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StartseiteForschung aktuell"Man kann erwarten, dass die Biberpopulationen zunehmen"18.07.2018

Klimawandel in der Arktis"Man kann erwarten, dass die Biberpopulationen zunehmen"

Erderwärmung, Sträucher in der Tundra, nachwandernde Biber: Aufgrund des Klimawandels habe das Nagetier es "bereits in einige Regionen in Nordwestalaska geschafft", sagte Klimaforscher Ingmar Nitze im Dlf. Sie stauten beim Dämmebauen Seen an - mit möglichen Folgen für das gesamte Ökosystem.

Ingmar Nitze im Gespräch mit Arndt Reuning

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Ein Elbe-Biber in Dresden (dpa/picture alliance/ Jürgen Lösel)
"Lokal kann der Biber in diesen Gebieten einen relativ starken Einfluss haben", sagte Ingmar Nitze vom Alfred-Wegener-Institut in Postdam im Dlf (dpa/picture alliance/ Jürgen Lösel)
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Arndt Reuning: Biber sind äußerst geschickte Baumeister. In Flüssen und Seen legen die Tiere ihre Burgen und Dämme an. Dadurch stauen sie das Wasser auf und gestalten ganze Ökosysteme um. In gemäßigten Breiten haben sie das schon seit Jahrtausenden getan. Nun aber dringen sie in Alaska immer weiter Richtung Norden vor, in die nordamerikanische Arktis. Ein deutsch-amerikanisches Forscherteam hat nun untersucht, welche Folgen das hat. Und einer dieser Wissenschaftler ist Dr. Ingmar Nitze vom Alfred-Wegener-Institut in Potsdam. Von ihm wollte ich wissen, wie weit der Biber denn bereits nach Norden vorgedrungen ist.

Ingmar Nitze: Der Biber hat es bisher - zumindest was wir untersucht haben und was wir gefunden haben - schon bereits in einige Regionen in Nordwestalaska geschafft, wo wir eigentlich noch Tundra haben, das heißt, wo wir noch keine Bäume haben. Dort finden wir aber durch den Klimawandel schon einige Sträucher, durch die neuen Möglichkeiten, dadurch, dass es wärmer wird und sich die klimatischen Bedingungen für Sträucher zum Beispiel verbessern, finden wir dort vermehrt Sträucher. Das heißt, der Biber folgt dem hinterher und kann dort jetzt auch sein Habitat ausbauen und auch seine Biberdämme und Burgen zum Beispiel bauen.

"Biberdämme und Biberbauten, wo man sie nicht erwartet"

Reuning: Woher wissen Sie denn so genau, wie weit die Biberpopulation in Alaska sich bereits ausgebreitet hat?

Nitze: Wir haben das mit Satellitendaten ausgewertet. Das heißt, meine amerikanischen Kollegen, die sonst viel in Alaska mit dem Flugzeug unterwegs sind, haben beobachtet, dass in bestimmten Gebieten, wo eigentlich keine Biber erwartet wurden, die dort Biberdämme gefunden haben, Biberbauten und alles, was damit zusammenhängt. Und so kam eigentlich die Idee dazu, das systematisch zu untersuchen.

Und eigentlich mein Kerngebiet oder was ich untersuche normalerweise, ist die systematische Auswertung von Satellitendaten, um Landschaftsveränderungen und Oberflächenveränderungen in Permafrostgebieten zu untersuchen. Und da sieht man auch Veränderungen zum Beispiel von der Feuchtigkeit, ob Seen sich dort bilden und so weiter. Und das haben wir für dieses Gebiet in Nordwestalaska gemacht, um zu schauen, okay, sind dort Auffälligkeiten, sind dort Gebiete, wo Seen entstehen, wo wir sie eigentlich nicht erwarten oder die anders aussehen als das, was wir dort normalerweise vorfinden - und das haben wir auch gefunden.

Neue Seen - neue Tierarten  

Reuning: Und was bedeutet denn diese Wanderbewegung des Bibers für die Ökosysteme dort vor Ort?

Nitze: Also wir haben in einigen Gebieten vermehrt neue Seen entdeckt, die durch Biber aufgestaut wurden. Und das kann ganz unterschiedliche Folgen haben, also einerseits ökologische Folgen, dass zum Beispiel neue Wasserflächen entstehen und dadurch vielleicht auch neue Arten dort einwandern können, die dort vorher nicht leben konnten wie zum Beispiel bestimmte Fischarten oder Lachsarten, aber auch andere Tiere, die zum Beispiel stehende Gewässer bevorzugen.

Permafrost kann instabil werden

Reuning: Der Boden in der Tundra ist ja wahrscheinlich Permafrostboden, der taut also das ganze Jahr über nicht auf. Beeinflussen die Aktivitäten des Bibers denn auch die Bodentemperatur?

Nitze: Hierfür entscheidend ist stehendes Wasser oder beziehungsweise Wasser allgemein, das ist relativ kritisch für Permafrost. Das heißt, das Wasser kann sich in den Permafrost hereintauen, kann ihn degradieren, das heißt, er wird instabil. Das kann weitere Probleme mit sich führen, zum Beispiel Erosionserscheinungen. Und lokal kann also der Biber in diesen Gebieten schon einen relativ starken Einfluss haben.

Vermutlich weitere Biber-Ausbreitung

Reuning: Lässt sich abschätzen, wie sich die Wanderbewegung der Biber in Zukunft fortsetzen wird?

Nitze: Man kann schon erwarten, dass mit dem fortschreitenden Klimawandel und weiteren Erwärmung in der Arktis auch die Biomasse zunimmt, also vor allem viel strauchige Vegetation weiter in die Arktis, weiter in den Norden vordringt und damit auch eventuell der Biber einfach mitwandert. Das wird ein relativ langfristiger Prozess sicherlich sein, aber man kann schon erwarten, was wir jetzt schon in den etwas südlicheren, wärmeren Gebieten sehen, dass die Biberpopulationen zunehmen. Und wenn es so weitergeht, dass die Vegetation mitwandert, dann wird der Biber möglicherweise auch sich weiter ausbreiten.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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