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StartseiteKommentare und Themen der Woche"Strategie des Beharrens ist vergeudete Zeit"12.10.2018

Klimawandel"Strategie des Beharrens ist vergeudete Zeit"

Ob im Fall Hambacher Forst, im Streit über die Nachrüstung der Dieselautos oder bei den CO2-Einsparzielen der EU – die Politik laviere herum, kritisiert Joachim Frank, Chefkorrespondent der Dumont Mediengruppe und der Frankfurter Rundschau. Dabei wolle die Mehrheit der Deutschen mehr Klimaschutz.

Von Joachim Frank

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ARCHIV - 11.09.2018, Nordrhein-Westfalen, Morschenich: Der Tagebau Hambach schiebt sich an den Hambacher Forst. Der Hambacher Forst zwischen Köln und Aachen gilt als Symbol des Widerstands gegen die Kohle. Foto: Federico Gambarini/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ (dpa)
Der Hambacher Forst zwischen Köln und Aachen gilt als Symbol des Widerstands gegen die Kohle (dpa)
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Zu ihrem Wald hatten die Deutschen schon immer ein besonderes Verhältnis. Die Philosophin und Publizistin Thea Dorn macht daran sogar fest, was "typisch" deutsch sei – inklusive der Angst um den deutschen Wald.

Schon Martin Luther hatte die Sorge, es werde Deutschland noch vor dem jüngsten Tage an wildem Holze mangeln. Ausdruck des gleichen "Spleens", meint Thea Dorn, wie die Erregung der Gemüter in den 1970er- und 1980er-Jahren um das "Waldsterben".

Schon damals war die Sorge um den Wald – ob nun typisch deutsch oder nicht – mit der Erkenntnis verbunden, dass der gedankenlose oder gar mutwillige Eingriff des Menschen in das fragile ökologische Gleichgewicht zur Zerstörung seiner Umwelt und damit zur Vernichtung der eigenen Lebensgrundlagen führt. Ein planetarisches Harakiri, ein apokalyptischer Totentanz.

Ist das zu laut, zu alarmistisch? Von Waldsterben und saurem Regen redet heute schließlich keiner mehr. Doch um den Wald wird auch heute noch gekämpft. Der Hambacher Forst im nordrhein-westfälischen Braunkohlerevier ist längst zu einem Symbolort geworden. Anwohner, Umweltverbände und Aktivisten versuchen, die Rodung der letzten 200 Hektar eines ursprünglich zwanzigmal größeren, 12.000 Jahre alten Waldgebiets zu verhindern. Mit allen Mitteln und einige von ihnen buchstäblich mit aller Gewalt.

Der Energieriese RWE hält dagegen. Er will in Hambach die Braunkohlevorkommen abbaggern. Im Streit um den Hambacher Forst hat das Oberverwaltungsgericht Münster jetzt die Rodung vorerst gestoppt.

Mehrheit der Bevölkerung für mehr Klimaschutz

Versorgungssicherheit, Strompreis, Arbeitsplätze – solche Stichworte führen die Befürworter des Tagebaubetriebs wie Mantras im Munde. Schadstoff-Belastung, Umweltzerstörung, Klimakatastrophe – das sind regelmäßig die Schlagworte der Gegner.

Sie haben laut einer aktuellen Umfrage die Mehrheit der Bevölkerung auf ihrer Seite. Im ARD-Deutschlandtrend von diesem Wochenende sagen 84 Prozent der repräsentativ Befragten, das wichtigste Kriterium beim Thema Kohle sei "die Berücksichtigung des Klimaschutzes".

Das bedeutet: Es gibt ein hohes Maß an Sensibilität in der Bevölkerung für die schädlichen Folgen des eigenen Lebenswandels. Für die Politik ist das eine selten komfortable Situation. Sie könnte die Menschen beim Wort nehmen, wenn sie sagen, die Regierung solle mehr für den Klimaschutz tun. 74 Prozent der Deutschen sind dieser Meinung.

Aber ob im Fall Hambach, ob im Streit über die Nachrüstung der Dieselautos oder bei den CO2-Einsparzielen der Europäischen Union, die in dieser Woche in Luxemburg neu verhandelt wurden – immer lavieren die politisch Verantwortlichen herum, schwanken zwischen vollmundigen Bekenntnissen zum Klimaschutz einerseits und Nachgiebigkeit gegenüber den Interessen mächtiger Konzerne wie RWE oder VW.

Dass das größte deutsche Automobil-Unternehmen "Volkswagen" heißt, das ist angesichts seines Umgangs mit den Interessen der Käufer ein grimmiger Sarkasmus. Und dass Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer von der CSU – genau wie sein Vorgänger Alexander Dobrindt – mehr oder weniger unverhohlen als Lobbyist der Konzerne und nicht als Sachwalter der Bürger auftritt – das ist ein Konjunkturprogramm für Politikverdrossenheit, wie es sich kein Demokratieverächter besser ausdenken könnte.

"Die Sintflut hat uns erreicht"

Natürlich, es gibt in der Politik – und gerade in der Umweltpolitik – Interessenkonflikte. "Was wird aus uns?", fragen RWE-Mitarbeiter, und mancher Bürger fürchtet, dass ohne die Braunkohle das Licht ausgehen könnte.

Nun hat das höchste Gericht des Landes Nordrhein-Westfalen bei seinem Urteil zum vorläufigen Rodungsstopp genau dieses Argument des drohenden Blackouts nicht gelten lassen. Aber vom juristischen Streit abgesehen: Müssen wir die zentrale und berechtigte Frage "Und was wird aus uns?" nicht dringend in einen viel weiteren Zusammenhang stellen? Bis vor nicht allzu langer Zeit galt für den Raubbau an der Natur das Nach-uns-die-Sintflut-Prinzip. Inzwischen erleben wir buchstäblich, dass die Sintflut uns erreicht.

Jedes Argument für eine Strategie des Beharrens und des Aussitzens ist ein verschwendetes Wort, ist vergeudete Zeit und Energie. Hätten die deutschen Automobilkonzerne das viel früher begriffen, würden ihnen heute nicht die Konkurrenten um alternative Antriebe den Rang ablaufen. Und hätten die Energieriesen schon früher ihre Anstrengungen in Forschung und Technik auf die Erneuerbaren konzentriert, müssten sich die Schaufelbagger von RWE vielleicht nicht mehr weiter durch die Jülicher Börde fressen.

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