Seit 23:10 Uhr Das war der Tag

Mittwoch, 14.11.2018
 
Seit 23:10 Uhr Das war der Tag
StartseiteForschung aktuellJeder New-York-Fluggast lässt drei Quadratmeter Arktis-Meereis schmelzen04.11.2016

KlimawandelJeder New-York-Fluggast lässt drei Quadratmeter Arktis-Meereis schmelzen

Die Schuld jedes Einzelnen am Klimawandel anschaulich machen: Das ist das Ziel einer Hamburger Forschungsgruppe. Für eine Studie haben die Wissenschaftler den Anteil berechnet, den jeder von uns am steigenden Verlust von Meereis in der Arktis hat - durch seine persönlichen Emissionen.

Von Volker Mrasek

Ein Eisberg in Süd-West-Grönland im August 2014. (picture-alliance / dpa / Albert Nieboer)
Das Eis in Grönland und in der Antarktis schmilzt immer schneller. Und daran hat jeder Mensch einen persönlichen Anteil. (picture-alliance / dpa / Albert Nieboer)
  • E-Mail
  • Teilen
  • Tweet
  • Drucken
  • Podcast
Mehr zum Thema

Ureinwohner der russischen Arktis Im Kampf gegen Klimawandel und Konzerne

Rossmeer Rand der Antarktis wird größte Meeresschutzzone der Welt

Arved Fuchs Polar-Abenteurer und Chronist des Klimawandels

Antarktis Der Antrieb der globalen Meereszirkulationen schwächelt

Klimawandel Grönland braucht Kühlschränke

"Für jede Tonne Kohlendioxid, die eine Person irgendwo auf dieser Erde freisetzt, schmelzen drei Quadratmeter arktisches Sommer-Meereis." Auf diese kurze und prägnante Formel bringt der Hamburger Polarforscher Dirk Notz das Ergebnis seiner neuen Studie, die er gemeinsam mit einer Fachkollegin durchgeführt hat, und die die Fachzeitschrift "Science" jetzt abdruckt:

"Also zum Beispiel: Wenn Sie einmal von Deutschland nach New York und zurück fliegen, dann haben Sie etwa eine Tonne Kohlendioxid freigesetzt. In Deutschland liegen wir im Moment bei einem Kohlendioxid-Ausstoß von zehn Tonnen pro Jahr und Person, das heißt jeder von uns hier in Deutschland schmilzt jedes Jahr 30 Quadratmeter Meereis weg."

Jeder weiß, wie komplex die irdische Wetter- und Klimaküche ist. Und da soll es dann einen so simplen Zusammenhang geben zwischen dem persönlichen Treibhausgas-Ausstoß und dem Meereis-Rückgang im arktischen Sommer? Am Anfang war der Forscher vom Max-Planck-Institut für Meteorologie selbst skeptisch, wie er sagt:

"Da waren wir auch erst überrascht, als wir diesen linearen Zusammenhang gesehen haben. Allerdings ist dieser lineare Zusammenhang von Meereis zumindest in Bezug auf die globale Temperatur schon seit vielen Jahren bekannt. Wir konnten ihn bisher nur nicht erklären."

Beziehung von Treibhausgas-Emissionen und Meereis-Schwund

Also: Je wärmer die Erdatmosphäre wird, desto stärker schrumpft auch die Meereisfläche im arktischen Sommer. Ein Trend, den Klimaforscher schon seit dem Beginn der Satelliten-Ära vor knapp vier Jahrzehnten beobachten.  Dirk Notz und seine niederländische Kollegin Julienne Stroeve gingen jetzt einen Schritt weiter. Sie zogen auch noch Messungen von Schiffen und Flugzeugen in der Arktis heran, die bis in die 1950er-Jahre zurückreichen. Und sie setzten den Meereis-Schwund in Beziehung zur Entwicklung der weltweiten Treibhausgas-Emissionen:

"Und sehen auch da diesen linearen Zusammenhang. Was für uns ein Anzeichen dafür ist, dass es einen ganz fundamentalen Mechanismus geben muss, der einfach diesen linearen Zusammenhang sozusagen erzwingt."

Entscheidende Dinge passieren dabei an der Meereis-Kante. Dort ist es gerade kalt genug für das Eis. Das heißt: Die geballte Kraft der Sonne und des Treibhauseffekts durch Klimagase wie CO2 ist ein bisschen zu schwach, um das Packeis an dieser Stelle zu schmelzen. Man könnte auch sagen, das Eis lässt sich durch die Strahlungsenergie, die an seinem Rand auftrifft, nicht aus dem Gleichgewicht bringen:

"Und wenn wir jetzt irgendwo auf der Erde eine Tonne Kohlendioxid freisetzen, dann wird das Klima insgesamt ein bisschen wärmer. Und das führt dann dazu, dass die Eiskante sich Richtung Norden bewegt, in eine Region mit geringerer Sonneneinstrahlung - einfach, um dieses Gleichgewicht aufrechtzuerhalten."

"Wir können zum ersten Mal genau ausrechnen, wann das arktische Packeis verschwunden sein wird."

Mit der Formel "Eine Tonne CO2 = minus 3 Quadratmeter Sommer-Meereis" werden die Folgen unseres Tuns für das Klima viel anschaulicher. Aber nicht nur das. Dirk Notz geht davon aus: Diese Korrelation zwischen Kohlendioxid-Ausstoß und Packeisschwund bleibt auch in Zukunft gültig. Die Folge:

"Wir können jetzt zum ersten Mal sehr genau ausrechnen, wann das arktische Packeis im Sommer verschwunden sein wird. Und zwar ergibt sich das aus unserer Studie, dass das arktische Sommer-Meereis dann weg sein wird, wenn wir noch etwa tausend Gigatonnen Kohlendioxid freigesetzt haben. Das sind 1.000 Milliarden Tonnen. Im Moment setzt die Menschheit jedes Jahr etwa 35 Milliarden Tonnen Kohlendioxid frei. Das heißt, beim derzeitigen Ausstoß wäre die Arktis in etwa 30 Jahren den gesamten September über eisfrei."

Am Genau heute tritt der Klimavertrag von Paris in Kraft. Mit dem erklärten Ziel, die globale Erwärmung auf zwei Grad Celsius zu begrenzen. Auch hier haben Forscher abgeschätzt, wieviel Kohlendioxid dann überhaupt noch in die Atmosphäre entweichen darf, um diese Ziel zu erreichen. Es sind sogar weniger als tausend Gigatonnen! Woraus der Hamburger Meteorologe ableitet, "dass das Zwei-Grad-Ziel nicht ausreicht, um das arktische Meereis im Sommer zu erhalten."

Kann der Weltklimagipfel in Marrakesch etwas bewegen?

Könnte die neue Studie also Politiker und Regierungen stärker aufrütteln, die sich ab der kommenden Woche 'mal wieder zum Weltklimagipfel treffen, diesmal in Marrakesch? Peter Lemke vom Alfred-Wegener Institut für Polar-und Meeresforschung ist da skeptisch: "Manchmal bin ich nicht so sicher, ob irgendetwas überhaupt hilfreich ist, um unseren Politikern zu zeigen, wie ernst die Lage eigentlich ist."

Persönliche CO2-Emissionen in arktische Eisverluste zu übersetzen - diese Idee hält der Klimaphysiker aber für durchaus seriös:

"Ich finde, das ist eine interessante Betrachtungsweise des Rückganges und dessen, was wir tun. Diese Verbindung kann man natürlich ziehen. Das ist eine Korrelation. Die ist interessant. Ob sie wirklich im Detail stimmt, das muss man abwarten."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk