Dienstag, 12.11.2019
 
Seit 01:30 Uhr Tag für Tag
StartseiteInformationen am MorgenViel zu warm für die wichtigste Saatgutbank der Welt30.10.2019

Klimawandel auf Spitzbergen Viel zu warm für die wichtigste Saatgutbank der Welt

In Longyearbyen auf Spitzbergen, einer der nördlichsten Orte der Erde, befindet sich die wichtigste Saatgutbank der Welt - ein Backup der Menschheit für Frucht-, Getreide- und Gemüsepflanzen. Doch auch sie leidet extrem unter dem Klimawandel.

Von Frank Capellan

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Eingang zur Saatgutdatenbank auf Spitzbergen (picture alliance / dpa / Photopqr / La Provence / Launette Florian)
Eingang zur Saatgutdatenbank auf Spitzbergen (picture alliance / dpa / Photopqr / La Provence / Launette Florian)
Mehr zum Thema

Markus Rex "Wir müssen die Arktis besser verstehen"

Kampf um die Arktis Trumps Grönland-Kaufwunsch hat einen ernsten Kern

Artenvielfalt auf Spitzbergen So wird das Saatgutarchiv der Welt vor dem Klimawandel geschützt

Mit Technik gegen die Erderwärmung Können Innovationen das Klima retten?

UN-Klimagipfel Wettlauf gegen die Erderwärmung

"John Kerry?" - "Ja, John Kerry. Former Minister."

Ja, er war auch schon hier, Obamas Außenminister, lange her. Russen, Chinesen, Amerikaner, sie kommen regelmäßig und werden es wohl noch häufiger tun, seit immer weniger Eis die Arktis bedeckt und Bodenschätze locken. Immerhin: Den zu Norwegen gehörenden Archipel wollte Trump noch nicht kaufen. Die Gouverneurin von Spitzbergen schmunzelt, drückt auf dem Beamer das Foto mit Kerry weg.

"Welcome to Svalbard and welcome to the governor's office!"

Kjerstin Askholt ist die Chefin in Svalbard, wie die Inselgruppe im Norwegischen heißt. Sie trägt eine blaue Polizeiuniform, heute empfängt sie mal einen ganz anderen Minister, den deutschen Entwicklungsminister.

Kjerstin Askholt und Gerd Müller stehen hinter einem ausgestopften Eisbären (Deutschlandradio / Capellan)Kjerstin Askholt, Chefin in Svalbard, empfängt den deutschen Entwicklungsminister Gerd Müller (Deutschlandradio / Capellan)

Ob die Eisbären nach Longyearbyen, den Hauptort mit seinen gut 2.100 Einwohnern hinein kommen, möchte Gerd Müller wissen, als er vor einem  präparierten Tier steht. Nein, beruhigt Askhold, wenn sie uns zu nahe kommen, werden sie von der Polizei vertrieben.

Gerd Müller ist viel gereist, doch so hoch im Norden war der CSU-Minister noch nie. Es hat geschneit auf Spitzbergen, das sonst so karge Gebirge ist mit einer weißen Schicht überzogen, nicht viel und reichlich spät für Ende Oktober. Es ist kurz nach elf, die Sonne auf den Bergen gegenüber des Fjords taucht nur noch die Spitzen in mildes Licht, ins Tal von Longyearbyen schafft sie es nicht mehr. Mitte November kommt die Polarnacht, erzählt Ole Jacob Malmo, der Polizeichef, dann ist es zwei Monate lang stockfinster, man kann es sich kaum vorstellen, wenn man es nicht erlebt hat.

Arche Noah der Pflanzen des Planeten

"Wir stehen vor der Arche Noah der Pflanzen des Planeten. Über eine Million Sorten sind hier sozusagen konserviert für die Nachwelt."

Gerd Müller ist inzwischen am eigentlichen Ziel seines Besuches angekommen. Futuristisch, viel Beton, wie der Eingang in die Unterwelt, wirkt das Eingangsportal der wichtigsten Saatgutbank weltweit.

"Deutschland unterstützt diesen Fonds und ich kann heute verkünden, dass wir unsere Zusammenarbeit ausbauen. In den nächsten Jahren 10 Millionen zur Verfügung stellen werden."

Marie Haga, stößt einen Freudenschrei aus. Einst Öl und Energieministerin in Norwegen, steht sie heute dem Welttreuhandfonds für Kulturpflanzenvielfalt, kurz Crop Trust, vor.

"Vielen, vielen Dank."

Haga und Müller stehen nebeneinander und unterhalten sich (Deutschlandradio / Capellan)Marie Haga, Chefin des Welttreuhandfonds für Kulturpflanzenvielfalt, mit Entwicklungsminister Gerd Müller (Deutschlandradio / Capellan)

Deutschland ist der größte Geldgeber. Saatgut aus aller Welt lagert hier im Tresor, ein Backup der Menschheit für Frucht-, Getreide und Gemüsepflanzen.

"Es ist ideal, das hier zu lagern, zuallererst, weil es sehr sicher ist, es ist sehr schwer hier hin zu kommen, es gibt hier keine Erdbeben, das Meer kann kräftig ansteigen, ehe es hier ankommt, und vor allen Dingen: Es ist kalt hier."

Ironie der Geschichte

Marie Haga zieht sich die Daunenjacke noch ein wenig ins Gesicht, kalt ist es, aber nicht kalt genug. Selbst auf Spitzbergen taut der Permafrost-Boden auf, Schmelzwasser drang in den Tresor, gefror wieder, zerstörte den Eingang. Eine Ironie der Geschichte, muss Hannes Dempewolf vom Crop Trust eingestehen: Längst ist die Saatgutbank selbst von der Erwärmung betroffen.

"Wir stehen hier in der Kälte. wir haben minus 15 Grad, drinnen sind minus 18 Grad, die kommen aber nicht auf natürliche Art zustande, es wird zusätzlich gekühlt. Warum? – Also die Genbanken und die Saatgutbanken auf der Welt operieren alle bei minus 18 Grad, wenn man hier jetzt in den Berg reingeht, ist es so minus 10, deswegen wird das eben noch weiter runtergekühlt auf minus 18."

Mit einer Chipkarte öffnet Dempewolf eine riesige Stahltüre. Müller geht in den Stollen, der 120 Meter in den Berg hineinführt

"Wir sind jetzt im weltberühmtesten Saatgutspeicher."

Gerd Müller steht vor einer Stahltür im grünen Licht (Deutschlandradio / Capellan)Zutritt verboten - Entwicklungsminister Müller vor der Stahltür, die zur Saatgutbank führt (Deutschlandradio / Capellan)

Doch dann steht Müller wieder vor einer Stahltür. "Ich will hier rein", murmelt der CSU-Mann wie einst ein berühmter Sozialdemokrat vor dem Kanzleramt. Doch Zutritt ins Allerheiligste bleibt selbst ihm verwehrt. "Aus Sicherheitsgründen" belehrt ihn der Staatssekretär der norwegischen Außenministerin.

Schnell wird ihm eine schwarze Kiste gereicht, darin Samenproben, Roggen, Hafer, vakuumverpackt in Aluminiumbeutelchen, hinter der Tür ist sp alles in Regalen gestapelt, Artenvielfalt, sortiert nach Herkunftsländern

Klimawandel ist schneller als die Anpassung der Pflanzen

Die größte Herausforderung ist, dass der Klimawandel schneller voranschreitet als die Pflanzen sich anpassen können, erläutert Marie Haga, deshalb müssen wir ein bisschen nachhelfen. Hier liegt der Samen zum Züchten von Sorten, die besser mit Dürre und Extremwetter zurechtkommen.

"Das ist das Wunder der Natur!"

Von menschengemachten, weniger schönen Wundern erfährt der Gast aus Germany als er wieder nach draußen kommt. Über den schneebedeckten Gipfeln kreist ein Hubschrauber, es gibt kaum Straßen auf Spitzbergen. Kim Holmen ist gekommen, Direktor des norwegischen Polarinstitutes, ein Mann, der mit seinem langen grauen Bart, der dicken roten Jacke und der Zipfelmütze alle Klischees eines Polarforschers bedient. 

Holmen und Capellan stehen nebeneinander im Schnee (Deutschlandradio / Capellan)Kim Holmen, Direktor des norwegischen Polarinstitutes, mit DLF-Reporter Frank Capellan (Deutschlandradio / Capellan)

"Die Winter sind in den letzten 30 Jahren durchschnittlich fast zehn Grad wärmer geworden", erzählt Holmen und zeigt auf den Fjord: Hier friert nichts mehr zu, das Wasser ist zu warm. Minus 25 Grad war im letzten Winter das Minimum an ein paar Tagen, früher war es wochenlang unter minus 30 Grad.

"Hinter uns die offene See war vor zehn oder 15 Jahren komplett gefroren, niemals offen, hier ist der Klimawandel nicht nur sichtbar, sondern er schreitet voran."

Gletscher verlieren pro Jahr 30 Zentimeter

Die Gletscher verlieren im Jahr an die 30 Zentimeter an Dicke, so Holmen, der seit 30 Jahren in Longyearbyen lebt. 

Müller muss weiter, ein Bus wartet, der ihn zur einzigen noch aktiven Kohlemine von Spitzbergen [*] bringen soll. Norwegen bezieht 98 Prozent seiner Energie aus Erneuerbaren, im Kraftwerk von Spitzbergen aber wird Kohle verfeuert. Was nicht gebraucht wird, wird exportiert, auch nach Deutschland. Zudem zählt Norwegen zu den wichtigsten Öl- und Gasexporteuren der Welt. Noch so eine Ironie. Und Chinesen, Russen, Amerikaner – sie warten, um in der Arktis noch mehr aus dem Boden zu holen.

Klimaforscher Holmen will sich dennoch nicht unterkriegen lassen. "Ich bin Optimist, es gibt keine Alternative: Wir müssen, wir werden, wir können etwas ändern!"


[*An. der Red.] Neben der letzten von den Norwegern in Longyearbyen betriebenen Kohlemine wird in der russischen Siedlung Barentsburg weiterhin Kohle gefördert.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk