Kommentare und Themen der Woche 04.01.2020

KlimaschutzDeutschlands absurde EnergiepolitikVon Burkhard Ewert

Beitrag hören Der Kühlturm des Kernkraftwerks Mülheim-Kärlich stürzt kontrolliert ein, nachdem Bagger nacheinander die Stützen entfernt haben. Das Bild ist eine Luftaufnahme von einer Drohne. (dpa / Thomas Frey)Abbruch des AKW Mülheim-Kärlich: Die Deponien in Deutschland wollen den Müll nicht (dpa / Thomas Frey)

Es sei irrwitzig, die erneuerbaren Energien mit der Brechstange voranzutreiben und dabei deren Akzeptanz zu riskieren, kommentiert Burkhard Ewert, "Neue Osnabrücker Zeitung", im Dlf. Auf der anderen Seite könne auch die Atomkraft keine Antwort sein - zu wenig Aufmerksamkeit erfahre die Option des Verzichts.

Verkehrte Welt, möchte man meinen: Polnische Klimaschützer demonstrierten in diesen Tagen in Baden-Württemberg für mehr Umweltschutz – und zwar durch und für die weitere Nutzung der Kernkraft. Denn zum Jahreswechsel wurde das Atomkraftwerk Philippsburg abgeschaltet. Und so wird die Bundesrepublik aller Voraussicht nach mehr polnischen Kohlestrom importieren. In der Folge könnten die Anlagen dort länger und intensiver laufen. Womöglich werden sie gar erweitert – zum Verdruss derjenigen Polen, die ihr Bestreben zur Senkung des Kohlendioxidausstoßes durch den vermeintlich so vorbildlichen deutschen Nachbarn ad absurdum geführt sehen. 

Trotzdem, jede Wette, es wird dabei bleiben. So wichtig ist der Klimaschutz dann doch nicht, oder anders gesagt: Die Angst vor dem Atomtod ist größer als die vor einer nahenden Klimakatastrophe.

Deponien wollen AKW-Müll nicht

Jüngstes Indiz dafür sind Nachrichten aus Norddeutschland. Nicht nur, dass für Atommüll bekanntlich bis heute bundesweit kein Endlager besteht, seit die Festlegung auf Gorleben wieder einkassiert wurde. Nun will auch kaum jemand mehr den Bauschutt haben, der beim Rückbau der Kraftwerke wie Unterweser oder Brunsbüttel anfällt. Die Kommunen winden sich und sperren wie zuletzt in Lübeck ihre Deponien. Selbst, wenn die Behörden die Bedenkenlosigkeit beteuern, sorgen sich die Städte vor schlechter Presse und Einbußen im Tourismus.

Am anderen Ende der Republik, in Baden-Württemberg, entsteht ab sofort weiterer Schutt. In der Silvesternacht ging der zweite und letzte Meiler des Atomkraftwerks Philippsburg bei Karlsruhe vom Netz. Der Block 2 deckte bisher ein Sechstel des landesweiten Strombedarfs. Und vermied im Vergleich zum gängigen Strommix die Emissionen von mehr als zwei Millionen Autos.

Sie sind seit dem Neujahrstag auf einen Schlag in Deutschland rechnerisch zusätzlich unterwegs, und das noch nicht einmal alleine: Von früher fünf Meilern läuft ab sofort mit Neckerwestheim nur noch einer in Baden-Württemberg – obwohl Baden-Württemberg in etwa die Einwohnerzahl von Belgien hat und den bundesweit höchsten Anteil der Industrie an der Wertschöpfung.

Wenn man das Aus von Philippsburg zum Anlass nehmen möchte, um ein Zwischenfazit des Atomausstiegs zu ziehen, drängt sich eine zentrale Erkenntnis auf: Die deutsche Energiepolitik ist bigott und irrational. Und weil sich das kaum ändern wird, könnte es einen Gedanken wert sein, das einfach einmal zuzugeben, statt zu meinen, den Königsweg zu kennen und das Gegenüber oder das Ausland fortlaufend für dumm zu erklären.

Atomkraft kann trotz Klimaschutz nicht die Antwort sein

Es ist irrwitzig, alternative Energien mit der Brechstange vorantreiben zu wollen. Eine großzügige Abstandsregel für Windkraftanlagen ist beispielsweise so dämlich nicht, wie auf dem Land auch einigen Grünen dämmert. Gesellt sich die Akzeptanz der Windkraft zu der von Atomstrom und Kohle, ist jedenfalls keinem geholfen.

Auf der anderen Seite kann auch Atomkraft trotz Klimaschutz nicht die Antwort sein. Denn wenn sich nicht einmal für den schwach strahlenden Schutt des Rückbaus genügend Deponien finden, wie soll das mit hoch radioaktiven Abfällen aus einem weiterlaufenden Betrieb gelingen?

Zu wenig Aufmerksamkeit erfährt daher die Option des Verzichts. Die zuletzt kritisierten Umweltsau-Omas lebten in ihrer Kindheit jedenfalls fraglos nachhaltiger als die heutige Jugend. Und auch heute noch haben sie alleine durch antrainierte Sparsamkeit und Sorgfalt mit hoher Wahrscheinlichkeit keine schlechte Ökobilanz, auch wenn sie im Alter beim Auto wegen des einfacheren Einstiegs ebenso wie beim Sofa ein etwas höheres Modell wählen. Soll da wirklich einmal der Stromverbrauch des Enkels gegengerechnet werden, das Urlaubsverhalten oder die allgegenwärtigen Giftakkus und Deko- und Spielelemente aus Plastikschrott mit eingeschweißter LED, statt Wachskerzen und selbst gebastelter Strohsterne?

Was gut gemeinte Ratschläge in Sachen Klimapolitik betrifft, empfiehlt sich anderen Menschen gegenüber daher Zurückhaltung. Und das gilt nicht nur zwischenmenschlich, sondern auch in den internationalen Beziehungen.

Burkhard Ewert ist stellvertretender Chefredakteur der "Neuen Osnabrücker Zeitung" und Leiter der Gemeinschaftsredaktion von NOZ Medien und Medienholding Nord. 

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