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StartseiteHintergrundDie Agrarpolitik soll grüner werden23.09.2019

Klimaschutz und ArtenvielfaltDie Agrarpolitik soll grüner werden

Die Landwirtschaftspolitik in Deutschland und der Europäischen Union wurde lange von Industrieinteressen und Exportwachstum bestimmt. Doch inzwischen hat auch in der konventionellen Landwirtschaft ein Umdenken eingesetzt. Gestritten wird jetzt über die Wege zu einer grüneren Agrarpolitik.

Von Jantje Hannover

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Auf einem Feld bei Abbendrode im Landkreis Harz im Bundesland Sachsen-Anhalt, mäht ein Mähdrescher mit Kettenantrieb die Feldfrucht Weizen.  (imago/Martin Wagner)
Insektensterben und fortschreitender Klimawandel haben auch die konventionelle Landwirtschaft aufgerüttelt (imago/Martin Wagner)
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"Wir stehen jetzt an einem mehrjährigen Blühstreifen. Mehrjährig heißt, Sie säen die Fläche einmal mit Wildkräutermischung an, und dann wachsen die Pflanzen die nächsten drei bis fünf Jahre jedes Jahr wieder neu auf."

Thorsten Mohr steht an einem langgestreckten Streifen aus hüfthoch gewachsenen Gräsern und Gestrüpp. Ende August, nach vielen heißen und trockenen Wochen, blüht hier nur noch wenig: ein paar gelbe Tupfer. Das ist der Rainfarn, auch Scharfgarbe und Beifuß haben mit ihren weißen Blüten diesen Sommer überlebt. Im Hintergrund liegt ein abgeerntetes Weizenfeld. Dieses und der Blühstreifen gehören zum Havellandhof Ribbeck in Brandenburg. Als Referent für Pflanzenbau beim Brandenburger Landesbauernverband berät Thorsten Mohr den Hof zum Thema Biodiversität:

"Hier kann man jetzt sehen, dass in diesem Jahr der Streifen zu zwei Drittel entlang des Grabens gemäht wurde. Das Mähgut wurde gehäckselt und in die Biogasanlage verbracht. Und ein Drittel des Streifens bleibt stehen, damit dort die Tiere eine Rückzugsfläche haben über Winter."

Blühstreifen für die Artenvielfalt

Mehrjährige Blühstreifen sind für die Artenvielfalt besonders wertvoll, denn Insekten und andere Tiere brauchen auch im Winter Unterschlupf und Futter. Vögel picken Samenkörner aus den trockenen Blütenständen, und für Insekten dient das Gestrüpp als Kinderstube: sie legen auf Blättern und Stängeln ihre Eier ab, die geschlüpften Larven fressen sich hier satt und verpuppen sich. Im nächsten Frühjahr brechen dann Schmetterlinge, Schwebfliegen oder Käfer aus den Puppen hervor. Thorsten Mohr deutet auf eine mattviolette Blüte:

"Da kommt gerade eine Hummel vorbei und sucht sich noch ein bisschen Nektar. Sie haben sehr viele Insekten, die jetzt hier drin rum schwirren, Sie haben aber auch Krabbeltiere, hier haben wir zum Beispiel eine Wanzenart. Wir haben in diesem restlichen Blühstreifen dann auch einen Schutz für Niederwild, für Laufkäfer - das ist ein richtiges Leben hier in diesem Streifen."

Blühstreifen am Maisfeld in Erkenbrechtsweiler.  (imago/Horst Rudel)Blühstreifen an einem Maisfeld: Wertvoll für die Artenvielfalt (imago/Horst Rudel)

Strukturen wie Hecken, Ackerrandstreifen mit Wildblumen und Feldgehölze sichern das Überleben von Insekten und Wildtieren in der Agrarlandschaft. Dass sie heute auf vielen Äckern fehlen, ist ein wichtiger Grund dafür, dass die Bestände vieler Insekten- und Feldvögel einbrechen. Verstärkt wird das Problem durch einheitliche Kulturen und dicht stehende Getreidehalme auf gut gedüngten Böden, die kein Licht durchlassen. Wildkräuter und Bodenbrüter haben hier keine Chance.

Landwirtschaft ist auf Insekten angewiesen, auf Bestäuber und auch auf Nützlinge, die Schadinsekten fressen. Das weiß auch der konventionelle Bauer Peter Kaim. Er ist der Betriebsleiter auf dem Havellandhof Ribbeck:

"Wir sind ein Betrieb, der stark auf die Kreislaufwirtschaft ausgerichtet ist. Das heißt für mich, ich habe mehrere Standbeine: Ich habe eine Tierproduktion, einen Ackerbau und im Prinzip auch die erneuerbaren Energien."

Umdenken auch in der konventionellen Landwirtschaft

Der Havellandhof Ribbeck liegt tatsächlich gleich neben dem berühmten Dorf, das aus dem Gedicht von Theodor Fontane bekannt ist: "Herrn Ribbeck auf Ribbeck im Havelland". Birnbäume wachsen auf den rund eintausend Hektar Fläche heute aber nicht mehr, sondern Mais, Raps, Roggen, Weizen und Gerste. Außerdem stehen 150 Milchkühe in einem offenen Stall. Obwohl ein Großteil seiner Flächen gepachtet ist, müht sich Peter Kaim seine Böden zu verbessern:

"Auf dem Acker ist für mich selbst verständlich, eine breite Fruchtfolge zu haben, mit allen Möglichkeiten des Erosionsschutzes. Nur wenn ich einen fruchtbaren Boden habe, werde ich langfristig nachhaltig erfolgreich wirtschaften, ordentliche Erträge haben und kann mir dann auch die Ökologie noch leisten."

Landwirt Peter Kaim, Inhaber des Havellandhofes Ribbeck, lacht neben einem Schild mit der Aufschrift "Dieses Feld liefert Energie und schützt das Klima".  (picture alliance/dpa - Soeren Stache/dpa-Zentralbild/dpa)Havellandhof-Inhaber Kaim steht für mehr Nachhaltigkleit in der konventionellen Landwirtschaft (picture alliance/dpa - Soeren Stache/dpa-Zentralbild/dpa)

Für die Ökologie kann Peter Kaim jetzt noch mehr tun. Denn vor drei Jahren wurde sein Betrieb für das FRANZ-Projekt ausgewählt - als einer von zehn Demonstrationsbetrieben, die über ganz Deutschland verteilt in verschiedenen Bundesländern liegen.

FRANZ heißt ausgesprochen: Für Ressourcen, Agrarwirtschaft & Naturschutz mit Zukunft. Das Projekt wird vom Deutschen Bauernverband zusammen mit der Umweltstiftung Michael Otto durchgeführt. Es will effiziente Naturschutzmaßnahmen für konventionelle Betriebe entwickeln, die gleichzeitig eine intensive Bewirtschaftung der Äcker ermöglichen.

Denn Insektensterben und fortschreitender Klimawandel haben die Chefetage des Deutschen Bauernverbands aufgerüttelt:

"Die Bestandsentwicklung bei wilden Insekten ist besorgniserregend, da müssen wir was tun. Und auch das Thema Klimawandel ist bedrohlich. Und ich glaube, wenige Branchen sind so in ihrem Tagesgeschäft bedroht, wie die Landwirtschaft selber", sagt der Generalsekretär Bernhard Krüsken. Tatsächlich hat der Deutsche Bauernverband wesentlich mit beeinflusst, wie Landwirtschaft in Deutschland heute praktiziert wird. Denn er sitzt, genauso wie die Ernährungsindustrie und der Agrarhandel, mit zahlreichen Vertretern im Agrarausschuss des Bundestags, einer wichtigen Schaltstelle der Agrarpolitik. Dieser Ausschuss stimmt meistens für Industrieinteressen: Agrarprodukte sollen vor allem wettbewerbsfähig und günstig sein, und Umweltauflagen dürfen der Exportindustrie, zum Beispiel bei Schweinefleisch, nicht weh tun. Selbst dann, wenn zu viel Nitrat in Böden und Grundwasser gelangt. Das Verfahren der EU-Kommission wegen Verstößen gegen die Nitratrichtlinie könnte Deutschland schon bald viele Millionen Euro kosten, die dann der Steuerzahler finanzieren muss.

Kehrtwende beim Bauernverband - auch wegen Nitratbelastung

Der Deutsche Bauernverband hat sich bisher also nicht gerade als Kämpfer für den Artenschutz hervorgetan. Stattdessen hat er Forderungen nach mehr Ökologie stets auf ein Minimum herunterverhandelt. Das FRANZ-Projekt steht so gesehen also für eine Kehrtwende in der deutschen Agrarpolitik, zumindest für eine kleine.

"Wir müssen das miteinander vereinbaren. Es ist aus unserer Sicht kein Weg zu sagen, Artenvielfalt ist da, wo Landwirtschaft nicht stattfindet", sagt Generalsekretär Bernhard Krüsken. "Wir sehen es auch aus Eigeninteresse, weil, wenn Sie intakte Ökosysteme haben, um Landwirtschaft drumherum, dann funktioniert Landwirtschaft auch besser." Im vergangenen Jahr hat der Deutsche Bauernverband seine Klimastrategie 2.0 veröffentlicht. Er will zum Beispiel mehr Gülle in Biogasanlagen vergären, um so Klimagase zu reduzieren.

Damit auch die Biodiversität trotz intensiver Bewirtschaftung eine Chance hat, müssen sich die Landwirte allerdings noch mehr einfallen lassen. Als Demonstrationsbetrieb bekommt Peter Kaim seinen zusätzlichen Aufwand und mögliche Ernteeinbußen ersetzt:

"Naturschutz muss sich die Gesellschaft leisten können. Das kostet wirklich Geld. Jetzt in dem Projekt, als Demonstrationsbetrieb FRANZ, geht es ja genau darum herauszufinden, welche Maßnahmen sind sowohl für die Ökologie wie auch für die Ökonomie mit der größten Schnittmenge."

"Wir haben fast das gesamte FRANZ-Spektrum hier im Havelland vorhanden", erklärt Betriebsbetreuer Thorsten Mohr vom Brandenburger Bauernverband. "Feld, Vogelinseln, Lerchenfenster, Extensivgetreide, Blühstreifen, mehrjährige, einjährige, blühendes Vorgewende."

Kornblumen vor einem Acker (picture alliance/dpa - augenklick/firo Sportphoto)Drahtseilakt: Biodiversität trotz intensiver Landwirtschaft (picture alliance/dpa - augenklick/firo Sportphoto)

Beim Extensivgetreide wird einfach weniger dicht gesät - das hilft Wildkräutern und Vögeln, die auf dem Boden brüten. Als Vogelinseln dienen freie Flächen mitten im Feld. Vorgewende nennt man die Stellen im Acker, wo der Traktor für die Feldarbeit wendet:

"Alle Maßnahmen bringen gute Aspekte und Erfolge bezogen auf das, was sie erreichen sollen."

FRANZ steht unter der Schirmherrschaft der zwei Bundesministerien für Landwirtschaft und Umweltschutz, die das Projekt auch finanziell fördern. Es wird außerdem vom Thünen-Institut, dem Bundesforschungsinstitut für ländliche Räume, wissenschaftlich begleitet.

"Wir haben einen europäischen Katalog, den wir in Sachen Biodiversität nie wirklich an der Praxis getestet haben. Und das soll FRANZ leisten. Insofern ist das für uns wirklich ein Flaggschiffprojekt."

Sagt Bernhard Krüsken vom Deutschen Bauernverband. Ein Flaggschiffprojekt, das eines Tages vielleicht in die Agrarwende münden könnte, die Bürger und Umweltverbände schon lange fordern. Dann nämlich, wenn die Maßnahmen auch aus Brüssel finanziert werden und von der Mehrheit der über 200.000 konventionellen Landwirte in Deutschland umgesetzt werden, und nicht nur von ein paar Demonstrationsbetrieben.

Klimakiller Fleischproduktion bleibt unangetastet

Laut Reinhild Benning von der Umweltorganisation Germanwatch müsste der Hebel für eine echte Agrar-Wende, für mehr Klima- und Artenschutz, allerdings ganz anders ansetzen:

"Internationale Wettbewerbsfähigkeit ist nicht, was eine Agrarpolitik rechtfertigt. Sondern die Verbraucherinnen und Verbraucher in Europa und insbesondere in Deutschland fragen regionale Produkte, ökologische Produkte nach. Diese Nachfrage kann nur bedient werden, wenn wir weniger Fleisch für den Export produzieren, weil ökologischer Landbau mit Humusaufbau in der Erde benötigt Fläche, und diese Fläche wird bisher für Futtermittel für Fleischexporte und Milchexporte genutzt."

Auf 60 Prozent der deutschen Äcker wachsen derzeit Futtermittel, erinnert Benning. Dabei wird zurzeit heftig diskutiert, wieviel Fleisch man in Zeiten des Klimawandels noch essen darf. Trotzdem steht die klimaschädliche Fleischproduktion in Deutschland nicht ernsthaft zur Disposition. Auch bei Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner nicht.

Julia Klöckner (CDU), Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft, spricht im Bundestag zu Beginn der Haushaltswoche.  (picture alliance/dpa - Carsten Koall/dpa)Ministerin Klöckner setzt auf mehr Ökologie durch Digitalisierung (picture alliance/dpa - Carsten Koall/dpa)

Für den Arten- und Klimaschutz hat die Ministerin andere Ziele im Auge: zum Beispiel soll bis 2030 jeder fünfte Hektar in Deutschland ökologisch bewirtschaftet werden. Und im konventionellen Anbau sollen digitalisierte Feldmaschinen künftig exakt berechnen, wieviel Pestizide wo gebraucht werden, damit weniger Gift auf dem Acker landet. Und auch ein Ausstiegsdatum für den umstrittenen Unkrautvernichter Glyphosat steht inzwischen fest: Ende 2023 soll Schluss sein. Außerdem kämpft Klöckner in Brüssel für mehr Insektenschutz:

"Ich setze mich deshalb dafür ein, dass die Direktzahlungen noch stärker an Vorgaben für den Naturschutz gebunden werden. Und ein ganz konkreter Vorschlag ist, einen Mindestanteil an so genannten nicht produktiven Flächen festzulegen, den die Landwirte bereitstellen als Lebens- und Nahrungsgrundlage für Insekten, Vögel und Feldhasen. Das muss dann aber auch honoriert werden mit Geldleistungen."

Neuausrichtung der Gemeinsamen Agrarpolitik

Landwirte in Deutschland und Europa erhalten Fördermittel aus Brüssel. Die Gelder für die sogenannte Gemeinsame Agrarpolitik der Europäischen Union, auch GAP genannt, sind immer noch der größte Einzelposten im EU-Haushalt. 2018 waren es über 55 Milliarden Euro.

Heute profitieren 28 Mitgliedsländer von den Zahlungen aus der GAP. Ab 2021 beginnt eine neue Förderperiode, dafür müssen die Mitgliedsländer in Brüssel aushandeln, wofür die Gelder genau eingesetzt werden. Um die Neuausrichtung der GAP sowie den Klimaschutz geht es unter anderem auch auf der Agrarministerkonferenz vom 25. bis 27. September in Mainz.

"Wir wollen ja als Gesellschaft viel von der Landwirtschaft. Wir wollen nicht nur die Nahrungsmittel kaufen, sondern alle möglichen anderen Leistungen im Bereich Klimaschutz, Umweltschutz, Tierschutz, schöne Kulturlandschaften. Und diese Leistungen lassen sich über den Markt nur sehr eingeschränkt honorieren", sagt Harald Grethe, Professor für internationalen Agrarhandel und Entwicklung an der Humboldt-Universität in Berlin. Als Mitglied des wissenschaftlichen Beirats berät er außerdem das Agrarministerium.

"Wenn auf der Milchpackung draufsteht: Diese Milch wurde unter Bereitstellung einer besonders schönen Kulturlandschaft produziert und ist deswegen zehn Cent teurer, dann findet diese Milch deutlich schlechteren Absatz als die Milch daneben, die zehn Cent günstiger ist. Und das nennen wir als Ökonomen Marktversagen. Und da sagen wir eben, wir müssen andere Mechanismen etablieren, die diese Gemeinwohlleistungen, Leistungen, die uns alle zugutekommen im Bereich Tier- und Umweltschutz, diese Leistungen honorieren."

Gemeinsame Agrarpolitik der EU in der Kritik

Seit 2003 wird über die GAP nicht mehr der Liter Milch oder die Tonne Weizen gefördert, wie das zuvor der Fall war. Entscheidend ist nun die Größe der Fläche Land, die ein Betrieb bewirtschaftet. Dieses Umschwenken wirkte gegen Butterberge und Milchseen. Die europäische Landwirtschaft wurde wettbewerbsfähiger. In Deutschland erhält jeder Betrieb heute rund 250 bis 300 Euro im Jahr pro Hektar. So sind aber auch neue Ungerechtigkeiten entstanden. Harald Grethe vom wissenschaftlichen Beirat rät dem Ministerium dringend hier umzusteuern:

"Weil das eine Verschwendung von Steuermitteln ist, Flächenbewirtschaftung in Deutschland pauschal mit 300 Euro pro Hektar zu subventionieren."

Wer eintausend Hektar bewirtschaftet, streicht 300.000 Euro ein, ohne dass er dafür etwas tun muss, rechnet Grethe vor. Zwar ist die pauschale Flächensubvention an "Greening"-Auflagen gekoppelt. Diese verlangen aber nicht viel von den Bauern. Zum Beispiel müssen sie auf fünf Prozent ihrer Fläche Zwischenfrüchte anbauen, Lupinen oder Erbsen, die zeitweise blühen und den Boden verbessern. Auf 95 Prozent der Fläche ist dies jedoch nicht nötig. Und spritzen dürfen die Landwirte überall:

"Und gleichzeitig stehen wir da vor den großen Herausforderungen: Klimaschutz, Umweltschutz, Tierschutz und sagen andauernd: 'Wir haben ja kein Geld. Das ist alles so teuer mit der Biodiversität, das ist alles so teuer mit dem Klimaschutz, mit dem Tierschutz.' Das ist ja auch richtig, das kostet viel Geld. Aber es ist natürlich absurd, erst einen Großteil der Mittel, 70 Prozent, über 40 Milliarden Euro in der europäischen Union, fünf Milliarden in Deutschland, zum Fenster hinauszuwerfen, sozusagen für pauschale Flächensubvention, und hinterher zu sagen: Wir haben kein Geld für das, was wir eigentlich tun sollten."

Ministerium hält an Flächenförderung fest

Auch Thorsten Mohr vom Brandenburger Landesbauernverband will längst weg von dieser reinen Flächenförderung. Anders als sein Dachverband, der Deutsche Bauernverband:

"Wenn der Landwirt sagt, er setzt auf seinen 200 Hektar Ackerfläche 20 Hektar Biodiversitätsmaßnahmen um, Mischkulturen, Hecken, Blühflächen und so weiter - dann kriegt er das Geld für diese Leistung, die er dort erbringt und nicht für die zweihundert Hektar, die er bewirtschaftet. Das ist deutlich zielführender, dann ist ein Anreiz da, mehr zu tun für Vielfalt in der Landwirtschaft."

Bis jetzt will Agrarministerin Julia Klöckner aber nicht grundsätzlich an der pauschalen Flächenförderung, den Direktzahlungen, rütteln, wie ihr Staatssekretär Hermann Onko Aiekens erklärt:

"Wir sind der Auffassung, dass wir die Direktzahlungen benötigen zur Einkommenssicherung und Risikoabsicherung unserer landwirtschaftlichen Betriebe. Wir müssen realisieren, dass die Klimaschwankungen zunehmen."

Und umso mehr müsse man die Betriebe finanziell absichern. Aber trotzdem hat das Agrarministerium gerade dafür gesorgt, dass im nächsten Jahr etwas mehr Geld aus der pauschalen Flächenförderung in Umweltmaßnahmen umgeschichtet wird, und sich damit herbe Kritik des Deutschen Bauernverbands eingehandelt. Unabhängig davon fließen zusätzliche 83 Millionen aus Bundes- und Ländermitteln in den Insektenschutz. Außerdem greift Julia Klöckner mit einer Ackerbaustrategie neue Ideen auf, die sie demnächst vorstellen will. Staatssekretär Hermann Onko Aiekens:

"Land und Forstwirtschaft können etwas, dass andere Branchen nicht so können, nämlich CO2 binden in den Böden und den Hölzern unserer Wälder. Es geht um entsprechende Ackerbodenbehandlung zur besseren CO2-Speicherung, es geht um eine Reduzierung des Torfabbaus, es geht dann natürlich, wenn wir über Torf reden, um Moore und aktiven Humusaufbau."

Rund 40 Prozent aller klimarelevanten Emissionen, die der Landwirtschaft zuzurechnen sind, stammen aus dem Ackerbau auf Moorböden. Diese Böden machen nur etwa vier Prozent der gesamten landwirtschaftlichen Fläche in Deutschland aus. Moorböden sind extrem kohlenstoffhaltig. Das Klimagas oxidiert, wenn diese Böden entwässert werden. Ein sensibles Thema, denn wenn man die Moorflächen aus der Produktion nähme, wäre viel für den Klimaschutz erreicht. Davon ist bislang aber nicht die Rede:

"Wir wollen dabei die Grundeigentümer, die Bewirtschafter, mitnehmen. Das ist ein ambitioniertes, langfristiges Vorhaben, aber wichtig wegen der besonderen Rolle der Moore beim Thema Klima."

Vorbild beim Moorschutz aus DDR-Zeiten

Dabei ist es mancherorts durchaus möglich, Moorschutz und Landwirtschaft miteinander zu verbinden. Zum Beispiel auf dem Havellandhof Ribbeck, der teilweise auf Niedermoorböden wirtschaftet. Zu DDR-Zeiten existierte hier, im Havelländischen Luch, ein System aus Gräben und Pumpstationen, mit dem die Moorböden kontrolliert geflutet wurden, sagt Peter Kaim vom Havellandhof Ribbeck:

"Und wenn wir zu einem gewissen Zeitpunkt im Frühjahr sagen: Jetzt ist ein hoher Wasserverbrauch auf den Flächen und es kommen kaum Niederschläge dazu, dann machen wir die Staustufen zu und halten das Wasser in den Gräben und somit auch in der Fläche."

Nach der Wende wurde das Grabensystem aufgegeben. Peter Kaim würde es begrüßen, wenn es wieder in Betrieb wäre. Derzeit fehlt dafür jedoch die Finanzierung.

Auf der Landstraße im Havelland zwischen Nauen und Ribbeck. Es ist heiß, die Blätter an den Alleebäumen zeigen schon Ende August braune Ränder. Seit Wochen hat es hier kaum geregnet. Und das macht natürlich auch den Landwirten zu schaffen. In Zeiten des Klimawandels sollten sie sich zu guten Konditionen gegen Dürre versichern können. Doch Peter Kaim zum Beispiel wünscht sich etwas ganz Anderes:

"Eine Versicherung lehne ich ab. Die Versicherungsgesellschaften machen auch nichts für umsonst. Für mich persönlich bleibt da zu viel Geld auf der Strecke."

Der Betriebsleiter bekam ein Angebot, das den Niederschlag an einem bestimmten Standort gemessen hätte:

"Und wenn da bis Ende August weniger als 80 Liter fallen, bekomme ich die volle Entschädigung. Wenn aber 81 Liter fallen, gibt es gar keine Entschädigung."

Lieber hätte Peter Kaim einen Risikoausgleich, also die Möglichkeit, in guten Jahren etwas für dürrebedingte Missernten steuerfrei zurückzulegen. Das Agrarministerium hat reagiert und einen Gesetzentwurf vorgelegt, der eine Gewinnglättung über drei Jahre vorsieht.

Mit Klimawandel und Insektensterben steht die Landwirtschaft weltweit vor Herausforderungen, die es in dieser Form noch nie gegeben hat. Im Agrarministerium und beim Deutschen Bauernverband zeigen sich die ersten Anzeichen, dass das Wettbewerbsdenken in der GAP bald wichtigeren Themen weichen muss.

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