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StartseiteKommentare und Themen der WocheAlles andere als naive Weltverbesserer22.06.2019

Klimaschutz-ProtesteAlles andere als naive Weltverbesserer

Die Demonstranten der "Fridays for Future"-Bewegung und die "Ende Gelände"-Aktivisten haben mit ihren Forderungen zum Klimaschutz recht, meint Vivien Leue. Und sie werden hoffentlich nicht aufgeben. Denn die Zeit drängt.

Von Vivien Leue

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"Fridays for Future"-Demonstration in Aachen (imago / Felix Jason)
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Was wurden sie nicht belächelt, die Schülerinnen und Schüler von Fridays for Future. Als Schulschwänzer abgetan, als Jugendliche, die sich doch bitteschön nicht in die Belange der großen Politik einmischen sollten. Was wissen schon 16-Jährige von den bedeutenden Themen unserer Zeit?

Dieses Wochenende hat es noch einmal deutlich gezeigt: Diese Jugendlichen wissen sehr viel mehr, als es vielleicht einigen lieb ist. Sie wissen, dass wir, die Vorgänger- und Vor-Vorgänger-Generation es versäumt haben, ernsthaft gegen den Klimawandel vorzugehen. Dass die Zeit drängt, dass es Lösungen gibt, moderne Technologien, in die investiert werden muss, neue Jobs in neuen Branchen.

Naive Weltverbesserer?

Und sie wissen: Wir sind groß – wir sind international – und wir sind nicht alleine. Denn da sind ja auch noch die ganzen Umweltverbände, die nicht müde werden, ihre Forderungen nach mehr Klimaschutz zu wiederholen. Und da ist die Anti-Braunkohle-Bewegung Ende Gelände, 2014 gegründet und seitdem ebenso wenig ernst genommen wie die Fridays for Future – Kids. Alles Extremisten und Krawall-Touristen, hieß es oft. Bestenfalls wurden sie als naive Weltverbesserer abgetan.

Ihre Protestform ist der zivile Ungehorsam: Sie blockieren Kohle-Bahnen und stürmen Tagebaue, wie auch heute und gestern im Rheinischen Revier. Letzteres ist Hausfriedensbruch und damit eine Straftat. Außerdem kommen sie immer wieder mit der Polizei in Konflikt. Ende Gelände geht damit weiter als Fridays for Future, deren Protest im Rahmen des Gesetzes bleibt. Die Aktivisten machen sich damit angreifbar. Das Recht brechen, um die Zukunft zu retten? Ist das in Ordnung?

Die Zeit drängt

Zumindest hat die Geschichte gezeigt, dass friedlicher, ziviler Ungehorsam manchmal nötig ist, um große Veränderungen anzustoßen. Klar sollte aber sein: Auch wenn die Protestform an sich abgelehnt wird, die Forderungen von Ende Gelände müssen ebenso ernst genommen werden, wie die von Fridays for Future.

Denn sie haben ja recht: die Zeit drängt, es gibt Lösungen, es gibt Alternativen zu den klimaschädlichen Energien und es gibt Perspektiven für die Menschen und Regionen, die am stärksten vom Wandel betroffen sein werden.

Die Einschnitte und Veränderungen, die jetzt nötig sind, sollen gar nicht kleingeredet werden. Sie sind groß, sie sind teuer und sie machen Angst. Aber sie sind eben auch alternativlos. Denn die Zeit der langsamen Schritte ist vorbei. Schon lange bevor die Fridays for Future-Generation geboren wurde, 1992, kam die Weltgemeinschaft in Brasilien zusammen und einigte sich auf die erste Klimarahmenkonvention. In ihr steht festgeschrieben, dass der Klimawandel eine ernsthafte Bedrohung ist. 1994 trat sie in Kraft.

Diese Kids, die haben recht

Das ist mehr als 25 Jahre her. Was soll man nun den Jugendlichen antworten, wenn sie auf der Fridays for Future-Demo sagen: Diese Untätigkeit, die ist doch zum Schämen. Was soll man entgegnen, wenn ein 12-Jähriger meint: Kohleausstieg 2038, in 19 Jahren, das ist doch ein Witz.

Immer mehr Menschen wissen nicht mehr, was sie darauf antworten sollen – und merken: Diese Kids, die haben recht. An immer mehr Küchentischen wird mittlerweile über einen ausgewogenen Fleischkonsum geredet und darüber diskutiert, ob die nächste Flugreise wirklich sein muss. Im vergangenen Herbst kamen 50.000 Menschen zum Hambacher Forst, um dort gegen Braunkohle zu protestieren. An diesem Wochenende waren es in Aachen und dem Rheinischen Braunkohle-Revier fast genauso viele.

Und es wird weitergehen. Die Proteste werden nicht aufhören. Nicht, solange sich nicht wirklich etwas ändert. Eine 17-Jährige sagte mir: Sie glaubt, dass sie die zähe Generation sind, die das Durchhaltevermögen haben, das bisher fehlte. Die so lange für Veränderungen kämpfen, bis sie da sind. Hoffentlich hat sie recht.

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