Forschung aktuell 18.11.2020

KlimawandelEis in der Arktis schmilzt immer schnellerIngo Sasgen im Gespräch mit Monika Seynsche

Beitrag hören Ein Eisberg in Süd-West-Grönland im August 2014. (picture-alliance / dpa / Albert Nieboer)Immer mehr Daten weisen darauf hin, dass Klimamodelle das Tempo des Eisverlustes in Grönland unterschätzen (picture-alliance / dpa / Albert Nieboer)

Gigantische Eismassen werden in den nächsten Jahrzehnten abschmelzen und damit den Meeresspiegel anheben. Dabei könnte der Beitrag grönländischer Gletscher drei- bis viermal so hoch ausfallen wie angenommen, sagte Ingo Sasgen im Dlf. Sein Team hat den Schwund genauer bestimmt.

Wenn es warm wird, schmilzt Eis. Das gilt für Eiswürfel in einem Cocktailglas genauso wie für den Eispanzer in Grönland. Nur dass der durch die Eisschmelze auch noch den Meeresspiegel in die Höhe treibt. Dass er das tut und in Zukunft natürlich noch stärker tun wird, ist schon lange klar. Allerdings zeigt eine Studie, die in Nature Communications erscheint, dass das schmelzende Eis Grönlands möglicherweise wesentlich stärker zum Meeresspiegelanstieg beitragen wird als bislang schon befürchtet.  Einer der Autoren der Studie ist Ingo Sasgen vom Alfred Wegener Institut für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven.

Nahe der grönländischen Stadt Ilulissat entläßt der Jakobshavn-Eisstrom Eisberge ins Meer. (Monika Seynsche)Nahe der grönländischen Stadt Ilulissat entläßt der Jakobshavn-Eisstrom Eisberge ins Meer. (Monika Seynsche)

Ingo Sasgen: Wir haben den Eisrückgang von drei großen Gletschern in Grönland ungefähr für das letzte Jahrhundert uns angeschaut, und unsere Studie fokussierte sich dabei auf den Jakobshavn-Eisstrom in Westgrönland und die Gletscher mit den Namen Kangerlussuaq und Helheim in Ostgrönland. Für die letzten drei Jahrzehnte gibt es ja sehr gute Satellitendaten, wie sich diese Gletscher entwickelt haben, aber um eben ein Bild auch von der längerfristigen Entwicklung zu bekommen, mussten wir andere Methoden anwenden. Dafür haben wir Stereoluftbilder ausgewertet nach Gletscherschlifflinien und eben auch im Gelände geologische Formationen wie Endmoränen gesucht und datiert. Jetzt konnten wir die Entwicklung dieser Gletscher für das letzte Jahrhundert rekonstruieren, und das hilft uns besser zu verstehen, wie sensibel oder wie langfristig auch der Eisrückgang auf eine Erwärmung reagiert und welche Prozesse dabei genau eine Rolle spielen.

Satellitenbilder liefern Überblick

Monika Seynsche: Warum haben Sie denn ausgerechnet diese drei Gletscher sich ausgesucht, also welche Bedeutung haben die für den grönländischen Eispanzer?

Sasgen: Erst mal ist wichtig zu verstehen, dass diese Gletscher ins Meer münden, und gleichzeitig werden sie von großen Einzugsgebieten im Landesinneren genährt. Insgesamt ungefähr ein Achtel des Eisausstoßes in Grönland kommt von diesen Eisströmen. Der Meeresspiegelanstieg, wenn jetzt die sich vollständig zurückziehen würden, läge bei etwa einem Meter. Aber interessant ist auch noch was anderes, nämlich dass der Jakobshavn und der Kangerlussuaq-Gletscher, die liegen auf Grundgestein, was zum Landesinneren hin immer tiefer wird. Das bedeutet, wenn sich der Gletscher zurückzieht, hat er immer mehr Kontakt mit dem Ozean, der als Wärmequelle dient, und das ist quasi eine selbstverstärkende Rückkopplung. Anders dagegen der Helheim-Gletscher, dort steigt das Land von der Küste landeinwärts an, und das stabilisiert im Grunde den Rückzug. Durch den Vergleich dieser topografischen Gegebenheiten kann man lernen, wie wichtig diese selbstverstärkende Rückkopplung ist auch für die Zukunft.

Ströme aus Eis fließen ins Meer

Seynsche: Was ist denn bei Ihren Untersuchungen herausgekommen?

Sasgen: Wir konnten zeigen, dass alle drei Gletscher seit 1880 an Masse verloren haben. Den globalen Meeresspiegelbeitrag, der eben daraus kam, haben wir auf ungefähr acht Millimeter geschätzt. Alle drei Gletscher sind durch die Erwärmung zurückgegangen und ganz besonders stark Jakobshavn und Kangerlussuaq mit 30 beziehungsweise 20 Kilometer, weil sich das Gletscherbett dort zum Landesinneren hin vertieft. Der Helheim-Gletscher ist im vergangenen Jahrhundert eher stabil geblieben, und teilweise gab es sogar Phasen, wo es noch mal einen Vorschub gab, aber auch in den letzten zehn Jahren zeigen jetzt Satellitendaten, dass auch dieser Gletscher sich weiter zurückzieht.

Seynsche: Was bedeuten diese Ergebnisse denn jetzt für Abschätzungen zum grönländischen Eispanzer? Dass der in den letzten Jahrzehnten schmilzt, ist ja nichts Neues.

Acht Grad plus für Grönland

Sasgen: Genau, es hilft uns eben noch mal, die jetzigen Veränderungen auch in eine längerfristige Perspektive zu setzen. Wenn wir jetzt betrachten, dass Grönland sich in den vergangenen Jahrhunderten um etwa anderthalb Grad erwärmt hat – diese Zahlen sind bekannt –, und von diesen Gletschern wissen wir jetzt, welcher Meeresspiegelanstieg damit einherging, nämlich rund ein Zentimeter. Wenn wir jetzt Simulationen, Klimasimulationen für die Zukunft anschauen, dann erwarten wir eine Erwärmung bei ungebremstem Klimawandel, die fünfmal so hoch ist.

Wir könnten in Grönland eine Temperatur acht Grad Celsius höher gegenüber dem vorindustriellen Niveau sehen. Wenn wir jetzt diese Abschätzung skalieren entsprechend, dann kommen wir auf einen Meeresspiegelbeitrag dieser drei Gletscher, der etwa drei- bis viermal so hoch liegt wie der in bisherigen Projektionen. Das ist natürlich ein Hinweis darauf, dass vielleicht dieser eisdynamische Anteil, wie wir sagen, dieser Rückzugsanteil, dynamischer reagiert und in den Modellen vielleicht noch nicht vollständig korrekt gefasst ist.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Mehr zum Thema

Empfehlungen