aus lauter Rücksicht auf Partikularinteressen, auf ihre Wählerschaft, die mit dem Klimawandel einhergehende Krise nicht realistisch einschätzt? Jüngste Umfragen deuten darauf hin, dass die Politik sogar die Bereitschaft der Menschen unterschätzt, sich umzustellen und einen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten.

Bezeichnend sind dann Situationen, in denen Vertreterinnen von "Fridays for Future" ins Hamburger Rathaus eingeladen werden, um auch mal die Argumente dieser jungen Leute anzuhören. Um dann regelrecht vorgeführt zu werden von den sehr gut vorbereiteten Aktivistinnen, die nur schwer zugänglich sind für die typischen Beruhigungsfloskeln von Politprofis. 

Nicht mehr nur Schüler

Die Bundesregierung und die Landesregierungen täten gut daran, die junge Bewegung nicht zu unterschätzen. Erstens, weil mehr Klimaschutz nötig ist als im heute vorgestellten Klimapaket. Zweitens: weil es längst nicht nur die Schüler sind, die auf die Straße gehen, sondern ebenso ihre Eltern und Großeltern. Unterstützung kommt auch von den Scientists for Future. Drittens: weil es neben den in ihren Mitteln so moderaten "Fridays for Future"-Aktivistinnen mittlerweile auch andere, radikalere Gruppen gibt.

Die Mitglieder von "Extinction Rebellion" gehen zwar bei ihren Aktionen strikt gewaltfrei vor, blockieren aber beispielsweise auch Straßen und bereiten Autofahrern damit schon wesentlich mehr Ärger. Es ist also zu hoffen, dass die Bundesregierung in den nächsten Wochen ihr Klimapaket nachbessert. Bleibt es bei der jetzigen Simulation von Klimaschutz, wird die Klimaschutzbewegung nicht kleiner, sondern noch erheblich wachsen und, auch das ist zu befürchten, radikaler.

Axel Schröder (©Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Axel Schröder (©Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Axel Schröder, geboren 1971 in Uelzen / Niedersachsen, hat in Göttingen und Berlin Soziologie, Politik, Jura und Publizistik studiert. Nach Stationen bei der "taz" und dem "Freitag" arbeitet er seit 2003 als freier Hörfunkjournalist. Seit vier Jahren berichtet er als Landeskorrespondent von Deutschlandradio aus Hamburg.

 

 

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