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StartseiteKommentare und Themen der WocheDie Gretas werden weiter gebraucht22.12.2019

Klimaschutz 2019Die Gretas werden weiter gebraucht

Die Fridays-for-Future-Bewegung, die Hitzesommer und die Wahlerfolge der Grünen hätten erst uns als Gesellschaft und dann auch die Bundesregierung wachgerüttelt, kommentiert Barbara Schmidt-Mattern im Dlf. Im Jahr 2020 könne diese nun vieles besser machen - etwa endlich den Kohleausstieg beschließen.

Von Barbara Schmidt-Mattern

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Die schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg beim Schulstreik vor dem Parlament in Stockholm, aufgenommen am 20. Dezember 2019 (imago images/TT)
Die schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg: Sie steht für eine wichtige gesellschaftliche Debatte (imago images/TT)
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Jede Bewegung hat ihr Gesicht: Wo immer es um Fragen der Gerechtigkeit, der Humanität oder des menschlichen Miteinanders geht, braucht es offenbar eine Stimme und einen Namen. Was Martin Luther King für die Afroamerikaner und Alice Schwarzer für die Frauen geleistet haben, das hat in diesem zu Ende gehenden Jahr Greta Thunberg für den Klimaschutz erreicht: Ihr Name steht für eine weltweite Jugendbewegung, die jede Woche für die Erhaltung des Planeten auf die Straße geht, unterstützt von der gesamten seriösen Wissenschaft.

Endlich ist die Debatte dort angekommen, wo sie hingehört: ins heimische Wohnzimmer, an den Stammtisch, in den Ortsverein. Welten und Generationen prallen da aufeinander. Hier unser Lebensstil – liebgewordene Gewohnheiten, Bequemlichkeiten, grassierender Konsum – dort eine überwiegend junge Generation, die um ihre Zukunft kämpft.

Rechte Rattenfänger wittern ihre Chance

Jeder Lebensbereich wird betroffen sein: Unsere Arbeitswelt, unsere Städte und Wohnungen, unsere Fortbewegung, unsere Essgewohnheiten werden sich in den kommenden Jahrzehnten fundamental verändern.

Kohlekraftwerk Niederaußem mit Windpark  (Imago / CHROMORANGE) (Imago / CHROMORANGE)25. Klimakonferenz - Die Zeit für den Kampf gegen Erdüberhitzung verfliegt 
Von den USA, Brasilien oder Russland wird kein Beitrag zur Erreichung der Klimaziele erwartet auf der 25. Weltklimakonferenz. Immerhin zeigt China wachsenden Ehrgeiz, den CO2-Ausstoß zu mindern. Was also technisch noch möglich wäre – den Klimawandel zu bremsen – bleibt politisch fraglich.

So viel Veränderung löst bei manchen Angst, auch Ablehnung aus, andere sehen darin neue Chancen. In beiden Lagern verläuft die Debatte jedenfalls hoch emotional. Manche Wissenschaftler vergleichen die Herausforderungen des Klimawandels schon jetzt mit dem Fall der Mauer – wieder geht es um eine Zäsur, die viele Biografien prägen wird.

Rechte Rattenfänger sind längst aus ihren Löchern gekrochen und wittern ihre Chance, mit Desinformation und Panikmache Stimmen zu gewinnen. Die Klimapolitik ist deshalb nicht nur eine ökologische und wirtschaftliche, sondern eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Und obendrein wird sie zur sozialen Frage werden: Die Diskussion um den CO2-Preis und seine Auswirkungen für ärmere Einkommensschichten zeigt es schon jetzt.

Diesen Bewusstseinswandel hat Greta Thunberg nicht allein, aber doch wesentlich mitausgelöst – entsprechend harsch sind manche Reaktionen. Dass eine 16-Jährige bei aller Begeisterung auch erbärmliche Häme bei ihren Kritikern erzeugt, zeigt, wie dringend ihr Anliegen ist. Die Fridays-for-Future-Bewegung, die Hitzesommer und die Wahlerfolge der Grünen haben erst uns als Gesellschaft und dann auch die Bundesregierung wachgerüttelt.

CDU, CSU und SPD haben sich viel zu lange versteckt

Zuvor haben sich CDU und CSU jahrelang hinter ihrem C, und die SPD hinter ihrem S versteckt, um Klimapolitik wahlweise schön- oder kleinzureden. Die Sozialdemokraten spielten Arbeitsplätze und Klimaschutz gegeneinander aus, die C-Parteien verwiesen auf die Schöpfung, und darauf, dass sie selbstredend engagierte Klimaschützer seien. Teilweise tun das beide Lager bis heute.

Dossier: Klimakrise (Sean Gallup / Getty Images)Dossier: Klimakrise (Sean Gallup / Getty Images)

Angela Merkel sprach bei der Vorstellung des so genannten Klimapakets im September von der "Politik des Machbaren" und entblößte damit die Mutlosigkeit ihrer eigenen Regierung. Erst jetzt, auf den letzten Metern, hat die Koalition auf Druck der Grünen doch noch einen höheren CO2-Preis beschlossen.

Das, wie auch das gesamte Klimapaket, ist ein erster, aber längst nicht ausreichender Schritt. Denn das Pariser Abkommen – und die Begrenzung der Erderwärmung um maximal 1,5 Grad – wird gebrochen werden, wenn nicht mehr passiert.

Deutschland ist als Vorbild wichtig

Deutschland hat sich jedoch rechtlich zur Einhaltung dieses Vertrags verpflichtet, insofern zielt das zynische Argument, wir allein könnten nicht das Weltklima retten, ins Leere. Umgekehrt wird ein Schuh draus: Deutschland stellt ein Prozent der globalen Bevölkerung, verursacht aber zwei Prozent des klimaschädlichen Kohlendioxid-Ausstoßes. Wir tragen also eine immense Verantwortung, auch als Vorbild für andere Nationen.

Wie dringend das angebracht ist, hat die Misere der UN-Klimakonferenz in Madrid gerade erst wieder gezeigt. Auch Ursula von der Leyen, die neue EU-Kommissionspräsidentin, wird mit ihrem Green Deal für eine klimaneutrale Europäische Union nur Erfolg haben, wenn Deutschland vorangeht.

Die deutsche EU-Ratspräsidentschaft in der zweiten Hälfte des nächsten Jahres ist dafür eine gute Chance. In Berlin kann die Große Koalition – soweit sie noch die Kraft dafür hat – 2020 nichts schlechter, aber vieles besser machen als in diesem zu Ende gehenden Jahr: Der Kohleausstieg muss endlich gesetzlich beschlossen werden, ebenso der massive Ausbau der Windkraft, und drittens eine ökologische und sozialverträgliche Verkehrswende. Die Greta Thunbergs dieser Welt werden weiter gebraucht.

Barbara Schmidt-Mattern, Korrespondentin Hauptstadtstudio (Deutschlandradio / Anja Schäfer)Barbara Schmidt-Mattern, Korrespondentin Hauptstadtstudio (Deutschlandradio / Anja Schäfer)Barbara Schmidt-Mattern, geboren in Kiel, studierte Anglistik, Theater- und Literaturwissenschaft in Erlangen, Dublin und Köln. Im Anschluss beendete sie 2002 ihre Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule in München und schrieb zunächst u. a. für die "Süddeutsche Zeitung". 2003-2010 war Schmidt-Mattern als Redakteurin im Kölner Funkhaus des Deutschlandfunk für die Europa- und Außenpolitik zuständig. Danach folgten fünf Jahre als Landeskorrespondentin in Nordrhein-Westfalen. Seit 2015 berichtet sie aus dem Hauptstadtstudio des Deutschlandradio, mit den Schwerpunkten Umwelt, Klima und Grüne.

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